Wenn Christian Strahl auf dem Dachgarten seines Schuppens den Grill anheizt, dann blickt er direkt auf den roten Backsteinbau eines ehemaligen Gymnasiums. Holzscheite stapeln sich an der Schuppenwand, auf den Holzplanken steht ein Trampolin für seine drei Kinder. Sport ist ihm wichtig. Dennoch ist der Rechtsanwalt gegen den Bau einer Sporthalle an der Dietrich-Bonhoeffer-Straße im Prenzlauer Berg, für die der Bezirk auch sein Grundstück braucht. Strahl ist neben einer weitverzweigten Erbengemeinschaft Miteigentümer und will nicht verkaufen, der Bezirk hat mit Enteignung gedroht. Jetzt hat der 45-Jährige Klage gegen den Bebauungsplan eingereicht (OVG 10A1.14).
Der Rechtsanwalt wehrt sich nicht allein gegen den Neubau der Halle, viele Anwohner stehen hinter ihm. Der Bezirk braucht Schulplätze und hat beschlossen, das derzeit leer stehende Gymnasium an der Pasteurstraße wieder in Betrieb zu nehmen. Dafür muss der Altbau saniert werden, eine neue Sporthalle wird gebraucht. Die soll direkt an der rückwärtigen Front des Gymnasiums auf vier Grundstücken an der Dietrich-Bonhoeffer-Straße entstehen, 18 Meter hoch mit vier Feldern, jedes so groß wie eine kleine Sporthalle. Eines Tages soll sie nicht nur von den Schülern, sondern vor allem von Vereinen genutzt werden. 30 Millionen Euro sind für die Wiedereröffnung des Schulstandorts mit 500 Schülern geplant, zehn Millionen allein für die Halle.
Pläne überdimensioniert
Eine ganz normale Sporthalle wäre kein Problem in der Straße, sagen die Anwohner. Es ist die Größe, die ihnen Angst macht. 150 Unterschriften haben sie gegen das Bauvorhaben gesammelt und im Bezirksamt abgegeben. Sie befürchten mehr Lärm und mehr Verkehr, wenn die Halle wochentags bis 22 Uhr und am Wochenende geöffnet ist. Kinder werden mit Autos gebracht, Trainer und Spieler kommen an – das alles wird sich ausschließlich in der Dietrich-Bonhoeffer-Straße abspielen, bislang eine kleine Anliegerstraße mit Kopfsteinpflaster.
Der Gegenvorschlag der Anwohner: Für weit besser geeignet als Schul- und Sportstandort halten sie die sogenannte Werneuchener Wiese am Rande des Volksparks Friedrichshain. Dort sei die Verkehrsanbindung optimal, es gebe ausreichend Platz für Sportflächen und das Gelände gehöre bereits dem Land Berlin, das also nicht erst mehrere Millionen Euro für den Grundstücksankauf ausgeben müsste. Tatsächlich existieren bereits Pläne aus dem Jahr 1994, an der Werneuchener Wiese ein Gymnasium mit Sporthalle zu bauen. Sie wurden sogar von den Bezirksverordneten befürwortet. Doch dann änderte sich die Lage. „Die Leute zogen weg, es gab keinen Bedarf mehr an Schulplätzen“, sagt Christian Strahl. 1997 wurden die Pläne geändert, die Werneuchener Wiese als Grünfläche ausgewiesen. „Allerdings sollte die Fläche immer für eine Schule mit Sportflächen freigehalten werden“, sagt der Rechtsanwalt. Jetzt aber greife man die Pläne nicht mehr auf.
„Im Moment macht es keinen Sinn, dort einen neuen Schulstandort aufzumachen“, sagt Pankows Baustadtrat Jens-Holger Kirchner (Grüne). Der Bezirk habe bereits ein leistungsfähiges Schulgebäude an der Pasteurstraße, gleichzeitig solle das Defizit an Turnhallen im Bezirk abgebaut werden. Nur eine Sporthalle an der Werneuchener Wiese zu bauen, sei den Kindern nicht zumutbar, weil sie dann fast einen halben Kilometer laufen müssten, um ihr Recht auf Sport wahrzunehmen. Überall gebe es in Wohngebieten Schulen und Turnhallen.
Rückendeckung des Landes
Kirchner rechnet damit, dass die meisten Nutzer mit öffentlichen Verkehrsmitteln kämen, weil es ohnehin keine Parkplätze gebe. Für ihn ist klar: „Wenn der Eigentümer nicht verkauft, wird er enteignet.“ Es müsse zwischen Gemeinwohl und Einzelinteressen abgewogen werden. Immobilien- und Jugendstadträtin Christine Keil (Linke) ist sich des Erfolgs gewiss. „Das Grundstück wurde durch einen bereits festgesetzten Bebauungsplan gesichert“, sagt sie. Das treffe auf die Werneuchener Wiese eindeutig nicht zu. Das Areal an der Dietrich-Bonhoeffer-Straße grenze unmittelbar an die Schule – das habe den Vorteil der kurzen Wege. „Alle Eltern wollen für ihre Kinder gute schulische Bedingungen“, sagt Christina Keil.
In dem alten Gymnasium an der Pasteurstraße gibt es noch eine kleine Sporthalle. Diese soll zur Mensa umgebaut werden. Die Senatssportverwaltung befürwortet die Pläne. Allerdings geht man dort von „einem planungs- und eigentumsrechtlich gesicherten Neubau“ an der Dietrich-Bonhoeffer-Straße aus. „Die Innenverwaltung entscheidet nur über die Aufgabe der alten Sporthalle“, sagt Sprecher Stefan Sukale. Prüfungsmöglichkeiten für die aus dem Bezirk kommenden Angaben gebe es nicht.
Christian Strahl sieht den Neubau der Vierfeldhalle noch nicht „eigentumsrechtlich“ gesichert. Und er sieht die Argumente auf seiner Seite. Dabei stützt er sich auf das Musterraumprogramm des Senats für Berliner Schulen. Für ein dreizügiges Gymnasium, wie es nun entstehen soll, werden darin knapp 2500 Quadratmeter Pausenhoffläche festgelegt. „In der Pasteurstraße gibt es nur 1200“, sagt Strahl. Die erforderliche Kapazität für einen Sportplatz ist mit knapp 6000 Quadratmetern angegeben. An der Pasteurstraße seien es null Quadratmeter, so der Rechtsanwalt, der selbst in Pankow zur Schule ging. Zwischen 18.000 und 23.000 Quadratmeter ist der Flächenbedarf für eine entsprechende Schule. Etwas mehr als 7000 seien es auf dem fraglichen Areal. Die Werneuchener Wiese bietet insgesamt 26.000 Quadratmeter Platz. Diese Zahlen stünden für sich, sagt Christian Strahl.


