Wie sich das wohl anfühlen muss, seit Jahren immer als Talent gehandelt zu werden? Nie ganz oben anzukommen. Immer als der, der in zwei Jahren... Jan Böhmermann muss das wissen. 33 ist er jetzt.
Seinen ersten großen Coup landete er vor neun Jahren. Beim Radiosender 1Live veröffentlichte er Lukas' Tagebuch. Fußballer Lukas Podolksi, dessen fiktives Tagebuch dort vorgelesen wurde, klagte dagegen. Scheiterte natürlich.
Böhmermann macht als Entertainer, als Narr der Nation alles richtig. Er führte für Harald Schmidt in der ARD die Privatsender vor, die ihn als Schweinegrippe-Patienten Rüdiger Alt interviewten. Natürlich war er nie krank. Bei ZDFkultur war er zusammen mit Charlotte Roche Gastgeber einer wunderbaren Talkshow, in der noch getrunken und geraucht wurde. Gerade moderiert er das Neo Magazin auf ZDFneo, RTL arbeitet an einer Sendung mit ihm. Und am Dienstagabend stand Böhmermann mit seinem Comedy-Programm „Schlimmer als Jan Böhmermann“ im Berliner Postbahnhof auf einer Bühne.
Schlimmer als Jan Böhmermann sind viele Menschen
Voll ist es. Ausverkauft steht vorn. Es gibt aber noch ein paar Karten an der Abendkasse. Hier sitzen die Menschen, die am liebsten Texte von Hoodie-Journalisten lesen, noch lieber aber so Bilderlisten mit den zehn lustigsten Tieren anschauen. Hier sitzen sie in Reihe 1 bis Reihe 50. Mit Baseballcaps und Weizenbier mit Grapefruit drin. Die Generation, die zwischen 25 und 35 ist. Die Sätze mit „whatever“ enden lässt. Die eine Aufmerksamkeitsspanne von einer gestreamten Folge „How I Met Your Mother“ hat.
Schlimmer als Jan Böhmermann sind viele Menschen. William Cohn, der Ansager aus der Talksendung „Roche & Böhmermann“, zählt zu Beginn des Programms per Video eingespielt einige auf. Im Hintergrund ist so eine Musik, wie aus „Der Preis ist heiß“ oder irgendeiner anderen Spielshow von früher. „Hitler, Stalin, Adel Tawil“, sagt er also. Und die Gesichter dieser schlimmen Menschen ziehen vorbei. Das ist wirklich lustig. „Kim Jong-un“ folgt in der Aufzählung und wir sehen Philipp Rösler und das Lachen wird noch lauter.
Böhmermann kommt auf die Bühne. Grauer Anzug. Er wirkt so wie einer, der mit dem Headset auf die Welt gekommen ist. Das hautfarbene Headset ist Teil seines Körpers. Er könnte Youtube-Konferenzen moderieren oder einen Body mit Strasssteinen im QVC verkaufen. So wirkt das, und das ist seine gemeinste Waffe. Weil wir ihn in seiner optischen Beliebigkeit knallhart unterschätzen.
Kann immer noch Bürgermeister in Duisburg werden
Sein Warm-Up-Programm im Stehen zeigt, was Böhmermann kann, nämlich alles, und das besser als Raab und zuletzt Harald Schmidt. Raab führte er zuletzt mit einer erfunden „Blamieren oder Kassieren“-Kopie aus Asien vor. „Wenn die Veranstaltung hier so richtig in die Hose geht, kann ich immer noch Bürgermeister in Duisburg werden. McDonald's hat in der Stadt Duisburg einen Gedenkburger herausgebracht. Den McRib - Rest in Beef.“ Das kommt an in Berlin.
Böhmermann reitet in einer atemlosen Geschwindigkeit durch die Medienlandschaft. Hier ein Gospel für Markus Lanz, da ein Gag über Laura Himmelreich, die Journalistin, die Brüderle in ihrem Portrait „Der Herrenwitz“ vorführte. „Himmelreich geht mit Nutella auf den Brüsten zum FDP-Parteitag und ist auf der Suche nach Sexismus.“ Da die NSU: „Beate Zschäpe – Das Fickhäschen der NSU“
Man mag es geschmacklos finden, aber diese Art des Witzes ist reinigend, so reinigend, wie Harald Schmidt am Anfang seiner Karriere war. Böhmermann nimmt den ganzen Schmutz auf sich, die Zuhörer können lachen und wir als Nation haben uns unserer Traumata entledigt. So funktioniert guter bösartiger Humor.
Böhmermann ist lange kein Talent mehr. Eigentlich müsste er ganz oben sein. Nicht auf ZDFneo oder ZDFkultur laufen, sondern im Ersten, oder sonst wo, zur besten Zeit. Aber Fernsehen hat schon lange keinen Mut mehr. Die mit den Baseballcaps und mit dem Weizenbier, die mit den Hoodies, die streamen lieber. 20 Minuten höchstens. Wenn Böhmermann aber kommt, bleiben sie länger als zwei Stunden sitzen.



