Langsam aber sicher schieben sich die dunklen Wolken über die am Waldrand stehenden Bäume. „Wenn es anfängt zu regnen, hauen wir sofort ab“, grinst Hannes Ackermann – und gibt Gas. Wenige Sekunden später schießt er mit seiner orange-schwarzen KTM über eine etwa drei Meter hohe Rampe, lässt kurz den Lenker los und fliegt mit ausgebreiteten Armem parallel zu seinem Arbeitsgerät über den märkischen Sand.
Dass er eigentlich auch seinen 24. Geburtstag feiern könnte statt zu trainieren, tut nichts zur Sache. „Wir müssen jede Trainingschance nutzen. Vor allem, wenn der WM-Start ansteht“, sagt der gebürtige Thüringer. Schließlich stehen mit der Night of the Jumps in Berlin die Freestyle-Saisonwettbewerbe fünf und sechs an. Und gleichzeitig der Weltmeisterschafts-Auftakt.
Ackermann ist Deutschlands momentan bester Freestyler. Das Trainingsgelände im brandenburgischen Bestensee gehört seinem Freund Stefan Bengs, selbst lange erfolgreich auf dem Motorrad zwischen Himmel und Erde unterwegs. „Das hier ist perfekt. Vor allem, weil sich niemand gestört fühlt. Solche Anlagen gibt es in Deutschland vielleicht sechs oder sieben“, freut sich Ackermann.
Die Sprünge die er übt heißen „Shoebox“, „Cliffhanger“, „Tsunami Flip“, „Underflip“, „Rocksolid Indy“ oder „9 O’Clock“. Und was 2001 bei der Erstauflage in Riesa voreilig noch als Auswuchs einiger durchgeknallter Motocross-Enthusiasten abgetan wurde, hat sich innerhalb von 14 Jahren neben dem Kampf um den EM-Titel auch zu einer veritablen Weltmeisterschaft mit 16 Rennen von China bis Brasilien gemausert. Am Freitag (20 Uhr) und am Sonnabend (19 Uhr) beginnt für elf Ausnahme-Freestyler in der O2 World der Kampf um die WM 2014. Top-Favorit ist der Franzose Remi Bizouard. Der 27 Jahre alte Honda-Pilot ist Welt-Champion der Jahre 2008, 2009 und 2012.
Sechs Stunden Training pro Tag
Der Alltag der gern mal Wonderboys genannten Freestyler ist vergleichbar mit dem eines jeden Profisportlers. „Wir trainieren pro Tag fünf bis sechs Stunden“, sagt Ackermann. Der WM-Fünfte von 2012 klingt dabei, als ginge er ins Büro. „Es ist außerhalb der Wettbewerbe wirklich ein Job, der ganz seriös zu erledigen ist. Ich fahre täglich zwischen zwei und vier Stunden Motorrad. Ich gehe wegen der Koordination bei den Sprüngen aufs Trampolin, und dann gibt es natürlich auch noch den Besuch im Fitness-Center“, beschreibt er die Zeit, in der das Rampenlicht ausgeschaltet ist. Ackermann hat seine Karriere auf einem BMX-Fahrrad begonnen, dann seinen Vater so lange genervt, bis der ihm ein Mini-Motorrad schenkte. Und: Sein 16 Jahre alter Bruder Luc gibt in Berlin sein Debüt im Hauptwettbewerb. „Luc soll Erfahrung sammeln, er kann ganz locker fahren“, gibt der große Bruder die Richtung vor.
Hannes kann gut von seinen Profiverträgen leben. „Bei dem Zeitaufwand, den wir haben, wäre kaum ein vernünftiger anderer Beruf möglich. Die Reisen zu den Wettbewerben rund um die Welt finanziert der Veranstalter inklusive der Motorrad-Transporte“, klärt Ackermann auf. Zu Beginn seiner Motorrad-Karriere fuhr er Motocross-Rennen. Unter anderem gegen den deutschen Weltmeister von 2011, Ken Roczen. „Ken war schon damals eine Ausnahme. Er war eine Klasse besser als wir anderen. Er hat echt alles richtig gemacht“, erinnert sich Ackermann an den einstigen Konkurrenten, der seit drei Jahren in den USA unterwegs ist. Roczen startet dort erfolgreich in der Profi-Kategorie.
Wondergirl aus Australien
Zu den Freestyle-Wonderboys gesellt sich in Berlin, bereits zum zweiten Mal, ein Wondergirl. Emma McFerran aus Lockart (Australien) startet zwar nicht im WM-Hauptfeld, will aber, beispielsweise mit einem im Rahmenprogramm gezeigten kompletten Rückwärtssalto, ihren Anspruch auf einen Startplatz im Feld der weltbesten Fahrer anmelden. McFerran, 29, hat ihre Leidenschaft für Motorräder zunächst als Motocross-Fahrerin ausgelebt: „Ich war in Australien das einzige Mädchen. Fünf Jahre nach meinem Debüt hatten wir schon eine eigene Frauen-Kategorie.“
Treibende Kraft für den Wechsel vom Cross zum Freestyle und bester Ratgeber ist ihr älterer Bruder Matty. Hat sie manchmal Angst? „Nein, Angst nicht, aber viel Respekt. Ich hatte schon Verletzungen, und darum bin ich sehr sorgfältig bei den Vorbereitungen", sagt Hobbyfotografin McFerran.
Der Aufwand für den Wettbewerb ist enorm, erfordert eine logistische Meisterleistung beim Bau der Strecke. Hierzu müssen die großen Multifunktionshallen zuerst einmal komplett mit Folie ausgelegt werden, um so den Hallenboden nicht zu verunreinigen. Auf die Folie wird eine spezial Abdeckung ausgelegt, welche auf drei Sattelschleppern angeliefert wird. Anschließend fahren Sattelschlepper etwa 1.800 Tonnen Sand bzw. Lehm in die entsprechende Arena. Die Menge entspricht 70 Sattelzügen. Danach sind 25 Spezialisten, die rund um die Welt mitreisen, etwa zwölf Stunden lang damit beschäftigt, die zwischen zwei und viereinhalb Meter hohen Landehügel zu präparieren. Auf jeden dieser Hügel führen zwei bis drei Rampen, von denen die Fahrer dann im Wettbewerb abspringen.

