Nach dem Mord in einem Wettbüro in Reinickendorf ist der 3. Mordkommission ein weiterer Fahndungserfolg gelungen. Innerhalb von sechs Tagen hat die Polizei nun bereits den vierten Tatverdächtigen zu dem spektakulären Mord verhaftet.
Am Mittwochvormittag stürmten Spezialkräfte der Polizei um 11.10 Uhr eine Tiefgarage an der Seestraße in Wedding. Die SEK-Beamten vollstreckten einen Haftbefehl der Staatsanwaltschaft wegen gemeinschaftlichen Mordes gegen einen 29 Jahre alten Mann.
Erst am Dienstagvormittag hatten Zielfahnder und SEK-Beamte einen 30 Jahre alten mutmaßlichen Tatbeteiligten an der Residenzstraße in Reinickendorf verhaftet. Die Hintergründe der Tat führen nach Informationen aus Ermittlerkreisen ins Rockermilieu.
Der 29-Jährige leistete keinen Widerstand
Einsatzkräfte in Zivil hatten das Mehrfamilienhaus an der Seestraße 63, in dem sich im Untergeschoss auch eine Werkstatt befindet, nach Informationen der Berliner Morgenpost bereits längere Zeit observiert. Der 29 Jahre alte mutmaßliche Tatverdächtige soll sich dort in der Vergangenheit mehrfach aufgehalten haben. Er leistete keinen Widerstand, als ihn die Einsatzkräfte am Mittwoch überwältigten.
Die intensiven Ermittlungen der Polizei und der Staatsanwaltschaft wegen des Mordes an dem 26-jährigen Tahir Ö. dauern laut Polizei trotz des Fahndungserfolges an. Der Mann war am 10. Januar in einem Wettbüro an der Residenzstraße niedergeschossen und tödlich verletzt worden. Gegen wie viele weitere Tatbeteiligte noch ermittelt wird und welche davon bereits identifiziert werden konnten, ist unklar. Polizei und Staatsanwaltschaft machen derzeit keine Angaben dazu, um die Ermittlungen nicht zu gefährden.
Die Bluttat im Wettbüro „Expect“ an der Residenz- Ecke Hausotterstraße trug Augenzeugen zufolge Züge einer Hinrichtung. Mehr als zehn nur zum Teil vermummte Männer waren am 10. Januar 2014 gegen 23 Uhr in das Wettbüro gestürmt und waren am Wirt und den Besuchern vorbei ins Hinterzimmer gelaufen, wo das spätere Opfer vor einem Spielautomaten gesessen hatte. Einer der Angreifer soll dann mehrere Schüsse auf das Opfer abgegeben haben. Wie diese Zeitung aus Ermittlerkreisen erfuhr, hatte Tahir Ö. offenbar mit einem Anschlag gerechnet. Denn der 26-Jährige soll eine Schusswaffe und eine schusssichere Weste getragen haben.
Bestrafung als Tatmotiv denkbar
Der Grund dafür könnte in einer gewaltsamen Auseinandersetzung vor dem Klub Traffic an der Alexanderstraße in Mitte im Dezember 2013 liegen. Tahir Ö. hatte nach Morgenpost-Informationen mit Begleitern Einlass in den ehemaligen „Prince-Klub“ begehrt, war aber von Türstehern abgewiesen worden. Bei einem folgenden Streit war ein Security-Mitarbeiter mit einem Messer verletzt worden. Der Mann soll einer vor allem in Spandau aktiven syrischen Familie angehören und ein Gefolgsmann des Rockers Kadir P. sein.
P. gilt als skrupelloser Anführer, der vor einigen Jahren mit 80 Anhängern von den „Bandidos“ zu den „Hells Angels“ übergelaufen war. Dieser „Fahnenwechsel“ unter zwei rivalisierenden Rockergruppen war nicht nur für Berlin bislang einzigartig und scheint auch die besondere Entschlossenheit von Kadir P. zu unterstreichen. Informationen von Ermittlern ergaben, dass er Hintermann zahlreicher Straftaten gewesen sein soll, von diesen war ihm jedoch keine einzige nachzuweisen.
Ein Messerangriff auf einen Verbündeten des Rocker-Bosses wäre in diesen Kreisen allemal Grund genug für eine gewaltsame Gegenaktion, so ein fachkundiger Ermittler. Möglicherweise sollte Tahir Ö. gar nicht ermordet, sondern Ziel einer Bestrafungsaktion werden, die dann aus ungeklärten Gründen eskaliert ist. In kriminellen Kreisen sind „Lektionen“, bei denen die Opfer mit Messern oder Schüssen ins Bein oder Knie attackiert werden, keine Seltenheit.
Tahir Ö. starb noch im Wettbüro an dem Todesschuss
Nicht auszuschließen ist wohl auch, dass der 26-Jährige vor seiner Ermordung eventuell noch seine Waffe gezogen und auf einen der Angreifer gerichtet hatte und somit zur Eskalation der Situation beigetragen hat, bevor er niedergeschossen wurde. Tahir Ö. erlag noch in dem Wettbüro den Folgen seiner schweren Schussverletzungen. Dem Schützen und der gesamten Komplizenschaft gelang nach dem Anschlag die Flucht.
Nach einer Woche intensiver Ermittlungsarbeit konnte die Polizei dann bereits die ersten zwei von der Staatsanwaltschaft beantragten Haftbefehle innerhalb von 75 Minuten vollstrecken. Am Freitag vergangener Woche nahmen Beamte eines Mobilen Einsatzkommandos zunächst gegen 17 Uhr einen 24-Jährigen in der Buschallee im Pankower Stadtteil Weißensee fest. Er soll zu den Komplizen des Todesschützen zählen. Kurz darauf wurde ein 25 Jahre alter Rocker von SEK-Beamten an der Müllerstraße in Wedding überwältigt. Er hielt gerade mit seinem dunklen Mercedes an einer Ampel.




