Bei der in einem Berliner S-Bahn-Tunnel gefundenen Leiche handelt es sich um die eines 13-jährigen Jungen. Der Jugendliche sei von einem bisher nicht identifizierten Zug erfasst worden, sagte ein Polizeisprecher am späten Montagabend.
Ein Zugführer alarmierte gegen 16.25 Uhr Bundespolizei und Feuerwehr, weil er in einer Nische in der Nähe des Tunneleingangs eine Person im Gleisbett gesehen hatte. Offenbar hatte der vorherige Zug den 13-Jährigen erfasst. Ersten Erkenntnissen nach wurde er nicht überrollt, sondern seitlich von dem Triebwagen angefahren. Einem Ermittler zufolge hatte sich der Junge dort zum Spielen aufgehalten, wahrscheinlich war er in Begleitung eines Freundes gewesen. Zeugen hatten die beiden zuvor im Bereich des Bahnhofes gesehen.
Zunächst schien es sich um eine normale Meldung zu handeln, wie sie die S-Bahn fast täglich bekannt gibt: Zwischen Yorckstraße und Anhalter Bahnhof sei der Verkehr vorübergehend unterbrochen, hieß es am Montagnachmittag gegen 16.30 Uhr. Betroffen seien die Linien S1, S2, S25. Ein Ersatzverkehr werde nicht eingerichtet. Auch der Grund der Unterbrechung – ein Polizeieinsatz – wirkte nicht unbedingt ungewöhnlich.
Bundes- und Landespolizei müssen immer wieder zu Einsätzen auf Bahnhöfen und auch auf Gleisen ausrücken. Manchmal geht es dabei um die Verfolgung von Kriminellen, manchmal auch um Rettungseinsätze für Menschen, die sich absichtlich vor einen Zug geworfen haben.
Kein Routine-Einsatz
Wenige Minuten später teilte ein Sprecher der Bundespolizei jedoch mit, dass in diesem Fall nichts auf einen routinemäßigen Einsatz hindeute. Nachdem die Beamten offenbar von einem Zugführer informiert worden waren, dass sich Personen im Gleisbereich aufhielten, seien Einsatzkräfte die Strecke abgelaufen. „Wir haben eine tote Person gefunden“, sagte der Sprecher. „Leider handelt es sich dabei um einen jungen Menschen.“
Gefunden wurde der tote Junge im Streckenabschnitt zwischen den S-Bahnhöfen Anhalter Bahnhof und Yorckstraße. In dem Bereich fahren die S-Bahnen im Tunnel. Etwas näher zur Yorckstraße hin fahren sie unter freiem Himmel. Nach Angaben der Feuerwehr gelangten drei Personen über einen Notausstieg am Technikmuseum in den Tunnel.
Nach Informationen der Morgenpost soll der Jugendliche mit anderen Jugendlichen dann weiter in den Tunnel hinein gelaufen sein – möglicherweise um dort Graffiti zu sprühen. Dabei kam es zum tödlichen Unglück. Ob der Jugendliche von einem Zug erfasst wurde oder auf andere Weise tödlich verletzt wurde, war am Montag zunächst unklar. Nähere Hinweise erhoffen sich die Ermittler von der Obduktion.
Großaufgebot der Polizei
Kurz nach der Bestätigung des Todesfalls versammelte sich ein Großaufgebot von Polizisten und Feuerwehrmännern am Unglücksort. In Höhe des deutschen Technikmuseums stiegen die Einsatzkräfte durch eine Luke in den Tunnel hinab. Nachdem Beamte der Bundespolizisten den Tatort abgesucht hatten, übernahm die Landespolizei die Ermittlungen zur Identitätsfeststellung und den genauen Todesumständen. Die Beamten leiteten ein so genanntes Todesermittlungsverfahren ein.
Mitarbeiter der Gerichtsmedizin transportierten den Leichnam ab. In einer Obduktion soll alsbald die Todesursache abschließend geklärt werden, hieß es noch am frühen Abend. Wenig später brachten Polizeibeamte einen Feuerlöscher weg – offenbar ein Beweismittel, das im Tunnel gefunden wurde.
Wegen des Polizeieinsatzes wurde die Unterbrechung des S-Bahn-Verkehrs gegen 18 Uhr erweitert: Zwischen den Bahnhöfen Potsdamer Platz und Yorckstraße fuhr nunmehr keine S-Bahn. Die Bahn riet Fahrgästen, auf die Regionalzüge und auf Busse auszuweichen. Die Sperrung dauerte mehrere Stunden an.
Letztes Unglück vor einem Monat
Anlässlich des jüngsten Vorfalls warnte die Bundespolizei vor den Gefahren, die von Bahnanlagen ausgehen (siehe Infokasten). Immer wieder kommt es zu Unglücksfällen in Bahnanlagen. Nicht selten sind dabei junge Menschen betroffen – Leichtsinn und Risikobereitschaft spielen mitunter eine Rolle.
Erst vor einem knappen Monat war ein 19-Jähriger beim illegalen sogenannten „S-Bahn-Surfen“ ums Leben gekommen. Der Heranwachsende war mit vier gleichaltrigen Begleitern in der Nacht gegen 1 Uhr auf das Dach eines Zuges der Linie S1 geklettert. Als die S-Bahn zwischen den Bahnhöfen Julius-Leber-Brücke und Schöneberg in einen Tunnel fuhr, stürzte der 19-Jährige vom Dach und zog sich tödliche Verletzungen zu.
Seine Begleiter fuhren noch auf dem Dach bis zum S-Bahnhof Schöneberg und verständigten dort das Bahnpersonal. Als sie vom Tod ihres Bekannten hörten, erlitten die jungen Männer einen Schock. Das Unglücksopfer kam laut Polizei aus Zehlendorf. Dort soll der 19-Jährige nach Morgenpost-Informationen Abitur gemacht haben.
Auch an den Stromleitungen in Bahnanlagen verletzen sich immer wieder Kinder und Jugendliche tödlich. Im November vergangenen Jahres kletterte ein 13-Jähriger im brandenburgischen Rathenow am Bahnhof auf einen Kesselwagen und erlitt einen tödlichen Stromschlag, als er in die Nähe der Oberleitung geriet. Im vergangenen Sommer verunglückte ein Neunjähriger auf ähnliche Weise auf einem Betriebsgelände der Bahn in Prenzlauer Berg.


