Begzada Alatović mag grün: Sie ist gerne im Grünen, sie trägt einen grünen Cardigan. Ob sie Muslima sei, wurde sie wegen der Farbwahl einmal gefragt. Ja, ist sie. Sie ist auch Bosnierin. Wichtig sind Religion und Nationalität ihr nicht. „Ich bin ein Mensch“, sagt sie sanft. Und sie ist eine Frau – eine, die den Frauentag bewusst begeht. Das hat sie schon „vor dem Krieg“ getan, als Abgeordnete im Parlament in Sarajewo, wo sie ihre Region um Modriča vertrat. Gemeint ist der Bosnienkrieg, vor dem sie im April 1993 mit ihrem Sohn nach Berlin flüchtete. Der Weg, den sie damals einschlagen musste, führt zum Interkulturellen Garten Rosenduft im Park am Gleisdreieck. Dort in Kreuzberg kümmert sich Begzada Alatović für die Migrantenorganisation „südost Europa Kultur e.V.“ um andere Kriegsflüchtlinge. Mit ihnen wird sie am Frauentag in den Botanischen Garten fahren. Tags darauf werden sie im Interkulturellen Garten Rosenduft feiern. „Der Tag spricht für die Emanzipation der Frau. Deswegen halten wir ihn hoch.“
Fast dreißig Kilo Honig aus einem Bienstock
An die 40 Frauen – die meisten aus Bosnien und Herzegowina, einige aus der Nachbarschaft, dem Möckernkiez, dazu Frauen aus Nigeria und Palästina – kommen zu unterschiedlichen Zeiten. Das rund 2000 Quadratmeter große Areal ist eingezäunt, Rosenstöcke ranken sich an Gittern empor. Aus Dutzenden Beeten werden auch in diesem Jahr wieder Bohnen und Tomaten, Kürbisse und Kräuter sprießen. Im südlichen Teil des Gartens, zu den Yorkbrücken hin, summen und brummen Bienen um sieben Stöcke herum. Jeder hat im vergangenen Jahr fast 30 Kilo Honig gebracht. Alle Erträge des Gartens werden bei gemeinsamen Essen verkocht, an Freunde und Förderer verschenkt oder gegen eine Spende bei öffentlichen Veranstaltungen verkauft. Wer sich für den Interkulturellen Garten Rosenduft interessiert, kann mit Begzada Alatović eine Führung verabreden, egal ob Rentner oder Kitagruppe. Das Interesse an der Flüchtlingsarbeit ist groß, Frau Alatović hat in ihrem Büro des Vereins in der Großbeerenstraße 88 immer wieder Studentinnen zu Besuch, die über die Arbeit des Vereins schreiben.
Doch am liebsten ist sie draußen. „Die Frauen sind wie meine Familie. Sie bedeuten mir sehr viel.“ Die Überlebenden teilen das Gute – und sie wissen um das Böse. „Wenn eine sich zurückzieht, alleine an ihr Beet geht, dann weiß ich schon, dass sie ein Problem hat, und gehe ihr nach. Wenn sie sprechen will, kann sie das tun. Sie muss aber nicht.“
Abends schrecken die Schatten der Vergangenheit
Begzada Alatović konnte noch Jahre nach ihrer Flucht nicht über den Krieg und ihre Erlebnisse sprechen. In unserem Gespräch kamen nach wenigen Sätzen die Tränen. In Berlin waren sie und ihr zur Zeit der Flucht vierjähriger Sohn jahrelang nur geduldet. 1996 begann sie im Verein mit Gruppentherapie, tanzte, nähte, malte und engagierte sich schließlich ehrenamtlich. „Mehr durften wir als Geduldete nicht.“ Sie wechselte in kleinere Therapiegruppen und übersetzte für die anderen Frauen. Sie hatte an der Volkshochschule Deutschkurse besucht – und selbst bezahlt, weil sie gar nicht wusste, dass man dafür Unterstützung bekommen kann. „Ab 1996/97 begannen die Abschiebungen“, erinnert sie sich. Viele ihrer neuen Bekannten mussten zurück oder zogen weiter, in die USA oder nach Australien. Begzada Alatović war – wie viele – schwer traumatisiert; da Ärzte ihr dies bescheinigten, durften sie und ihr Sohn bleiben.
Vorbei sind die Angst und die Trauer nicht. „Abends, wenn ich nichts mehr zu tun habe, kommen die Gedanken an die Vergangenheit.“ Begzada Alatović schläft wenig. Sie arbeitet viel. Die Wochenenden, die seien schwer, sagt sie. So ist ihr der Garten Arbeitsplatz und Fluchtstätte zugleich. „Der Krieg hat das Vertrauen in die Menschen zerstört. Aber in der Gruppe habe ich wieder Vertrauen gefasst“, sagt die 52-Jährige. Diese Erfahrung könnten die Frauen im Rosenduftgarten teilen. „Ich glaube, das Grün beruhigt. Der Garten bringt uns auf andere Gedanken. Wir können Lachen. Wir können frei Atmen.“
Von Spenden das erste Werkzeug gekauft
Im Jahr 2006 hatte der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg dem Verein einen Flecken am Gleisdreieck bereitgestellt. So entstand im Verein neben anderen Gruppenangeboten auch die Gartentruppe. Die Frauen brachten Samen und Blumenstöcke aus ihrer Heimat mit, erzählt Frau Alatović. Sie bauten Hochbeete über Kopfsteinpflaster, Anwohner wurden neugierig und schlossen sich an. Alatović, gelernte Agrartechnikerin, organisierte Veranstaltungen vom Erntedankfest bis zum interkulturellen Mittagessen. Die Frauen erhielten Spenden für Selbstgemachtes. „Von diesen Spenden haben wir unser erstes Werkzeug gekauft, und wir machen gelegentlich Ausflüge.“
Inzwischen arbeitet Frau Alatović als Leiterin des Interkulturellen Gartens Rosenduft in Vollzeit für den Verein. Sie berät Frauen, begleitet sie zu Ämtern, zum Arzt, dolmetscht und betreut Jugendliche aus Südosteuropa, denen sie das Gärtnern beibringt. „Wenn ich das Gefühl habe, dass es mir zu viel wird, mache ich Supervision – um mich zu schützen.“ Außerdem kenne sie nun so viele „liebe Therapeutinnen“, dass sie zügig Termine bekäme. Auf engagierte Unterstützer und Entgegenkommen ist das Projekt eben nicht nur materiell angewiesen.
Da ihr Sohn inzwischen flügge geworden ist, will Frau Alatović umziehen. Doch eine Einzimmerwohnung in Kreuzberg ist inzwischen teurer als ihre jetzige, größere Wohnung. Vielleicht bleibt sie nun dort wohnen. Im Urlaub fährt sie nach Bosnien zu Verwandten. Oder sie spaziert in den Garten. „Dass wir – Kroaten und Serben, Bosnier und Herzegowiner – dort zusammen sind, obwohl man uns in Bosnien getrennt hat, das macht mich so froh.“


