Kaum ein Jahr an der Macht, haben Adolf Hitler und seine Partei der ersten deutschen Demokratie den Todesstoß versetzt. Hatten die Gegner der NSDAP im Januar 1933 noch gehofft, der Hitler-Spuk werde sich schnell verflüchtigen, waren sie spätestens Ende des Jahres eines Schlimmeren belehrt. An die Demontage der Demokratie zur Diktatur hat Berlin 2013 mit dem Themenjahr „Zerstörte Vielfalt“ erinnert. Die Berliner Morgenpost beteiligte sich daran mit der täglichen Serie „Heute vor 80 Jahren“. Im Lokalteil wie online haben wir in Zusammenarbeit mit dem Historiker Professor Bernd Sösemann vom Friedrich Meinecke Institut der Freien Universität und dem Deutschen Pressemuseum im Ullsteinhaus anhand von Meldungen aus der Morgenpost des Jahrgangs 1933 den schleichenden Prozess der Entdemokratisierung dokumentiert. Sven Felix Kellerhoff fasst zum Abschluss zusammen, wie sich Hitler Deutschland bis zur Jahreswende 1933/34 zum Untertan seiner nun allmächtigen NSDAP gemacht hat.

Zufriedenheit ist eine Frage der Perspektive. Am Ende des Jahres 1933 war Joseph Goebbels höchst zufrieden: „Letzter Tag des Jahres, das groß und berauschend war“, notierte er am Nachmittag des 31. Dezember 1933 in seine Tagebuchkladde: „Gleich starte ich mit meiner Rundfunkrede. Dann Fledermaus und dann Abschluss des Jahres. Es war segensreich und groß. Wir danken dem Schicksal dafür.“

Radikal geändert

Ganz anders ging es Erich Ebermayer, Jurist und Schriftsteller. Kurz vor Mitternacht zog er sich zurück von der Feier, auf der er den Jahreswechsel verbrachte, und vertraute seine Gedanken seinem Tagebuch an: „Welch ein Jahr! Für die Welt, für Deutschland, für mich! Ein großer Umbruch, wahrhaft für alle.“ Bei Ebermayer, als freier Geist und insgeheim Homosexueller dem totalitären und intoleranten Nationalsozialismus gegenüber skeptisch, überwog eindeutig Negatives: „Fällt der allgemeine Umbruch, die Krise, die Revolution noch zusammen mit einer persönlichen Krise, einem persönlichen Schicksal, wie es für mich die fast völlige Vernichtung meiner schriftstellerischen Existenz und der Tod meines Vaters bedeuten, so ist die Lebenskrise da.“

Tatsächlich hatten sich Deutschland und speziell Berlin im Laufe der Jahres 1933 radikal geändert. Zu Beginn dieses Jahres hatte das „Berliner Tageblatt“, weltweit anerkanntes Flaggschiff der Hauptstadtpresse und unter Chefredakteur Theodor Wolff ein liberaler Fels in der Brandung der politischen Wirren des vorangegangenen Jahrzehnts, noch gehöhnt: „Überall, in der ganzen Welt, sprachen die Leute von . . . wie hieß er doch schon mit Vornamen: Adalbert Hitler. Später? Verschollen!“

Zwölf Monate später war das „Tageblatt“ wie alle anderen Zeitungen der Reichshauptstadt, auch die „Berliner Morgenpost“, gleichgeschaltet und stand unter Aufsicht von Goebbels’ neue geschaffenem Propagandaministerium. Wolff war, um der Verhaftung zu entgehen, geflüchtet – nach Österreich, dann in die Schweiz, gegen Ende des Jahres schließlich nach Nizza.

Aber auch das Leben in Berlin hatte sich stark verändert. Der Parteienstreit, der das „Superwahljahr 1932“ mit gleich fünf Wahlsonntagen geprägt hatte, war spurlos verschwunden. Funktionäre und Anhänger anderer Parteien als der NSDAP, die sich dem nicht fügen wollten, waren zu tausenden verschleppt und in improvisierten Haftstätten, den „wilden Konzentrationslagern“ in leer stehenden Schuppen, Kneipenkellern oder alten Fabriken, oft grausam misshandelt worden. Jede öffentliche oder gar verdeckte Kritik am Reichskanzler Adolf Hitler konnte in eine der Folterstätten führen, die SA und SS in Berlin wie andernorts im Reich betrieben.

Auf den Straßen war dafür scheinbar Ruhe eingekehrt. Zwar gab es mehr Aufmärsche von Uniformierten denn je; mehrere Millionen Deutsche waren in den ersten fünf Monaten in die NSDAP oder eine ihrer zahlreichen Unterorganisationen eingetreten, um ihre „Verbundenheit“ mit den neuen Machthabern unter Beweis zustellen und den Regimewechsel für ihr persönliches Fortkommen zu nutzen. Als „Märzgefallene“ verspottete der Volksmund solche Opportunisten, in Anlehnung an die Toten der gescheiterten Revolution auf dem Alexanderplatz am 18. März 1848.

Karrierechancen gab es reichlich. Mit dem „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ vom 7. April 1933, dem ersten antisemitischen Gesetz in Deutschland seit vielen Jahrzehnten, waren jüdische Staatsangestellte formlos ihrer Stellen beraubt worden. „Arier“ rückten nach, oft unabhängig von der Qualifikation, wenn sie nur eine möglichst niedrige NS-Parteimitgliedschaftsnummer hatten. An den Universitäten wurden jüdische Professoren von Hitler-gläubigen Studenten regelrecht aus Hörsälen geprügelt.

Nach einem knappen halben Jahr im Amt rief Hitler das Ende der „nationalen Revolution“ aus. Der Umbau Deutschlands zum nationalsozialistischen Staat sollten fortan nicht mehr von unkontrollierbaren SA-Horden vorangetrieben werden, die oft genug persönliche Rechnungen beglichen hatten und sich sicher sein konnten, dafür nicht zur Verantwortung gezogen zu werden. An ihre Stelle traten die Angepassten, die Mitläufer in allen Teilen der Gesellschaft, die ihren Vorteil aus der Situation zogen und sich bereitwillig unterordneten.

Bis zum Herbst 1933 hatte die NSDAP sich die Hauptstadt auf diese Weise weitgehend untertan gemacht. Leichtes Spiel hatte die Partei dabei nicht gehabt: In freien Abstimmungen, also bis Ende 1932, hatte nie mehr als ein Drittel der Wahlberechtigten für Hitler gestimmt. Der ehemals kommunistisch geprägte Teil des Arbeitermilieus blieb überwiegend feindlich gesinnt; die weit zahlreicheren, in der Weimarer Republik SPD-nahen Facharbeiter dagegen fanden sich mehrheitlich bald ab mit den neuen politischen Verhältnissen. Das evangelisch geprägte Bürgertum und das Militär standen sogar überwiegend auf Hitlers Seite, wenn es auch Ausnahmen gab, zum Beispiel die Bekennende Kirche um Pfarrer Martin Niemöller von der Dahlemer St. Annen-Gemeinde.

Doch das waren nur „Schönheitsfehler“, wie der nationalsozialistische „Staatskommissar“ für Berlin Julius Lippert meinte. Deshalb hatte Hitler auch kein Problem, für Mitte November 1933 eine weitere Reichstagswahl anzusetzen. Allerdings war sie eine Farce: Im Sommer hatten sich alle konkurrierenden Parteien auflösen müssen; zur Abstimmung stand nur eine „Einheitsliste“ der NSDAP. Obwohl so eine „Wahl“ wertlos war, legten Hitler und Goebbels großen Wert auf eine maximale Mobilisierung.

Laut den offiziellen Statistiken betrug die Wahlbeteiligung extrem hohe 95,2 Prozent. In Berlin stimmten demzufolge 85,1 Prozent der Bürger für Hitler. Allerdings waren die Wahlumschläge nummeriert, so dass es kein Wahlgeheimnis mehr gab. Die ehrliche Zustimmung der Berliner zu Hitler lag daher mit Sicherheit niedriger; ob allerdings bei 60, 70 oder 80 Prozent, ist reine Spekulation.

Boykott jüdischer Geschäfte

Berlins Juden lebten gefährlich. Zwar hatten die Nazis den reichsweiten Boykott jüdischer Geschäfte nach nur einem Tag, dem 1. April 1933, abbrechen müssen – das internationale Echo war verheerend gewesen. Doch das verbesserte die Lage der vermeintlich „rassisch Fremden“ nicht. Die rasch von Hitler-Sympathisanten oder Opportunisten dominierten Behörden setzten auf juristische Maßnahmen gegen Juden, mit oft perversem Einfallsreichtum. Dutzende Erlasse und Verordnungen schränkten die Lebensmöglichkeiten der Berliner jüdischen Glaubens oder jüdischer Abstammung in den kommenden Monaten immer weiter ein.

Doch noch glaubten viele Berliner Juden, so schlimm werde es schon nicht kommen: „Jeden Abend sitzen wir nun bei uns oder bei Bekannte, besprechen die Lage, erörtern neue Gedanken, dieser und jener Plan wird erwogen, zwischen Wegfahren und Hierbleiben gehen lebhafte Diskussionen hin und her“, notierte der Jura-Student Heinrich Marx: „Das Ergebnis ist jedes Mal dasselbe, nämlich dieses eine: abwarten.“

Immerhin 13.000 Berliner Juden, also etwa jeder zwölfte, entschieden sich anders. Doch eine rasche Auswanderung war nur für vermögende Menschen und für jene mit Kontakten ins Ausland schnell zu organisieren. Man brauchte Visa, und potenzielle Aufnahmestaaten wie USA, Großbritannien und Frankreich, zeigten sich hartherzig.

Der NSDAP hatte das Jahr 1933 die Herrschaft über Berlin eingebracht. Doch das reichte ihnen nicht: „Das neue Jahr ist angebrochen“, schrieb Joseph Goebbels: „Es wird Kämpfe und muss Siege bringen. Tapfer wollen wir es bezwingen.“ Andere Gefühle hatte Erich Ebermayer – ihm kamen Zeilen von Heinrich Heine in den Sinn: „Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht.“