Stefan Hartmann schaut 30 Hippies dabei zu, wie sie ein großes Tuch hin und herschwenken. Sie tragen lange Haare, Batik-Kleidung und singen „Lass den Sonnenschein rein“. Erst leise, dann lauter, plötzlich werfen sie das Tuch hoch, rennen in die Mitte, verstecken sich darunter. Als sie wieder hervorkommen, sind alle nackt. Wahnsinn! Nackte Amerikaner auf der Bühne, Frauen und Männer. Es ist der Höhepunkt des Musicals „Hair“. Stefan Hartmann ist gerade 14 Jahre alt, brüllt mit: „Sonnenschein!“ Diesen Moment wird er nie vergessen.

Rund 20 Jahre später ist aus Stefan Hartmann noch immer kein Hippie geworden, aber er hat mit seinem Restaurant Hartmanns längst die Sterne-Liga erreichen können und hilft dabei mit, einen ganzen Kiez umzudrehen. Das Restaurant steht in der Nähe des Südsterns, einer Ecke von Kreuzberg, die fast wie Neukölln aussieht, die Hippie-Hasenheide kann man fast riechen, und auch die Geschäfte sind noch längst nicht alle „gentrifiziert“, also in Galerien, Bioläden und Boutiquen umgewandelt.

Frühstück ganz charmant

Jeden Morgen trifft Stefan Hartmann zudem einen Pionier, der mit der Veränderung den Anfang gemacht hat. Es ist Ibrahim Ege vom Café Monsieur Ibrahim. Handschlag, hinsetzen, natürlich ein Platz, auf den die Sonne noch scheint. „Einen Espresso.“ Fast jeden Tag macht Hartmann das, sein Sterne-Restaurant „Hartmanns“ liegt schräg gegenüber.

Doch bevor er an die Bestellungen denken muss, an die Gäste, das Fleisch, den Garzustand, nimmt er sich eine Tageszeitung und überfliegt die Meldungen über Ukraine-, Edathy- und die BER-Katastrophen. Wenn er morgens keine Zeitung lese, dann spreche er mit anderen Stammgästen hier im „Ibrahim“. Ein Sozialarbeiter, ein Comic-Zeichner, Filmregisseure und immer wieder Ibrahim selbst, der Pionier mit dem zurückhaltenden Lächeln.

Wenn man Ibrahim Ege, den Chef des Cafés, fragt, wie er dieses Gefühl bei seinen Gästen erzeugt, dann hebt er charmant die Schultern und sagt nichts. „Vor zehn Jahren haben sie mich ausgelacht“, sagt er, „dass ich hier ausgerechnet so ein Café eröffne.“ Leicht war der Start dementsprechend auch nicht. „Einmal hat mir jemand die Scheibe eingeworfen“, sagt er. Aber das sei so lange her, dass er sich kaum daran erinnern wolle. Er wisse auch, wer das getan hat, aber diese Geschichte ist so unglaublich und gleichzeitig typisch für Kreuzberg, dass er sie selbst erzählen muss. Nur so viel: Es blieb ein Fall für die Versicherung und ist nie wieder vorgekommen.

„Zu dir kommen spart den Gang zum Psychologen“

Meist hat Ibrahim Ege aber ohnehin keine Zeit für solche Geschichten, sondern muss die Schnecken selbst herstellen, die in der Karte als „ZimtZimtZimt-Schnecken“ angeboten werden. Stefan Hartmann nimmt hier eher Herzhaftes – wenn überhaupt. An diesem Morgen jedenfalls isst er nichts. Als er gehen will, läuft ein älteres Ehepaar aus dem hellen Café auf die noch hellere Straße. Der Mann sagt zu Ibrahim Ege: „Zu dir zu kommen spart den Gang zum Psychologen.“ Handschlag, Schulterklopfen, auf zum nächsten Ort – in die Markthalle Neun.

Dort trifft er die Macher des Big Stuff Smoked BBQ, die es jeden Donnerstag anbieten. Anna Lai und Tobias Bürger stecken hinter diesem Projekt, das leckere kleine Hamburger oder große bunte Fleischteller produziert. „Sie sind auch in dem Kochbuch ‚Berlin kocht’“, sagt Hartmann, „und so habe ich sie kennengelernt.“ Er bringe ab und an selbst noch einen Schweinebauch zu ihnen, damit sie das räuchern können – für sein Restaurant. Außerdem kaufe er sowieso hier das Gemüse fürs Hartmanns. Wenn er zu allen dort so ist wie zu Anna und Tobias, kommt er aus dem Handschlagen und Schulterklopfen nicht heraus. Nur zwischendurch bestellt er sich bei Tobias einen zweiten Barbecue-Hamburger.

Bunte Burger bei Bürger

Anna Lai beim Zubereiten eines Burgers zuzusehen, ist, wie einen Kochkurs zu belegen. Wer hätte gedacht, dass Blauschimmel-Käse und Äpfel eine Kombination mit Rindfleisch eingehen können, die so schnell keiner vergisst. „Normalerweise esse ich hier den Barbecue-Teller“, sagt Stefan Hartmann, „der macht mich satt bis zum Abend.“

Für ein längeres Abendessen geht Stefan Hartmann zu den Kollegen vom e.t.a. hoffmann am Mehringdamm. Er fährt dort mit dem Auto hin, legt sich eine der vielen Kassetten in den Player. Ja, Kassetten, nicht CDs. Darauf steht „Pearl Jam“ oder „Radiohead“. Irgendwo dazwischen liegt eine Kassette mit „Hair“. Den Text kann er auswendig, auch wenn lange Haare bei ihm lange her sind. Als er aussteigt, ist er in einer anderen Gegend von Kreuzberg, die „im Kommen“ ist. Der Regisseur Quentin Tarantino hatte über dem Restaurant gewohnt, später die Schauspielerin Diane Kruger. Sie alle gingen auch ins e.t.a., sowie neulich auch Hape Kerkeling.

Stefan Hartmann zeigt Restaurantleiterin Heike Seebaum das Foto von Catherine Deneuve und ihm, sie schaut lächelnd darauf, während sie die Blumen für den Abend fertig macht. „Sonst mache ich nie Selfies“, sagt Hartmann, „aber bei der Deneuve musste ich eine Ausnahme machen.“ Mit Küchenchef Thomas Kurt bespricht er dann, wie es sonst so läuft, mit den Gästen und dem Golf. „Thomas“ und „Stefan“ sind nicht nur Kollegen, sondern Freunde. Kein Schulterklopfen, hier wird noch umarmt.

Iss-Die-Hälfte wird beim Kuchen schwierig

Sie reden über die Renovierung, über das Menü und über die Diät. Thomas Kurt isst gerade nichts. „Nur jeden zweiten Tag“, verbessert er. Das sei eine besondere Form der „Iss-Die-Hälfte“, er habe das schon mehrfach ausprobiert, es sei nur beim Kochen schwierig, probieren müsse er doch. Er freue sich schon auf den Golf-Urlaub. „Mache ich einmal im Jahr“, sagt Hartmann. Beide haben ein niedriges Handicap: 14,8 und 13,2. Wer besser ist, ist ihnen nicht so wichtig. Da werden Köche fast Hippies.