Kolonialgeschichte

Berliner Charité gibt Herero-Gebeine an Namibia zurück

Zum zweiten Mal nach 2011 gibt die Berliner Charité Gebeine, die aus Gräueltaten der Kolonialzeit stammen, an Namibia zurück. Sie waren zu Kolonialzeiten als Forschungsobjekte nach Berlin gelangt.

Foto: Soeren Stache / dpa

Die Berliner Universitätsklinik Charité hat am heutigen Mittwoch 21 Gebeine aus Afrika an Vertreter der namibischen Regierung zurückgegeben. Die menschlichen Überreste stammten aus dem heutigen afrikanischen Staat, teilte eine Sprecherin der Charité mit. Namibia stand bis 1915 als „Deutsch-Südwestafrika“ unter deutscher Kolonialherrschaft. Deutsche Soldaten töteten zu Beginn des 20. Jahrhunderts bei Aufständen Tausende Afrikaner, vor allem vom Stamm der Herero. Ein Teil der Gebeine dieser Toten wurde für die damalige Forschung auch nach Berlin gebracht. Als Akt der Versöhnung zwischen beiden Ländern gab die Charité im Jahr 2011 bereits 20 Schädel zurück.

Afrikanische Vertreter fordern Wiedergutmachung

Anlässlich der Rückgabe haben afrikanische Vertreter erneut eine Entschuldigung und Wiedergutmachung der Bundesregierung verlangt. „Die Bundesregierung versucht, Völkermord zu leugnen“, sagte Moctar Kamara vom Zentralrat der Afrikanischen Gemeinde am Mittwoch in Berlin. Mit den Nachfahren der Opfer müsse über Entschädigungszahlungen verhandelt werden. Die Nicht-Regierungsorganisation „Völkermord verjährt nicht“, kritisierte, dass Afrikaner in Deutschland nicht zu der Rückgabe-Zeremonie eingeladen worden seien.

Das Auswärtige Amt betonte, dass alle Bundesregierungen seit der Unabhängigkeit Namibias 1990 die historische, politische und moralische Verantwortung Deutschlands gegenüber Namibia zum Ausdruck gebracht hätten. Dazu gehöre auch das tiefe Bedauern über den grausamen Kolonialkrieg in den Jahren 1904 bis 1908, sagte ein Sprecher. Die Bundesregierung komme dieser Verantwortung insbesondere durch eine verstärkte bilaterale Zusammenarbeit nach, auch auf dem Gebiet der Entwicklungszusammenarbeit.

Sie unterstütze auch die aktuelle Rückführung von Gebeinen von Deutschland nach Namibia. Bis heute lebt in dem afrikanischen Staat eine deutschsprachige Minderheit. Das Verhältnis zwischen den sogenannten Deutschnamibiern und den Herero gilt - trotz der Kolonialgeschichte - heute als vom Gedanken der Versöhnung geprägt. In Form von Architektur, Orts- und Straßennamen ist die deutsche Vergangenheit in Namibia immer noch sichtbar.

Namibia hieß einst „Deutsch-Südwest“

Das Deutsche Reich reklamierte vom Ende des 19. Jahrhunderts bis 1915 unter dem Namen „Deutsch-Südwestafrika“ eine Region auf dem Staatsgebiet des heutigen Namibia für sich. Es war von den ethnischen Gruppen der Owambo, Herero, Damara, San und Nama bewohnt. 1904 wehrten sich viele der geschätzten 35.000 bis 80.000 Herero in diesem Gebiet gewaltsam gegen Kolonialisierung und Landnahme. Sie überfielen und ermordeten deutsche Siedler und verübten Anschläge auf Eisenbahnlinien. Deutsche Truppen schlugen hart zurück und erschossen viele Herero.

Auch Frauen und Kinder, die in die Wüste flüchteten, hatten nach Angaben des Deutschen Historischen Museums in Berlin keine Chance. Tausende fanden den Tod, weil Deutsche gezielt Verdursten, Verhungern oder Entkräftung herbeiführten. Insgesamt starben von Kriegsbeginn 1904 an bis zur offiziellen Aufhebung des Kriegszustands Ende März 1907 nach Schätzungen zwischen einem und zwei Drittel der Herero-Bevölkerung.

So kamen die Gebeine aus dem heutigen Namibia an die Charité

Die Gebeine und Totenschädel aus der damaligen deutschen Kolonie gelangten zwischen 1889 und 1913 für Forschungszwecke nach Berlin. Nicht alle stammten von toten Herero-Kämpfern. Zum Teil waren es auch Gebeine anderer ethnischer Gruppen aus Gräbern. Zweimal wurden sogar Köpfe von gerade Gestorbenen abgetrennt und in Formalin eingelegt. Damals ging es Forschern darum, anhand der Körperformen auf „Rassen“ zurückzuschließen.

Eine These dieser Zeit lautete, dass die „europäische Rasse“ der afrikanischen überlegen sei, erläutert Forscher und Anatom Andreas Winkelmann, der die Funde für eine Rückgabe wissenschaftlich mit untersucht hat. Die Gebeine wurden Teil der Sammlungen der damaligen Anatomie und des Museums für Völkerkunde und gehören zum Teil erst seit den 1980er-Jahren zu den Beständen der Charité.