Dietrich Peters hat einen Traum. Eigentlich einen ganz bescheidenen. Er möchte in seinem Haus in Panketal nachts ruhig schlafen, ohne ständig von lauten Güterzügen gestört zu werden.

Sein Schlafzimmer liegt etwa 30 Meter von der Bahntrasse Berlin–Stettin entfernt. Mit der S-Bahn hat er kein Problem, auch nicht mit den Regionalzügen der Odeg oder dem ICE der Deutschen Bahn. Der Güterverkehr ist es, der an seinen Nerven zehrt und an denen seiner Mitstreiter aus Pankow und Panketal in der Bürgerinitiative Berlin Nord-Ost (BINO). Denn der rollt vor allem nachts und häufig sehr laut.

An Flughäfen gibt es ein Nachtflugverbot, ein Nachtfahrverbot auf Bahntrassen nicht. Die Bahn hat Programme aufgelegt, in deren Rahmen Bahnstrecken saniert und Güterwagen umgebaut werden, um den Lärm zu reduzieren. Diese Projekte sind allerdings auf lange Zeiträume ausgelegt.

Jede Nacht führen etwa 20 Züge an seinem Haus vorbei, erzählt Peters. Besonders störend seien Züge mit Kesselwagen, die Treibstoff aus der Erdölraffinerie in Schwedt nach Berlin bringen oder – noch schlimmer – leer nach Schwedt zurückfahren. Dann käme zu quietschenden Bremsen und dem üblichen Rattern auch noch dieses nervige Klappern sowie Erschütterungen im Haus. Die Güterwagen seien oft bereits jahrzehntealt. Nur ein Teil werde von der Deutschen Bahn auf die Schiene gebracht, viele Züge kämen von anderen Transportunternehmen, auch aus Osteuropa. Das Problem: Sie erfüllen zwar nicht die Lärmschutzanforderungen an moderne Güterzüge, genießen aber Bestandsschutz. Für eine Umrüstung bekommen deutsche Eigentümer Fördergeld, doch sie müssen die Wagen nicht überholen. Ähnlich verhält es sich mit der Trasse selbst. Weil sie alt ist, haben die Anwohner keinen Anspruch auf Lärmschutz, wie er beim Neubau von Gleisverbindungen vorgeschrieben ist.

Auch Lärmschutzfenster beseitigen das Problem nicht

„Dass der Bestandsschutz über unsere Gesundheit geht, ist schon schwer zu ertragen“, sagt Peters. Darum gehe es der BINO. „Gesund leben an der Schiene“, lautet das Motto des Vereins. Seit 2008 lebt der 61-Jährige in dem Haus, hat es vom Großvater geerbt. Er ist überzeugt, der laute Güterzugverkehr habe zugenommen. Längst sind Lärmschutzfenster eingebaut – auf eigene Kosten –, doch beseitigt ist das Problem nicht.

Seit vergangenem Oktober messen die Anwohner die Lärmemission, ehrenamtlich, im Schichtbetrieb von 18 Uhr abends bis sechs Uhr morgens. Das Gesamtergebnis liegt noch nicht vor, aber festgehalten werden konnten Werte von bis zu 97 Dezibel. Das entspricht einem Presslufthammer. „Uns geht es um diese Spitzenwerte“, sagt Peters, nicht um die Durchschnittswerte, wie die Bahn sie ermittele. Der Ver.di-Mitarbeiter lobt das Bezirksamt Pankow und die Gemeinde Panketal, die hätten die Messgeräte bezahlt und fachlichen Beistand geleistet. Der Senat sei nicht gerade „ein Vorreiter in Sachen Lärmschutz“, meint Peters. Die politische Ebene, die handeln müsse, sei der Bundestag, „doch von dort kommt gar nichts“.

Nun hat sich die Berliner Landespolitik mit dem Problem beschäftigt, Anlass war eine parlamentarische Anfrage des Grünen-Abgeordneten Stefan Gelbhaar. Er wollte insbesondere wissen, ob es möglich ist, den Güterverkehr vom nördlichen Berliner Innenring auf den Außenring zu verlagern. Dazu erklärte die Bahn, sie müsse allen Verkehrsunternehmen das Schienennetz diskriminierungsfrei zur Verfügung stellen. Sie könne also keine Vorgaben zu den Laufwegen der Transporte machen. Die Route über den Innenring sei kürzer und koste 61 statt 169 Euro pro Zug. Bahn und Senat wiesen auch darauf hin, dass bei einer Verlagerung des Verkehrs auch die Lärmbelastung verlagert, nicht aber gemindert werde.

Freiwilliges Lärmsanierungsprogramm des Bundes

Für stark belastete Bahnstrecken, bei denen keine rechtliche Verpflichtung besteht, Schallschutzmaßnahmen vorzunehmen, gibt es ein freiwilliges Lärmsanierungsprogramm des Bundes. Dafür stehen jährlich 100 Millionen Euro bereit. 2012 wurden laut Deutscher Bahn bundesweit rund 55 Kilometer Schallschutzwände aufgebaut und rund 2000 Wohnungen mit Schallschutzfenstern ausgestattet.

Die Deutsche Bahn will den vom Schienenverkehr ausgehenden Lärm bis zum Jahr 2020 halbieren. Sie hat ein Programm gestartet, die Güterwagen der DB mit einer neuen Bremssohle zu versehen. Diese mindert das Geräusch vorbeifahrender Güterzüge um zehn Dezibel, was Menschen als Halbierung des Lärms empfinden. Bis 2020 will die Bahn etwa 60.000 Wagen umrüsten. Daneben gibt es aber etwa 120.000 Güterwagen anderer deutscher und ausländischer Wagenhalter. Die Bahn hat zudem im Sommer 2013 lärmabhängige Trassenpreise eingeführt. Das soll, neben der finanziellen Förderung, einen weiteren Anreiz bieten, Güterwagen umzurüsten. Nun müssen Unternehmen für laute, nicht mit der „Flüsterbremse“ ausgestattete Güterzüge einen Zuschlag von einem Prozent auf den Trassenpreis bezahlen.

Auch Berlin profitiert vom Lärmsanierungsprogramm

Vom Lärmsanierungsprogramm des Bundes profitiert auch Berlin. Sieben Streckenabschnitte mit gut 23 Kilometer Länge wurden bis einschließlich 2012 fertiggestellt. Drei Bereiche mit insgesamt 42 Einzelabschnitten stehen noch aus.Für den Bereich Nord-Nordwest mit Teilstrecken von insgesamt 15,4 Kilometern Länge soll der Planungsbeginn in fünf bis zehn Jahren sein. Der Planungsbeginn für den Bereich Südost/Südwest mit 14 Kilometern Länge ist in zehn Jahren vorgesehen, der für den Bereich Ost-Nordost (zwölf Kilometer) erst in 15 Jahren. Die Berliner Projekte stehen auf der 141 Positionen umfassenden bundesweiten Prioritätenliste auf den Plätzen 56, 71 und 139. Die betroffenen Anwohner müssen also sehr viel Geduld aufbringen. Auch beim Einbau Lärm mindernder Schienenabsorber sieht es für Berlin nicht gut aus. Die Schalldämpfer wurden schon in Teilabschnitten der Stadtbahn, des östlichen Innenrings, der Strecke Berlin–Cottbus sowie in Nikolassee eingebaut. Weitere Vorhaben seien derzeit indes nicht geplant, teilte die Bahn Stefan Gelbhaar auf seine Anfrage mit.

Der Grünen-Abgeordnete kritisierte, dass der Senat die Schallimmission bei einer Verlagerung des Güterschienenverkehrs auf den Außenring bislang nie geprüft habe. Er forderte zudem, die Landesregierung müsse gegenüber der Bahn deutlich machen, was Berlin in Sachen Lärmschutz wolle. Die Programme von Bund und Bahn seien „nicht schlecht“, aber es dauere teilweise zehn bis 20 Jahre, bis sie Wirkung zeigten. „In Sachen Schienenlärmschutz darf der Senat die Bevölkerung nicht auf den Sankt Nimmerleinstag vertrösten.

Mehr Kesselwagen mit Start des BER

Mit der Inbetriebnahme des BER wird die Belastung durch Kesselwagen auch in anderen Stadtteilen zunehmen. Der Senat sollte seine Schutzpflicht gegenüber den Berlinern akzeptieren, die er nicht zuletzt als Betreiber des künftigen Großflughafens hat. Die technischen oder auch logistischen Lösungen sind seit langem bekannt. Schienenwegdämpfer können den Lärm halbieren, auch eine teilweise Verlagerung des Güterverkehrs auf den Außenring kann die Lärmbelastung verträglicher gestalten“, sagte Gelbhaar der Berliner Morgenpost.

Die Bürgerinitiative Nord-Ost möchte nicht noch Jahre oder Jahrzehnte auf Verbesserungen warten. Sie fordert „differenzierte Lärmschutzsysteme“. Dazu gehörten die Umrüstung der Güterwagen auf leisere Bremssysteme, ein Nachtfahrverbot, das regelmäßige Schleifen der Schienen und Schallschutz direkt an der Strecke. Das könnte schon bald noch wichtiger werden, denn Stettin soll zum Containerhafen ausgebaut werden. Dietrich Peters mag sich das gar nicht ausmalen: „Wenn es hier auch noch Containerverkehr gibt, dann gute Nacht, Marie.“ Das wohl gerade nicht.