Das ganz große Fliegen hat in Berlin noch nicht begonnen. Und doch: wegen des milden Winters schwirren schon seit Mitte Dezember die Pollen des Haselnussstrauchs durch die Luft und auch die der Erle sind bereits unterwegs.
Doch bis die schlimmste Zeit des Niesens und der tränenden Augen losgeht und die Hauptsaison des Pollenjahres 2014 startet, bleiben den Pollenallergikern in Berlin noch ein paar Tage zum Durchatmen. Erst um den 20. März herum fangen in den nördlichen Bundesländern die ersten Birkenpollen an zu fliegen. Der Süden ist schon eine Woche früher an der Reihe. Birkenpollen fliegen in diesem Jahr bis Mitte Juni.
Gräserflug ab 20. April
Die Stiftung Deutscher Polleninformationsdienst, die ihren Sitz in der Charité hat, stellte am Mittwoch ihre aktuellen Zahlen zur kommenden Pollensaison vor. „Zum ersten Mal bieten wir für die wichtigsten Pollenarten eine aktuelle Berechnung des voraussichtlichen Beginns des Pollenflugs an“, sagte Karl-Christian Bergmann, Leiter der Stiftung. So prognostiziert die Stiftung für Gräser, die neben den Birkenpollen zu den Hauptallergenen zählen, eine Flugzeit ab dem 20. April bis Ende September, für Beifuß ab Mitte Juli bis Ende September und für Ambrosia zwischen dem 10. August und Ende September.
In Berlin sind die am meisten betroffenen Orte laut einer Studie des Umweltbundesamtes und des Polleninformationsdienstes die Ortsteile Tiergarten und Adlershof sowie die Stadtautobahn A100. An der war die Zahl der Gräserpollen sogar mehr als doppelt so hoch wie in Tiergarten und um 50 Prozent höher als in Adlershof. Auffällig ist, dass an allen drei Orten auch die Konzentration von Feinstaub sehr hoch ist. Die Forscher haben dazu eine Theorie.
Man hat herausgefunden, dass Pollen zwar vom Baum auf den Boden fallen, aber dass sie auch wieder aufwirbelbar sind. Nun spricht ein hoher Feinstaubwert für ein hohes Verkehrsaufkommen. Das bedeutet, dass viele Autos, die auf dem Boden liegenden Pollen immer wieder aufwirbeln und so in der Luft halten. Gepaart mit den Feinstaubpartikeln ist diese Luft Gift für Pollenallergiker. „Ich gehe davon aus, dass die Kombination von größeren Pollenmengen und erhöhter Feinstaubkonzentration zu verstärkten Heuschnupfensymptomen führen kann“, sagt Karl-Christian Bergmann.
15 Prozent der Deutschen leiden unter Heuschnupfen
Um herauszufinden, ob die Messungen der sogenannten Pollenfallen, die auf Dächern installiert sind und die so viele Pollen ansaugen, wie es der Mensch über die Atmung tun würde, auch mit dem individuellen Empfinden der Betroffenen übereinstimmt, ist eine Studie in Berlin geplant. An 14 Orten der Stadt soll gleichzeitig in Höhe von zwei bis drei Metern, also ungefähr auf Atemhöhe von Menschen, die Pollenbelastung gemessen werden. Gleichzeitig sollen ausgewählte Betroffene mithilfe einer App ihre individuellen Beschwerden erfassen und zusätzlich mit einem sogenannten Pollator unterwegs sein. Dieses Gerät, von dem es bisher nur einen Prototyp einer Mainzer Firma gibt, misst die Pollenbelastung direkt am Menschen. Die Ergebnisse dieser „weltweit einmaligen Studie“, wie Bergmann erklärt, sollen im Oktober vorliegen.
In Deutschland leiden etwa 15 Prozent der Bevölkerung im Alter zwischen 18 und 79 Jahren unter Heuschnupfen oder allergischem Asthma durch Pollen. Das sind etwa 12 Millionen Deutsche. Die meisten Betroffenen sind zwischen 30 und 39 Jahren alt, mit steigendem Alter geht die Zahl der Pollenallergiker immer weiter zurück. Doch passend zu den leicht aber stetig seit Jahren steigenden Zahlen der Betroffenen, nimmt wohl auch das Alter zu. „Es kommen Patienten zu mir in die Ambulanz, die sind über 70 Jahre alt und berichten mir von ersten Heuschnupfensymptomen“, sagt Bergmann, der an der Charité als Lungenarzt und Allergologe arbeitet. Am Anfang habe er es immer nicht glauben können. „Ich habe dann stets gefragt, ob sie vielleicht vergessen haben, dass sie Allergiker sind.“
Kampf gegen Ambrosia
Vor 20 Jahren lag die Zahl der Betroffenen bei etwa zehn Prozent. Woher die Steigerung kommt, ist unklar. Seit Jahren steht die sogenannte Hygienetheorie im Vordergrund. Ein weiterer Ansatz ist der Klimawandel, durch den Pollen früher und stärker fliegen. Insbesondere bei Haselnuss, Erle und Birke zeigt das seine Wirkung. Denn zum einen ernähren sich Pflanzen von CO2, also von Kohlendioxid, und bilden infolge der erhöhten Aufnahme mehr Triebe aus und entsprechend auch mehr Pollen.
Zum anderen sorgt das CO2 für eine Erwärmung der Erde. Das kommt besonders einer Pflanze zugute, die in Berlin nicht den besten Ruf hat: Ambrosia. Die Verbreitung der Pflanze, die ursprünglich aus den USA kommt und starke allergische Reaktionen hervorrufen kann, hängt ganz maßgeblich von der Temperatur ab. In Berlin läuft seit 2009 in Zusammenarbeit mit der Freien Universität ein Programm zur Bekämpfung dieser Pflanze.

