Kommentar

Danke, Christian Wulff

Der Freispruch für Christian Wulff war eine Lehrstunde zur politischen Kultur in Deutschland. Und das Land muss dem ehemaligen Bundespräsidenten dankbar dafür sein, meint Hajo Schumacher.

Foto: Nigel Treblin / Getty Images

Mal ehrlich: Wie ist die Gefühlslage nach dem historischen Freispruch? Erleichtert, dass der Zirkus vorbei ist? Sicher. Aber da schwingt auch das beklommene Ahnen mit, dass wir keine Sternstunde der Demokratie erlebt haben. Immerhin aber eine Lehrstunde zur politischen Kultur. Deutschland darf Christian Wulff dankbar sein, weil sein Fall grundsätzliche Fragen aufgeworfen, einen Blick hinter den Vorhang des politischen Theaters ermöglicht und nebenbei auch unseren Umgang miteinander thematisiert hat. Eine eindeutigkeitsversessene Republik hat gelernt: Rote Linien werden im Schlachtennebel des aufgeregten politischen Alltags individuell wahrgenommen. Es gibt keinen Hauptschurken, aber viele, die in der Logik ihres Systems gefangen sind. Medien stehen im beinharten Wettbewerb, Staatsanwälte sind nicht nur uneitle Diener der Wahrheit, die strapazierte Moral ist eine doppelt bis dreifache. Da wird über Anstand geredet, aber Hass versprüht. Da wird Politik behauptet, aber über eine Frau getratscht. Da wird verdreht, um unbedingt die Deutungsmacht zu behalten.

Die Lehre für Wulff selbst: Seine Befreiung begann, als er sich von Halbwahrheiten verabschiedete und stattdessen den quälenden Gerichtsweg beschritt. Ohne Tricks und Deals hat er sich der hart ermittelnden Staatsanwaltschaft gestellt. Soviel Mut zur Klarheit herrschte nicht immer bei ihm.

Ankläger sind nicht stets die Guten

Das Land hat gelernt, dass sich nicht nur Schnellmeiner in ihren Annahmen verheddern, sondern auch Staatsanwälte. Der Mythos ist zerstört, dass Ankläger stets die Guten seien.

Der Wähler hat kapiert, dass Parteien nicht nur aus Freundeskreisen bestehen, sondern zugleich aus brutal rivalisierenden Interessengruppen.

Die Berliner Elite überdenkt seit Wulffs Anruf beim Bild-Chef ihr Kommunikationsverhalten, zumal auch im Fall Edathy ein Telefonat skandalisiert wird. Ist der kurze Dienstweg, täglich tausendfach beschritten, eigentlich okay? Braucht das Gemeinwesen vielleicht sogar die informellen Kanäle?

Die Medienwelt darf prüfen, wo die Grenzen zwischen guter, harter Berichterstattung und Schaden für Ruf, Würde, Zukunft und Konto eines Menschen entstehen, vor allem aber, inwieweit sich Enthüller zu willfährigen Instrumenten von Intriganten machen.

Schließlich ist zu klären, ob unsere Skandal-Skala richtig justiert ist: Warum jagen Staatsanwälte keine Politiker, deren liederlichkeitsbedingt stillgelegte Baustellen jeden Tag die Kosten von einem Jahr Ehrensold auffressen? Bellen wir unter den richtigen Bäumen?

Bleibt der gute Vorsatz: Beim nächsten Skandal wird alles anders; wir werden sauber Juristisches, Moralisches und Geschmackliches trennen, die Lust am Scharfrichtern zügeln und nie wieder fordern, dass ein Staatsoberhaupt übermoralisch sein muss, sofern wir dieses Ziel nicht auch für uns selbst verfolgen.

© Berliner Morgenpost 2019 – Alle Rechte vorbehalten.