Wie diese Gesichter wohl damals aussahen, als sie nach der letzten Schulstunde am 31. März 1954 durch das große Gittertor hinaus auf die Graefestraße traten? Gerade mal 14 oder 15 Jahre alt waren sie. Nach der neunten Klasse ging für sie die Schulzeit zu Ende. Ein neues Leben lag vor ihnen. Hatte Lothar Friedemann schon diesen ruhigen, aber auch melancholischen Blick? Strahlte Dieter Schmidt etwas von der Cleverness aus, die heute durch seine Augen blitzt? Wirkte Wolfram Schlißke bereits so bedächtig und nachdenklich, Wolfgang Tucholski so aufgeräumt und geradeheraus? Und Günter Schmidt? 75 ist er heute und macht einen aufgekratzten Eindruck, damals muss er auch ziemlich frech gewesen sein. „Er saß hinter mir, hat mich immer geärgert. Mich an den Haaren gezogen“, petzt einer. „Stand nicht in deinem Zeugnis, dass du immer den Unterricht gestört hast?“, meldet sich ein anderer.
19 ältere Herren stehen in der Kreuzberger Graefestraße auf dem Hof der Friedrich-Ludwig-Jahn-Schule, die heute Sekundarschule Graefestraße heißt. „Hat sich eigentlich nichts verändert“, meint einer. Na ja, Holzbänke, Tischtennisplatten und Basketballkörbe gab es noch nicht. In der Pause mussten sie damals immer brav im Kreis laufen. Sie durften sich unterhalten, aber bloß nicht durcheinander rennen.
Einige haben über die Jahrzehnte den Kontakt gehalten. Waren zusammen bowlen, einen trinken, auch mal verreist. Aber andere studieren neugierig die Gesichter der Neuankömmlinge: Kenne ich den? Ist das etwa der Jürgen? Und dann gibt man sich zögernd die Hand. Umarmen ist nicht so angesagt. Ist einfach zu lange her, dass man gemeinsam die Schulbank gedrückt hat.
Friedemann hat sie zusammengebracht
Lothar Friedemann ist der Mann, der sie wieder zusammengebracht hat. 31 Schüler waren es damals, bei den 19 Ehemaligen heute gehören auch einige der Parallelklasse an. Friedemann war Vertrauensschüler, irgendwie hat er das Amt bis heute inne. Auf seinem Zeugnis stand damals das Wort Idealist. Bis heute sorgt er dafür, dass die Kontakte nicht abreißen. Nach einem seiner Mitschüler hat er sogar mal über das Auswärtige Amt in Uruguay fahnden lassen. In der Schulzeit hat er sich darum gekümmert, dass der Milchpreis an der Schule nicht höher wurde, dass Trümmerberge endlich verschwanden, die noch auf dem Schulhof lagen. Als die Fenster in den Klassenzimmern dreckig waren, hat er direkt an den Kreuzbürger Bezirksbürgermeister geschrieben.
Hochverehrter Herr Bürgermeister Kressmann, da Sie bei uns in der O.P. 4 Gräfestraße als ein aufgeschlossener Freund der Schülermitverwaltung bekannt sind, haben wir eine große Bitte vom Schülerrat an Sie: In unserer Schule sind die Fenster so schmutzig, so daß man kaum durch sehen kann. Da wir zur Selbsthilfe greifen wollten, um die Fenster selbst zu putzen, da wurde uns gesagt, daß vom Schulamt angeordnet worden ist, daß die Scheiben 2x im Jahr geputzt werden. Einmal im Frühling und einmal im Herbst. Das Putzen ist zu wenig. Wir möchten unsere Schule als eine zweite Heimat haben, aber dazu sind saubere Fenster notwendig.
Bitte, bitte helfen Sie uns.
Völlig überraschend tauchte nun der Bürgermeister beim Rektor auf. Wollte die Fenster inspizieren. Mit dem ahnungslosen Schulleiter ging er durch die Räume. Wenig später wurden die Fenster geputzt.
Friedemann blieb dem Bürgermeister Willy Kressmann fortan im Gedächtnis. Immer wieder kreuzten sich ihre Wege. Kressmann war eine bekannte Figur in der Berliner Politik und besonders in Kreuzberg sehr beliebt. 13 Jahre lang stand er dem Bezirk vor. Von einer Amerika-Reise hatte er einen weißen Stetson-Hut mitgebracht, den er gern trug und ihm den Spitznamen „Texas-Willy“ einbrachte. Und Friedemann? Der lebte mit seinen sieben Geschwistern in einer Zwei-Zimmer-Hinterhofwohnung. Seine Mutter war 1943 gestorben, der Vater brachte 1949 die zweite Stiefmutter mit nach Hause. Mehr als ein paar Stullen mit einem selbst gemachten Melasse-Aufstrich gab es über den Tag nicht zu essen. Zum Brotholen wurden die Kinder in den Ostteil der Stadt geschickt, weil es dort billiger war.
„Du kommst in die Verwaltung!“
Das Geld war knapp, und deshalb sollte Lothar Friedemann schon nach der achten Klasse die Schule verlassen und Bäcker lernen. Das aber verhinderte Kressmann, als er davon erfuhr. „Der Bürgermeister sagte: „Du kommst einmal zu mir in die Verwaltung.“ Friedemann war mittlerweile an die Spitze der Schülermitverwaltung gewählt worden, war sozusagen der Kopf aller Vertrauensschüler seiner Schule. Die Presse berichtete von seinen Initiativen. Er kämpfte für eine Vergrößerung des Schulhofes. Im Schulfunk-Parlament des Rias drang er auf genügend Werkräume für die Schulen. Gleichzeitig lud Kressmann alle Kreuzberger Vertrauensschüler ins Rathaus. Sie sollten einmal erzählen, was sie von ihrem Bezirk halten. Den Vorsitz der Veranstaltung hatte – natürlich Friedemann, der gerade einmal 14 Jahre alt war.
Während seine Mitschüler nach der neunten Klasse Maurer, Elektriker oder Schlosser lernten, war es klar, dass Friedemann im Kreuzberger Rathaus anfing. Kressmann behielt den Jungen weiterhin im Auge. Als er im Sommer für die Arbeit lange Hosen brauchte, zückte der Bürgermeister das Portemonnaie.
Auch ein anderes Ereignis wirft ein interessantes Licht darauf, wie viel Fürsorge der Bürgermeister seinem Zögling angedeihen ließ. Eines Abends spielte der Vater in der engen Wohnung mit ein paar Freunden Skat. Friedemann und seine beiden Brüder schliefen normalerweise im Flur, aber an diesem Abend mussten sie wach bleiben, bis das Spiel beendet war. Gegen zehn Uhr sagte der Vater zu seinem Sohn, er solle mal in die Kneipe runter gehen und Bier holen. In dem Lokal saß Kressmann, und als der seinen Schützling sah, fragte er ihn, was er denn um diese Uhrzeit hier mache. Der Junge erklärte brav die Sachlage. Der Bürgermeister war erbost, begleitete Friedemann zur Wohnungstür und klingelte. „Mein Vater machte auf und kriegte einen Schreck. Der Bürgermeister war ja ein bekannter Mann mit seinen buschigen Augenbrauen. Und er sagte zu meinem Vater: ,Wenn Sie noch einmal Ihren Sohn um diese Zeit runterschicken, dann kriegen Sie mit mir Probleme. Dann schicke ich Ihnen das Jugendamt hierher.’ Mein Vater wusste gar nicht, was er sagen sollte. Aber er hat mich nie wieder zum Bierholen runtergeschickt.“
60 Jahre später führt Friedemann den kleinen Trupp der Ehemaligen an, der durch das Treppenhaus der Friedrich-Ludwig-Jahn-Schule streift. Für die 19 Herren, Jahrgang 1938 und 1939, ist es schwer, Zeichen aus ihrer Schulzeit zu finden. Manfred, hier rechts war die Klasse, oder? In dem Klassenzimmer, in dem sie in der Neunten zuletzt unterrichtet worden waren, stehen mittlerweile zwei große Billardtische für die Tagesschüler. Die Türen waren damals nicht gelb. Linoleum gab’s auch nicht. Ob sie damals auf der Toilette heimlich Sprüche an die Wände gekritzelt haben? Nee. Sagen Se mal!!! Einer erzählt von der Schulspeisung. Kakao mit einem Brötchen. Und Kekssuppe. Da schwammen manchmal noch Reste von der Zellophanverpackung drinnen.
Im Tintenfass war oft nur Dreck
Jetzt setzen sie sich alle in einen Klassenraum im ersten Stock. An ihren Schulbänken früher war vorne noch ein Tintenfass, in das sie zum Schreiben ihre Federn tunken konnten. „Meistens war aber nur Dreck drinnen“, will sich einer erinnern. Erzählt wird auch, dass die Dummen immer nach hinten und die Schlauen nach vorne gesetzt wurden. „Die, die hinten gesessen haben, haben immer die schweren Fragen bekommen, und die vorne die leichten.“
Nicht alle konnten nach dem Ende der Schulzeit gleich eine Lehrstelle finden. Einige hätten Kohlen geschleppt, sechs Monate, ein Jahr, und seien schließlich gar nicht mehr in eine Ausbildung gekommen. „Die haben nischt gelernt“, sagt einer. Wolfgang Tucholski hatte Glück. Gleich nach dem Abschluss lernte er Elektro/Maschinenbau – und ist auch in dem Beruf geblieben. Er war bei der AEG und der Bewag in Berlin. Aber seine ehemalige Schule in Kreuzberg sieht er heute nach 60 Jahren zum ersten Mal wieder. Mit dem Schriftsteller Kurt Tucholsky ist er aber nicht verwandt, oder? Der wird ja auch hinten mit „y“ geschrieben. „Doch. Könnte sein“, meint er. Sein Vater habe früher einmal nachgeforscht. Ein Blick ins Lexikon zeigt, dass Kurt Tucholskys Vater Alex Tucholsky seine Cousine Doris Tucholski geheiratet hatte, so kamen also „y“ und „i“ zusammen. Er habe schon Bücher von dem möglichen Verwandten gelesen. Schon eigenartig, auf welche dichterischen Spuren man bei einem Klassentreffen stößt.
Zurück ins Klassenzimmer. Einer spielt jetzt von seinem Computer eine etwas zackige Melodie ab. Sie soll an den Klassenlehrer Tribbensee erinnern, den sie in der neunten Klasse hatten. Er war Sportlehrer, und in jeder Stunde ließ er seine Schüler durch die Halle marschieren und singen. Besonders Lieder aus der Kaiserzeit lagen ihm dabei am Herzen. Auch er scheute nicht vor der Prügelstrafe zurück – wie viele Lehrer damals. „Haste dein Gedicht nicht gelernt, konntste nach vorne gehen und dir ein paar Backpfeifen abholen“, erzählt einer. „Haste keine Schularbeiten gemacht, gab es auch mal den Knüppel. Dann musste man sich über die Bank legen.“
Bei einem Lehrer fallen heute sogar Beschreibungen wie „sadistische Züge“ und „bei dem ist innerlich irgendwas runtergelaufen“. Er bestrafte die Schüler, in dem er ihnen mit einem Lineal auf die Finger haute. Nicht mit der flachen Seite, sondern hochkant, „damit es richtig schön wirkte. Er hat einen auch derart stark an den Ohren gezogen, dass man hinterher hinfassen musste, ob sie noch dran sind.“
Plötzlich konnte man sich wehren
Doch die Autoritäten bröckelten. Strenge Erziehungsmethoden aus Kaiserzeit und Nationalsozialismus waren nicht mehr angesagt, obwohl sie noch in den Gemütern vieler Lehrer verankert waren. Es war ja Demokratie, und auch die Schüler begriffen, dass sie sich wehren konnten. Und manchmal prallten dann zwei sehr gegensätzliche Welten aufeinander. „Wir hatten einen Physiklehrer, der hat immer die Pausen über gearbeitet“, erzählt Lothar Friedemann. „Da habe ich zu meinen Mitschülern gesagt, das lassen wir uns nicht gefallen. Wenn er wieder über die Pause arbeitet, stehen wir alle auf und gehen raus.“ Stur wollte der Pauker in der nächsten Unterrichtsstunde sein Programm durchziehen. Als es zur Pause läutete, stand Friedemann auf. Seine 30 Klassenkameraden folgten ihm nach kurzem Zögern. Als der Lehrer das sah, schob er sein Pult vor die Tür und erklärte: „Wer hier vorbeigeht, den strecke ich mit einem einzigen Faustschlag zu Boden.“ Daraufhin fingen die Schüler an, die Nationalhymne zu singen. Einigkeit und Recht und Freiheit.
Der Lehrer beschwerte sich bei der Schulleitung. „Der Rektor kam und hat uns einen Vortrag gehalten. Solch ein Lied dürfe man doch nicht einfach so singen. Das sei doch was Besonderes, was Heiliges.“ Doch die Schüler hatten sich durchgesetzt: Der Lehrer hielt danach die Pausen ein.
Fast alle der ehemaligen Schüler leben heute noch in Berlin. Die weiteste Anfahrt hatte einer aus Holland. Als sich damals die Schultore für sie schlossen, begab sich einer auf eine Reise um den halben Erdball herum. Dieter Schmidt war 14. Sein Vater war im Krieg gefallen. Die Mutter heiratete neu. Der Stiefvater hatte eine Schwester in Uruguay und die Familie beschloss, in das südamerikanische Land auszuwandern. „Wir kamen am 19. Juni 1954 an. Einen Tag später wurde ich 15.“ Schmidt fand es „super – das Meer, das Klima“. Was für ein Unterschied zu dem Berlin, in dem man auch nach neun Jahren immer noch die Auswirkungen des Zweiten Weltkrieges gespürt hatte. Der Junge begann eine Ausbildung als Fotograf. Später machte er Bilder auf Hochzeiten und anderen Festen. Nach zwölf Jahren eröffnete er ein Fotolabor.
Die Suche nach Schmidt
Friedemann, der Kümmerer, hielt den Kontakt aufrecht. Immer wieder trafen in Montevideo Briefe aus dem fernen Deutschland ein. Aber eines Tages kam die Post zurück. Wo war Schmidt geblieben? Friedemann fragte beim Auswärtigen Amt an, ob man ihm dort bei der Suche nach dem Verschollenen behilflich sein konnte. Der Rundfunk sendete daraufhin in Uruguay einen Aufruf. Schmidt war gerade auf einem Zeltplatz, als ein Bekannter, der Radio gehört hatte, zu ihm sagte: Du wirst gesucht. Der Kontakt zu Friedemann war wiederhergestellt, mittlerweile ist Schmidt nach Berlin zurückgekehrt.
An dieser Stelle müssen jetzt endlich einmal die Frauen in die Geschichte Einzug halten. Die gab es nämlich auch. Schmidt verliebte sich in Uruguay, sie war die Tochter deutscher Auswanderer. Aber Friedemann hatte sich in eine Frau verguckt, die er aus seiner Schulzeit kannte. Etwa 1952 war es nämlich zu einer kleinen Revolution gekommen. Nicht in Friedemanns Klasse, da blieben die Jungs unter sich. Doch in die Parallelklasse zog eines Tages eine Schar Mädchen ein, und das brachte die vorpubertären Bengel ziemlich durcheinander. „Die Mädchen kamen rein, guckten beschämt, und wir wussten auch nicht, was wir machen sollten“, schildert einer das Geschehen. Die Mädchen setzten sich in die Mitte. Links und rechts wurden sie von den Jungs eingerahmt. Während des Werkunterrichts der Jungen mussten die Mädchen stricken lernen. Als einer der Jungen einem Mädchen an der Stricknadel zog und die Maschen hinunterfielen, schritt der Lehrer ein. Wie viele Maschen es denn waren, wollte er wissen. 40! Der Junge wurde zu 40 Seiten Strafarbeit verurteilt, die er aus einem Buch abschreiben sollte. Seine Klassenkameraden halfen ihm, die Strafe abzuarbeiten. „Der Lehrer hat so getan, als ob er es nicht merkt.“
Es war ein Versuch, Jungs und Mädchen zusammenzubringen. Nach einiger Zeit wurden sie wieder getrennt. Was heute normal ist, etablierte sich in den 50er-Jahren erst langsam. Die Mädchen blieben allerdings auf der Schule. In diesen Tagen feiern auch sie ihr 60-jähriges Klassentreffen und haben einige ihrer ehemaligen männlichen Mitschüler eingeladen. Friedemanns Herren bleiben lieber unter sich.
Stolz auf die eigenen Kinder
Was den Jungen übrigens verwehrt war – das Abitur zu machen und zu studieren –, haben viele ihren Kindern ermöglichen können. Sie erzählen stolz von diesen Kindern, die auf Universitäten waren und heute in tollen Berufen sind. Ein Sohn von Wolfram Schlißke arbeitet in der Oberfinanzdirektion, ein zweiter ist Chefingenieur bei Rolls Royce, die Tochter studiert Soziologie. Sein eigenes Leben war eher eine Achterbahnfahrt. Der Vater starb in den letzten Kriegstagen an der Oder. Die Mutter bekam nur noch einen kleinen Karton mit den Unterlagen ihres Mannes. Der Großvater übernahm Funktionen des Vaters, baute für den Kleinen Spielzeug und übte mit ihm Mathe. Nach seinem Schulabschluss lernte Schlißke Schriftsetzer. Als in den 90er-Jahren sein Betrieb schließen musste, war er zweieinhalb Jahre arbeitslos. Er machte eine Ausbildung im sozialen Bereich und arbeitete mit Behinderten. Auch als Korrektor wurde er eingesetzt. „Lernen ist so wichtig. Das habe ich immer auch versucht, meinen Kinder weiterzugeben“, sagt er.
Sein Freund aus der Schulzeit ist Günter Schmidt, der als Junge so frech war. Er brachte es dennoch zu Friedemanns Stellvertreter als Vertrauensschüler. Schmidt wäre gern weiter zur Schule gegangen. „Damals war das aber nicht möglich. Meine Mutter war arbeitslos und alleinerziehend.“ Der Vater hatte zwar den Krieg überlebt, aber das Geschehen nicht verkraftet. „Er war etwa ein Jahr bei uns. Dann ist die Ehe in die Brüche gegangen. Mein Vater war recht gewalttätig. Ich war froh, dass er aus dem Haus war.“ Schmidt bekam eine Lehrstelle als Speditionskaufmann. Nach fünf Jahren wechselte er zur Bundesversicherungsanstalt für Angestellte und wurde dort Hauptsachbearbeiter. Er wohnt jetzt am Tegeler See. „In meiner Kindheit und Jugend habe ich nur Hinterhofmauern gesehen. Jetzt habe ich Wald- und Seeblick. Manchmal wird es auch besser im Leben.“
Der Kontakt zu seinem Klassenkameraden Lothar Friedemann blieb natürlich bestehen, dafür sorgte Friedemann schon selbst. Er half auch. „Lothar hat für meine Mutter einen Arbeitsplatz als Raumpflegerin in der Kreuzberger Fürsorgestelle gefunden.“ Aber eigentlich war es Willy Kressmann zu verdanken. Friedemann hatte ihn angerufen und den Fall der Mutter seines Schulfreundes geschildert, die schon so lange keine Arbeit hatte. „Er hat das dann gemacht.“
Als Dienstanwärter hatte Friedemann am 1. Mai 1954 in der Kreuzberger Verwaltung angefangen, in den 90er-Jahren schlug er die gehobene Beamtenlaufbahn ein und brachte es zum Amtsrat. Sein Förderer Willy Kressmann war 1962 als Kreuzberger Bürgermeister abgewählt worden. Er hatte sich mit seiner Partei am Schluss überworfen. Aus der SPD trat er aus und zog nach Bayern. Einmal sah ihn Friedemann noch, als Kressmann sein alte Wirkungsstätte, das Rathaus, besuchte. Sein Zögling muss etwas steif und verschämt dagestanden sein. Kressmann schaute ihn an und sagte: „Typisch, wie früher hast du deine Hände in der Tasche.“
Die alten Herren haben mittlerweile die Schule verlassen und sitzen jetzt bei Bier und Pizza in einem Lokal an der Urbanstraße zusammen. Einer wischt sich gerade den Schaum vom Mund und sagt: „So lange können wir nicht mehr warten. Jetzt müssen wir uns jedes Jahr treffen.“


