Auf jeder Hochzeit treffe man so einen: Bauunternehmer, Ende 50, Nikotinfinger, der darüber schimpft, was das Finanzamt ihm alles geklaut habe: Geld, Firma, Kinder, Ehefrau. Dabei, so schreibt Jens Westerbeck, sehe er diesem Menschen sofort an: Würde er weniger trinken, sich um Betrieb und Familie kümmern und nicht mit der Steuer tricksen, dann wäre alles halb so wild.
Ein Berg von Belegen
Es sind überraschende Töne in dem neuen Buch des Berliner Autors und Gagschreibers, der mit „Boatpeople“ bekannt wurde, dem biografisch gefärbten Roman über seine Zeit als durchtriebener Händler für Luxusyachten. In „Herr Westerbeck und seine Belege“ (Heyne Hardcore, 10 Euro) geht es nun um die ordentliche Seite seines Berufslebens. Selbstständig seit 15 Jahren, das bedeutet: Ein Berg von Belegen, abgeheftet in grauen Aktenordnern.
Westerbecks unterhaltsames Kleinwerk (das Hörbuch ist gesprochen von Oliver Kalkofe) vermag vor allem eines: Es lässt einen mit weniger Groll an die nächste Steuererklärung denken. Das muss man in Zeiten von Uli Hoeneß erst mal schaffen. Vielleicht, weil Westerbeck so etwas wie einen Stolz des Abgabenzahlers formuliert. In seinen Worten eben: „Du bist Deutschland? Dazu kann ich nur sagen: besten Dank, ich habe die Scheiße ja auch bezahlt.“
Fragen gibt es reichlich. Kann eine Quittung über 41 kleine Weizenbiere, drei Wodka und ein Schokotörtchen steuerlich geltend gemacht werden? Und: Ist es ungerecht, dass ein Mieter, der seine Lederslipper stets vor der Haustür abtritt, ebenso viel für die Treppenhausreinigung bezahlen muss wie die vierköpfige Familie, die immer sonnabends in schlammigen Gummistiefeln vom Angeln nach Hause kommt?
Erbsenzählerei verleidet das Leben
Ein Ratgeber ist das Buch nicht. Eher ein Kabarett darüber, warum Erbsenzählerei das Leben verleiden kann, zu viel Lässigkeit aber auch teuer wird. Man lernt also ein bisschen was. Etwa, dass der Zahnarzt von nebenan seinen Porsche nicht auf Staatskosten fährt, nur weil er als Dienstwagen angemeldet ist. Sondern, dass er dafür monatlich 700 Euro in die Kasse der Allgemeinheit zahlen muss. Westerbeck, der auch Witze für Atze Schröder schreibt, gibt sogar der Kanzlerin Tipps, wie die Staatsverschuldung zu lösen sei. Auch wenn er weiß, dass Angela Merkel lieber Uli Hoeneß zuhören würde als ihm, der ordentlich seine Belege abheftet. Westerbeck weiß aber auch, dass gut schläft, wer nicht schummelt.
Wer Claudia Roth (Grüne) bisher nicht folgen konnte, wenn sie in Talkshows das neue Steuermodell ihrer Partei erklärt, vermag das auch nach diesem Buch nicht. Aber wohltuend ist das Resümee: Er habe sich, trotz allem, fair vom Finanzamt behandelt gefühlt, sagt Westerbeck. Wer das anders sehe, dem rate er, mal versuchsweise in Bangladesch Wohngeld zu beantragen. Und was ist mit den 41 Weizenbieren? „Ach so“, sagt der Autor, „da habe ich mir mit einem Kumpel nur mal ordentlich einen reingeknallt. Ganz privat.“





