In der Kinderarztpraxis Karsten Rugo Wagner in Wilmersdorf steht an diesem Freitag das Telefon nicht still, das Wartezimmer ist voll. Doch am Empfangstresen stehen noch immer Eltern mit ihren kranken Kindern, die um eine kurzfristige Behandlung bitten. 20 bis 30 Prozent mehr kleine Patienten als üblich hätten sie und ihre beiden Kollegen an diesem Vormittag in der Praxis behandelt, sagt Kinderärztin Evelyn Rugo. Durch die Berichterstattung über den unzureichenden kinderärztlichen Notdienst um Weihnachten und Silvester seien viele Mütter und Väter aufgeschreckt worden, sagt die Medizinerin. „Viele lassen ihre Kinder untersuchen, weil sie denken, sie finden nächste Woche keinen Arzt mehr.“
Am Dienstag war ein Schreiben der Berliner Kinderkliniken an die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Berlin bekannt geworden. Darin warnen die Chefärzte der neun Einrichtungen vor so chaotischen Zuständen in den Rettungsstellen wie zum vergangenen Jahreswechsel. Damals war der Ansturm auf die Notaufnahmen so groß, dass Eltern mit ihren kranken Kindern bis zu elf Stunden auf eine Behandlung warten mussten. Doch Kinderärztin Evelyn Rugo ist sich sicher: Die medizinische Versorgung von Kindern und Jugendlichen in Berlin sei auch um den Jahreswechsel herum gesichert.
Viele Kinderarztpraxen seien zwischen den Feiertagen geöffnet – nach Angaben der KV Berlin etwa ein Drittel. Zudem müssten niedergelassene Kinderärzte zu den Feiertagen die kinder- und jugendmedizinischen Notfallambulanzen der KV in Berliner Kliniken besetzen. In der öffentlichen Debatte entstehe aber nun der Eindruck, die Ärzte wollten nicht arbeiten und würden ihre Patienten im Stich lassen, sagt die Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin. „Hier werden doch die Kinderärzte in ein ganz schlechtes Licht gerückt“, ist sie überzeugt. „Wir sind uns aber unserer Verantwortung bewusst und für unsere Patienten da“, betont Evelyn Rugo. „Wir sind bestimmt nicht faul.“ Tatsächlich hat die Praxis an der Aßmannshauser Straße täglich von 8 bis 20 Uhr geöffnet - auch an diesem Freitag.
In dem Streit geht es auch um Geld
Nachdem die Notaufnahmen der Kinderkliniken um Weihnachten 2012 dem Ansturm von Eltern und Kindern nicht mehr gewachsen waren, wollten Kinderkliniken und KV eine neue Regelung finden. Die Forderung der Klinikärzte: die KV als Vertretung der niedergelassenen Ärzte möge einen zusätzlichen Notdienst organisieren. Dazu sollten in den Einzugsgebieten der neun Berliner Kinderkliniken Kinderarztpraxen über die Feiertage öffnen. „Wir bedauern, dass trotz intensiver Bemühungen im Verlauf dieses Jahres keine tragfähige organisatorische Neugestaltung der Kindernotfallversorgung in Berlin zwischen der Kassenärztlichen Vereinigung und den Berliner Krankenhäusern beschlossen wurde“, heißt es in dem Brief der neun Chefärzte an die KV. Deren Vorstand reagierte mit Gegenvorwürfen. Die Kliniken hätten selbst eine Einigung verzögert. Schon seit Jahresbeginn gab es Gespräche.
Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU) wollte vermitteln. Doch zu einer Einigung kam es nicht. Bei dem Konflikt geht es auch um Geld. Bei den weiteren Gesprächen über kinderärztliche Notdienste müssten „auch die unterschiedlichen Vergütungen der ambulant und stationär tätigen Kinderärzte betrachtet werden“, mahnt Senator Czaja.
Die Kliniken können im Schnitt nur 18 Euro pro Notfall abrechnen
Nach Klinikangaben können die Krankenhäuser im Schnitt nur 18 Euro für die ambulante Notfallvorsorgung eines Patienten abrechnen. Niedergelassene Kinderärzte erhalten nach Angaben der Kinderpraxis von Evelyn Rugo pro Quartal eine Fallpauschale zwischen 32 und 35 Euro. Diese gelte für eine Durchschnittspraxis mit 800 Patienten. Wer deutlich mehr Kinder behandele, bekomme von den Krankenkassen dann auch eine niedrigere Pauschale. Zum Jahresende sind die Budgets der Kassenärzte meist erschöpft. „Wer seine Praxis zu den Feiertagen zusätzlich öffnet, verdient daran nichts“, weiß auch Kinderärztin Rugo.
Trotzdem glaubt sie nicht, dass die Mehrzahl der rund 360 niedergelassenen Kinder- und Jugendärzte in Berlin aus finanziellen Gründen zwischen Weihnachten und Neujahr schließt. „Der Winter ist die Hochzeit für uns Kinderärzte“, sagt sie. „Da haben viele Kollegen dann auch einfach mal Erholung nötig, so wie viele anderen Menschen auch.“
Viele Eltern sind übervorsichtig
Einig sind sich niedergelassene Kinderärzte, die Mediziner der Berliner Kinderkliniken, die Funktionäre der Kassenärztlichen Vereinigung und Gesundheitssenator Mario Czaja an einem Punkt: Die Rettungsstellen der Krankenhäuser werden oft unnötig in Anspruch genommen. Von 10.443 Kindern und Jugendlichen, die zwischen dem 21. Dezember 2012 und 6. Januar 2013 waren nach Klinikangaben nur sechs Prozent so schwer erkrankt, dass sie einer stationären Behandlung bedurften. Bei Erwachsenen, die in Krankenhäusern ambulante Hilfe suchen, würden hingegen 30 Prozent stationär aufgenommen.
Auch die Wilmersdorfer Kinderärztin Evelyn Rugo weiß aus Erfahrung, dass viele Eltern überbesorgt sind. Seit 15 Jahren arbeitet die 50-Jährige als niedergelassene Kinderärztin, ist selbst Mutter zweier Kinder. „Früher wussten die Eltern einfach, dass es vielleicht auch ein Fieberzäpfchen tut. Dieser Rat wurde in der Familie weitergegeben“. Inzwischen könnten die Betroffenen zwar viele Medien nutzen, im Zeitalter des Internets gebe es aber auch viel Desinformation und Verunsicherung durch Überflutung. Eine gezieltere Informationspolitik hält Evelyn Rugo deshalb für sinnvoller, als weitere Bereitschaftsdienste. „Wenn nicht so viele überflüssige Untersuchungen notwendig werden, reicht das aktuelle Angebot für Berlin aus“, ist die Medizinerin überzeugt.
Im Januar wollen sich Vertreter der KV, der Kliniken und Gesundheitspolitiker wieder an einen Tisch setzen, um das Problem der kinderärztlichen Notfallversorgung an Feiertagen erneut zu diskutieren.




