Sie schwimmen, sie rudern, sie reiten. Oft allein, meistens aber zu mehreren. Mehr als 600.000 Mitglieder zählten die Vereine des Landessportbundes Berlin (LSB) Anfang vergangenen Jahres.
Elf von ihnen zeichnete der LSB 2014 erstmals mit dem „Zukunftspreis des Berliner Sports“ aus, insgesamt 40.000 Euro Preisgeld vergab der LSB in den Kategorien Kinder- und Jugendförderung oder Vereinsentwicklung. „Mit einem reinen Sportangebot kommt kein Sportverein heutzutage mehr weit“, sagt LSB-Präsident Klaus Böger und spielt damit auf das außergewöhnliche Engagement der ausgezeichneten Vereine an.
Sieben von ihnen stellt die Berliner Morgenpost vor. Beispielweise Inklusion durch Reiten, Juniorweltmeister im Rudern, Kooperationen mit Flüchtlingsheimen – Berlins sportliche Seite mit Zukunft.
TSV Wittenau: Sport im Flüchtlingsheim
Schon öfter wurde der Reinickendorfer Verein TSV Wittenau für seine soziale Ausrichtung im Rahmen des Projekts „Die FitMacher“ ausgezeichnet. Diesmal überzeugte der mit 3250 Mitgliedern größte Breitensportverein im Berliner Norden die Jury durch seine Zusammenarbeit mit dem Flüchtlingsheim Marie-Schlei-Haus in Reinickendorf und gewann dafür den ersten Preis in der Kategorie Kinder- und Jugendförderung. Anfang Juni 2013 zogen dort etwa 200 Menschen aus Syrien, Tschetschenien oder dem Iran ein, teilweise schwer traumatisiert.
Für die etwa 80 Kinder der Flüchtlinge gab es kaum Beschäftigung, den zu einer Eigentümergemeinschaft gehörenden Spielplatz wollten die Anwohner nicht teilen. So rief der TSV Wittenau auf Anfrage der Heimleitung Anfang September das „SpielSportSpaß“-Programm ins Leben. Das Motto: „Streiten sich Erwachsene, leiden die Kinder! Streitet Ihr weiter, wir kümmern uns!“ Wöchentlich leiten drei Übungsleiter verschiedene Bewegungsangebote. Neben dem Eltern-Kind-Turnen für die Kleinen und ihre Mütter gibt es eine Tanzgruppe für größere Mädchen und eine Fußballgruppe für Jungen. Für das Preisgeld gibt es neues Sportmaterial.
KSV Neptun: Frauenquote im Schwimmbad
Die Frauenquote sei bei dem Köpenicker Schwimmverein KSV Neptun längst erfüllt, sagt Vorstandsmitglied und Sportwart Henning Sachs stolz. Gegründet 1889 unter dem Namen „Schwimmclub Neptun Spindlersfeld“, konnte der Verein mit seinem Gleichstellungsprojekt „JederFrau/JederMann“ die Jury überzeugen und bekam den ersten Preis in der Kategorie Vereinsentwicklung. Gezielte Maßnahmen zur Einbindung von Frauen in Trainer- und Führungspositionen, wie sie der KSV Neptun in den vergangenen fünf Jahren auf den Weg brachte, sind im Sport laut Sachs keine Selbstverständlichkeit.
„Wir legen großen Wert auf ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis“, so der Sportwart. Die Hälfte der 14 Übungsleiter sind Frauen, auch der Vereinsvorstand ist zu einem knappen Drittel mit Frauen besetzt. Doch auch bei den Mitgliedern herrscht eine fast ideale Geschlechterbalance. Knapp 500 Mitglieder zählt der Verein, drei Viertel davon sind Kinder und Jugendliche. Trainiert wird im FEZ in der Wuhlheide oder in der Allende-Schwimmhalle in Köpenick. Als Breitensportverein angelegt, konnte durch Kooperationen mit zwei Köpenicker Schulen auch das Leistungsschwimmen vorangebracht werden.
KJRFV Zehlendorf e. V.: Inklusion durch Reitsport
Bekannt ist der 1988 gegründete Kinder- und Jugend-, Reit- und Fahrverein (KJRFV) Zehlendorf e.V. für seine inklusiven Kooperationen mit verschiedenen Fördereinrichtungen in Berlin und Brandenburg. Dafür wurde er jetzt mit dem zweiten Preis in der Kategorie Kinder- und Jugendförderung ausgezeichnet. Kinder ohne und mit psychischen und physischen Beeinträchtigungen werden hier gemeinsam im Reitsport trainiert, anstatt letztere in separierenden Therapien abzuschotten. Besonderen Wert legt der Verein darauf, dass seine mehr als 100 Ponys und Pferde allen Kindern zur Verfügung stehen und keine Zwei-Klassen-Gesellschaft mit Privat- und Schulpferden entsteht.
Die rund 400 Mitglieder des gemeinnützigen Sportvereins sind zwischen fünf und 18 Jahren alt, geritten wird auf dem vereinseigenen Reitplatz und in der freien Natur, auf umliegenden Wegen. Zusätzlich zu den im Verein organisierten Kinder und Jugendlichen werden Kooperationen mit verschiedenen Berliner Fördereinrichtungen gepflegt, beispielsweise mit der Biesalski-Förderschule mit einem Förderschwerpunkt körperlich-motorische Entwicklung und Lernen und der Johann-August-Zeune-Schule für Blinde.
Ruder-Union Arkona: Rudern an der Scharfen Lanke
Ein umfassendes Breitensportangebot bietet die Ruder-Union Arkona, doch prämiert wurde nun seine leistungsorientierte Nachwuchsförderung mit dem dritten Preis in der Kategorie Kinder- und Jugendförderung. 320 Mitglieder zählt Spandaus größter Ruderverein an der Scharfen Lanke und fast ein Fünftel davon sind heute Jugendliche. Das war nicht immer so. Als der Vorsitzende des Leistungssports Werner Fromm 2004 bei der Ruder-Union Arkona anfing, betrug der Jugend-Anteil gerade einmal neun Prozent. Durch Kooperationen mit Spandauer Oberschulen seit 2005 konnte die Ruder-Union viel für die Nachwuchsförderung tun.
Schüler des Lily-Braun-Gymnasiums sowie der Freiherr-vom-Stein-Oberschule rudern bereits erfolgreich bei Schülerregatten. An der Heinrich-Böll-Oberschule können Schüler ab der 7. bis zur 10. Klasse im Rahmen der Schulprofilbildung das Fach Rudern wählen und an drei Doppelstunden die Woche bei Arkona trainieren. Mehr als 2500 Siege in Meisterschaften kann der Verein mittlerweile verzeichnen, unter anderem bei U17-Meisterschaften und bei den Olympischen Spielen.
TuS Neukölln: Tanzen mit den Schrullen
Ausschlaggebend für die Auszeichnung mit dem vierten Preis in der Kategorie Vereinsentwicklung war vor allem der Standort des 1865 gegründeten TuS Neukölln, glaubt Übungsleiterin Monika Winkelmann. Zwischen Rütli-Schule und einem Jugendheim im Neuköllner Karl-Marx-Straßen-Kiez angesiedelt, sei es hier besonders schwer, Kinder und Jugendliche für das Tanzen zu begeistern. Aber machbar, denn für seine Tanzabteilung, genauer, für das Projekt „Die Schrullen“, hat der Turn- und Sportverein Neukölln nun den Zukunftspreis bekommen, und allein die Gruppen-Namen hätten eine Auszeichnung verdient.
Eine klassische Tanzkarriere im Verein beginnt bei den „Schnullerschrullen“ für Zweijährige. Die Grundschüler tanzen bei den „Minischrullen“, weiter geht’s mit den „Teenieschrullen“ und wirklich zur Sache geht es dann bei den „Schrillen Schrullen“, laut Winkelmann die Hauptgruppe. Hier tanzen vor allem Mädchen von der 7. Klasse bis Mitte Zwanzig. Wem dieser etwas leistungsorientiertere Kurs zu anstrengend ist, kann zu den altersoffenen „Schrumpelschrullen“ wechseln. Die ältesten Tänzer sind Ende 50. Manchmal stehen die Gruppen mit ihren insgesamt 70 Tänzern für eine Tanzshow gemeinsam auf der Bühne. Spaß muss sein.
DBV Charlottenburg: Eine große Basketballfamilie
Als „große und tolle Basketballfamilie“ bezeichnet sich der DBV Charlottenburg, der den fünften Preis in der Kategorie Kinder- und Jugendförderung erhalten hat. Von Achtjährigen bis zu Endsechzigern kann sich hier jeder am Korb verwirklichen, 800 Mitglieder spielen beim DBV. „Breiten- und Leistungssport gehen bei uns Hand in Hand“, sagt der Vorsitzende Heiko Mehnert, der Verein gilt als Ursprung des modernen Berliner Leistungsbasketballs.
Als DTV Charlottenburg 1990 gegründet, ging Anfang der Neunziger Jahre immerhin ALBA Berlin aus dem Verein hervor. Gerade bei der Kooperation mit Grundschulen sei das „Prinzip der erreichbaren Vorbilder“ der Ausgangspunkt der Vereinsarbeit. Zwei Mannschaften des DBV sind in den Jugendbundesligen U16 und U19 vertreten, das strahle natürlich auf Jüngere ab, so Mehnert. Die Herrenmannschaften spielen in der ersten und zweiten Regionalliga. Mit dem Lichterfelder Basketballverein TuSLi ist der DBV eine Leistungssportkooperation eingegangen, um die Teilnahme an den Profiligen finanziell gewährleisten zu können.
DLRG Zehlendorf: Rettungsschwimmer werden
Eigentlich gibt es beim Zukunftspreis nur zehn Preisträger, aber für sein JET-Team hat die DLRG Zehlendorf nun den Sonderpreis in der Kategorie Kinder- und Jugendförderung entgegennehmen dürfen. Denn Rettungsschwimmer werden immer gebraucht. JET, das steht für das Junge Einsatzteam, mit dem sich die DLRG ihren Nachwuchs sichert und für Sicherheit am und im Wasser sorgt.
Anders als in vielen bundesweiten Gliederungen ist hier, dass die Kinder viel jünger sind als in den anderen JETs. „Die elf Kinder, die hier zurzeit trainieren, sind zwischen 10 und 14 Jahren alt und haben bereits ihren Junior-Rettungsschwimmer gemacht“, sagt Michaela Wilke aus dem Jugendvorstand der DLRG Steglitz-Zehlendorf. „Das bedeutet, sie können sich selbst retten.“ Hier, beim JET-Training, bereiten sie sich auf ihren Bronze-Rettungsschwimmer vor und können dann die weiterführende Ausbildung zum Rettungsschwimmer beginnen.



