Literatur

Was ein Waschsalon-Besitzer in Berlin erlebt

Dirk Martens betreibt seit fünf Jahren einen Waschsalon in Berlin. Jetzt hat er ein Buch geschrieben – über die Menschen im Kiez, ihr Waschverhalten und überraschenden Besuch aus Japan.

Foto: Massimo Rodari

Es ist jedes Mal ein besonderer Moment, wenn Dirk Martens die Waschtrommel öffnet. „Dieser Duft“, er schließt die Augen und zieht genüsslich die Nase hoch. „Irgendwann fangen Sie an, sich in Waschmaschinen zu verlieben“, sagt er so ernst, als könne es gar nicht anders sein. Dirk Martens jedenfalls kann sich ein Leben ohne seine 15 Waschmaschinen und sechs Trockner gar nicht mehr vorstellen. Klingt vielleicht etwas verrückt, aber tatsächlich bringen ihm die elektronischen Geräte den Hauptteil seines Lebensunterhalts ein. Dirk Martens betreibt nämlich seit 2008 einen Waschsalon in Moabit. Das ist für ihn aber nicht nur ein gutes Geschäft, der Laden gibt ihm auch einen tiefen Einblick in den Bezirk und das Leben seiner Bewohner. Über die alltäglichen und skurrilen Erlebnisse zwischen Waschmaschine und Trockner hat er jetzt ein Buch geschrieben.

In der Gotzkowskystraße, zwischen türkischem Supermarkt, Nagelstudio und Asia-Imbiss vermutet man nicht gerade einen Waschsalon, zumindest nicht einen mit Brokattapete, Nierentischchen, Kronleuchtern und Fotos von der Queen. Und dann heißt der auch noch „Freddy Leck sein Waschsalon“. Aber sein Betreiber kommt ja auch aus dem Ruhrgebiet, hat ein Stück Mülheim nach Moabit gebracht.

Feldstudien in der Gotzkowskystraße

Eigentlich ist Dirk Martens Schauspieler, hat in „Tatort“, „Der letzte Bulle“ und „Soko 5113“ mitgespielt. Aber irgendwann wollte nicht mehr abhängig sein von jeder Rolle. Ein zweites Standbein musste her. „Etwas, das mich erdet“ sollte es sein und etwas, das gleich Ergebnisse bringt und nicht erst Monate nach den Dreharbeiten.

Und so wurde der Schauspieler Dirk Martens im Waschsalon zu Freddy Leck, einer etwas eigenwilligen Variante von Fleck. Dass er ausgerechnet einen Waschsalon eröffnete, hat der 49-Jährige seinem früheren Freund zu verdanken. Der wollte unbedingt in Köln Wäsche waschen und Dirk Martens machte mit. Aus einem ehemaligen Penny-Markt wollten die beiden den coolsten Waschsalon der Stadt machen. Tatsächlich wurde es aber die größte Pleite. Zu groß, zu wenige Kunden, wahrscheinlich zu cool.

Abgeschreckt hat das Dirk Martens offenbar nicht. Jetzt erst recht, hat er sich gesagt, als er vor einigen Jahren nach Berlin zog und hier einen zweiten Versuch wagte. Ein Waschsalon zum Wohlfühlen sollte es werden, kleiner und gemütlicher als der erste, mit Service, Cappuccino und klassischer Musik im Hintergrund. Gute Idee, befanden Dirk Martens Freunde, „aber komm bloß nicht auf die Idee, so was in Wedding oder Moabit zu machen“, hatten sie ihm noch auf den Weg gegeben. Da solle er mal lieber nach Friedrichshain oder Kreuzberg gehen, dorthin, wo die szenigen Leute wohnen.

Wäschelegen mit Bach und Mozart

Das weckte Widerstand in Dirk Martens. „Wieso soll man nicht dort etwas Schönes verwirklichen, wo es scheinbar nichts Schönes gibt?“ Also hat er in Moabit gesucht und sich für die Gotzkowskystraße entschieden. Objektiv gesehen war das ein bisschen lebensmüde, denn schräg gegenüber gab es bereits einen Münzwaschsalon. „Naja, ein bisschen Angst habe ich schon gehabt“, gibt Dirk Martens zu, und die gleichen Fehler wie in Köln wollte er auch nicht machen. Darum hat er erst einmal Feldstudien betrieben: Zwei Tage hat er sich ins Schaufenster gesetzt und alle Menschen gezählt, die vorbeikamen, potenzielle Kunden. „Am Ende was klar: Das muss ich machen“, sagt er, „sonst bist du der dümmste Mensch auf der Welt“.

Klar, das Geschäft musste erst einmal anlaufen. Anfangs fing er sich mitleidige Blicke ein, wenn er abends allein mit seinen leeren Maschinen und Bach-Chorälen in seinem Salon stand. Aber nicht er machte nach einem Jahr dicht, sondern der Münzwaschsalon gegenüber. Dirk Martens ist überzeugt, das lag an dem Service, den es bei ihm gab, „nur Automat und Münze reicht den Menschen einfach nicht“. Und sicher lag es auch an der für einen Waschsalon ungewöhnlichen 50er-Jahre-Wohnzimmer-Flair. „Nicht dass ich eine Oma-Neurose habe“, erklärt er, „aber so mag ich es eben“. Und offenbar auch viele andere Menschen in Moabit, denn sein Laden brummt. Wie viele Maschinen am Tag laufen, verrät er nicht, das ist sein Betriebsgeheimnis. Aber es müssen genug sein, denn gerade hat er seinen Mietvertrag für weitere zehn Jahre verlängert.

In „Freddy Leck sein Waschsalon“ trifft sich ganz Moabit – vom Bundestagsabgeordneten bis zum Hartz-IV-Empfänger, vom Rentner bis zum Studenten. Und Touristen kommen auch, wenn der Reiserucksack nur noch mit Schmutzwäsche gefüllt ist, weil der Waschsalon inzwischen auch in einigen Reiseführern erwähnt wird. Gerade die bunte Mischung gefällt Dirk Martens und wenn er sieht, wie Menschen verschiedener Nationen, Kulturen und Religionen am Tisch im Eingangsbereich friedlich nebeneinander sitzen, während ihre Handtücher und Hosen in den Maschinen ihre Runden drehen, denkt er sogar an den Weltfrieden: „Wenn die Welt so funktionieren würde, wie Moabit, dann wäre sie in Ordnung“.

Männer stopfen 20 Kilo in die Maschine

Vielleicht hängt die entspannte Atmosphäre aber auch mit dem Waschen an sich zusammen. Es sei doch schon schön, mit Dreckwäsche hinein und nach einer Stunde 20 mit einem Korb gewaschener und getrockneter Textilien wieder hinauszugehen. Wer will, kann seine Wäsche auch beim Service Deluxe legen lassen, das macht dann gern der Chef persönlich. Wenn ein Kunde seinen Laden betritt, dann weiß Dirk Martens oft schon, was er will. Zum einen weil 90 Prozent Stammkunden sind, zum anderen gebe es auch ein alters- und geschlechterspezifisches Waschverhalten.

Waschen ist vor allem Frauensache, hat Dirk Martens beobachtet. Männern sei die Programmwahl ziemlich egal: Am liebsten schnell und alles in einer Maschine. Männer würden 20 Kilo in eine Sechs-Kilo-Maschine stopfen, wenn ihnen das gelingen würde. „Hätte ich hier nur Männer, wäre ich pleite“, erklärt der Waschsalonbesitzer. Das Geschäft machen bei ihm die Frauen. Die lassen gern mal sechs Maschinen gleichzeitig laufen, eine für schwarz, eine für rot, eine für blau und so weiter und in jeder Maschine nur eine Handvoll Wäsche.

Waschpulver im Reisebus

Eine Herausforderung für die Sicherungen seien allerdings die Moabiterinnen fortgeschrittenen Alters. Sie stehen gern schon morgens um 7 Uhr vor der Tür und warten darauf, dass sie mit ihrem Hackenporsche Einlass finden. Und dann gibt es erst einmal Kochwäsche. „Darauf schwören die Damen“, weiß Martens. Dass der Koch-Waschgang deutlich länger dauert, spiele für die Kundinnen keine Rolle. „Die haben ja Zeit“, und die wird gern fürs Plaudern genutzt. Wehe, Während die Wäsche bei 95 Grad rotiert, erzählen sie über die Zeit nach und manchmal vor dem Krieg, über Berlin vor und nach der Wende, über den Wandel des Bezirks und der Stadt. Für Dirk Martens sind das die schönsten Stunden des Tages.

Dabei kann der Tag schon lang werden. Später am Vormittag kommen die Hausfrauen, „für sie ist das manchmal die einzige Stunde, in der sie Zeit für sich haben“, sagt Dirk Martens. Am Nachmittag kommen Studenten, später Berufstätige, die holen dann gleich nach dem Einfüllen der Wäsche ihr Smartphone oder Tablet heraus. Bis 23.45 Uhr ist geöffnet, selbst an Heiligabend und Silvester. Der einzige Umsatzkiller ist Regen, dann stehen viele Maschinen still.

Aber ein paar Regentage kann Dirk Martens verkraften. Zumal sich ihm inzwischen auch eine lukrative Nebenquelle aufgetan hat. Freddy Leck ist seit 2009 nämlich als Marke in Japan angekommen. Waschmittel, Wäscheklammern, Wäscheschüsseln – all das verkauft sich in Tokio und Umgebung vortrefflich. Und nicht selten macht ein Bus voller Japaner in zweiter Reihe in der Gotzkowskystraße Halt. Wenige Minuten später ist das Waschpulver von Freddy Leck ausverkauft.

Buchpremiere Am 26. Februar um 19:30 Uhr liest Dirk Martens alias Freddy Leck aus seinem Buch „Nicht jeder Fleck muss weg“ (Patmos-Verlag, 17,99 Euro) im Theater O-TonArt, Kulmer Straße 20a, Schöneberg, Tickets unter Tel. 37 44 78 12 und www.o-tonart.de, Eintritt 10 Euro. Mehr unter freddy-leck-sein-waschsalon.de