Bildung

Berlins Schulsenatorin Scheeres will mehr Lehrer einstellen

Die Probleme an Berlins Schulen sind groß. Senatorin Sandra Scheeres plant ein besseres Schulessen, weniger Unterrichtsausfall und mehr Lehrer. 700 will sie neu verpflichten. Das dürfte nicht reichen.

Foto: Krauthoefer

Im kommenden Jahr soll es besseres Schulmittagessen für alle Grundschüler geben, mehr Geld für Schulen in schwieriger Lage, ein neues Lehrerbildungsgesetz sowie eine Qualifizierungsoffensive für Lehrer. Regina Köhler sprach mit Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) über die Vorhaben und darüber, ob genug Lehrer an den Schulen sein werden und wie Unterrichtsausfall künftig verhindert werden kann.

Berliner Morgenpost: Frau Scheeres, im vergangenen Schuljahr sind mehr als 10.600 Stunden pro Woche ausgefallen. Mehr als 50.000 Stunden pro Woche mussten vertreten werden. Was tun Sie, um Unterrichtsausfall zu verringern?

Sandra Scheeres: Jeder Unterrichtsausfall ist für Kinder und Eltern ärgerlich. Wenn man genau hinsieht: Der Vertretungsanfall ist gestiegen, aber der Unterrichtsausfall ist konstant geblieben. Und das bei zusätzlichen Streiktagen. Das heißt, dass die Schulen große Anstrengungen unternommen haben, damit so wenig Unterricht wie möglich ausfällt. Auffällig ist, dass es Schulen gibt, die gut geregelt bekommen, dass wenig Unterricht ausfällt und andere, die das nicht schaffen. Wir müssen die Schulleiter noch besser qualifizieren, damit sie solche Probleme besser managen können – zum Beispiel mit unseren Vertretungsmitteln. Auch die Fortbildung der Lehrer hinsichtlich eines guten Gesundheitsmanagements ist wichtig. Schließlich ersetzen wir langzeiterkrankte Kollegen und stellen junge Lehrkräfte ein. Das senkt den Vertretungsanfall und damit auch den Unterrichtsausfall.

Wie viel Lehrer werden im neuen Jahr gebraucht, und werden Sie es schaffen, diese einzustellen?

Im gesamten Kalenderjahr 2014 benötigen wir 2000 neue Lehrkräfte. In dieser Zahl sind 300 Stellen enthalten, die wir aufgrund der wieder eingeführten Altersermäßigung für Lehrer neu besetzen. Bereits zum Februar wollen wir 700 Lehrkräfte einstellen.

Sind genügend Lehrer auf dem Markt?

Die zentralen Einstellungsverfahren laufen bereits seit Mitte des Monats. Derzeit liegen uns 2100 Bewerbungen aus allen Bundesländern vor. Im letzten Jahr waren es rund 1800. Erfreulich ist, dass viele, die in Berlin auf Lehramt studieren, auch in der Stadt bleiben wollen. Für die meisten gab es eine Einstellungsgarantie. 380 Lehrkräfte haben wir schon ausgewählt. Das diesjährige Verfahren zeigt, dass wir schneller und früher dran sind, als in den vergangenen Jahren. Das bringt Entlastung für die Schulen.

Sie haben den Schulen eine hundertprozentige Personalausstattung zugesagt. Wird es dabei bleiben, obwohl der Vertretungsanfall zeigt, dass diese Ausstattung nicht ausreichend ist?

Ja, hinzu kommen drei Prozent zusätzliche Ressourcen, mit denen die Schulen kurzfristig Vertretungskräfte einstellen können. Übrigens haben sich einige Schulen entschieden, über das neue Bonusprogramm für Schulen in schwieriger Lage zusätzliches Personal wie Musiktherapeuten oder Sozialarbeiter zu holen. Ich betone, dass diese Stellen zusätzlich sind.

Wann wird dieses Programm starten?

Losgehen wird es im Februar. 218 Schulen werden die zusätzliche Unterstützung bekommen, insgesamt stellen wir jährlich dafür 15 Millionen Euro zur Verfügung. Die Schulen sollen bis zum 20. Januar die Rückmeldebogen ausfüllen und diese bei der Bildungsverwaltung einreichen. Wir werden dann Entwicklungsvereinbarungen mit ihnen treffen und deren Einhaltung kontrollieren. Die Schulleitungen haben wir informiert. Es kann also starten.

Was können die Schulen mit diesem zusätzlichen Geld machen?

Sie können Personal für ihre Bibliotheken einstellen oder Anti-Gewaltprojekte bezahlen. Auch zusätzliche Sozialpädagogen und Psychologen könnten sie einstellen oder pädagogische Projekte fördern. Auf jeden Fall entscheiden die Schulen selbst, wie sie die Mittel einsetzen. Das stärkt ihre Autonomie.

Ein zentrales Thema Ihrer Amtszeit ist die Sprachförderung der Kinder. In der Kita führen die Erzieher ein Sprachlerntagebuch für jedes Kind. Bislang wurde aber kritisiert, dass diese Dokumentationen nicht in den Schulen ankommen. Wie wollen Sie das ändern?

Genau. Das ist ein großes Manko. Die Sprachlerntagebücher dokumentieren insbesondere den sprachlichen Entwicklungsstand und sind deshalb wichtig für die Grundschulen. Ich plane deshalb, dass die Sprachlerntagebücher mit dem Einverständnis der Eltern weitergegeben werden. Im Regelfall werden dies die Kitas machen. Denn die Erzieher wissen, welche Schule die Kinder besuchen werden. Wenn Eltern sich allerdings für eine Schule außerhalb ihres Einzugsgebietes entscheiden, sind die Bezirke in der Pflicht. Sie müssen dann die Dokumentation an die entsprechende Schule weiterleiten. Dieses Prozedere soll vom kommenden Schuljahr an gelten. Außer Neukölln sträuben sich die Bezirke aber noch gegen diesen Weg. Ich werde das nicht hinnehmen. Für die Sprachförderung ist es wichtig, dass die Schulen sofort über den Entwicklungsstand jedes Kindes Bescheid wissen. Nur so können die Kinder von Anfang an effektiv gefördert werden.

Was die Sprachförderung betrifft, gibt es vor allem von CDU-Politikern immer wieder den Vorstoß, die Vorklassen wieder einzuführen. Die wurden 2004 abgeschafft. Was halten Sie davon?

Das ist der falsche Weg. Und er ignoriert die Bildungsleistungen der Kitas. Die Kindertagesstätten haben sich verändert und machen von Anfang an Bildungsarbeit, nicht nur im letzten Jahr vor der Schule. Vor 2004 sind nur rund 26 Prozent der Kinder in die Vorschule gegangen – es handelt sich also um einen Mythos, dass Berlin eine verpflichtende Vorschule hatte. Heute besuchen hingegen 95 Prozent der Kinder eine Kita. Kinder, die keine Kita besuchen, müssen einen Sprachtest absolvieren und dann verpflichtend in die Kita gehen, falls sie Förderbedarf haben. Wir müssen die Kita weiter stärken und nicht wieder eine neue Reform starten. Also: Sprachtest vorziehen, Sprachförderung in der Kita verlängern und bei Verweigerung der Eltern zu Bußgeldern greifen.

Sprachförderung ist auch für Flüchtlingskinder wichtig. Von denen werden 2014 noch mehr nach Berlin kommen. Welche Unterstützung wird es für sie geben?

Das ist ein großes Thema. Es fängt schon bei der Information an. Die Familien haben oft keine Vorstellung vom Berliner Bildungssystem. Wir werden deshalb Schulungen für die Sozialarbeiter in den Flüchtlingsheimen anbieten und haben einen Info-Film für die Familien entwickelt. Wir werben auch für den Kita-Besuch. Bei den Schulen wird es darauf ankommen, dass sie früher die Information bekommen, welche Kinder zu ihnen kommen. Ich erwarte, dass die Kinder so früh wie möglich eine Einschulungsuntersuchung bekommen. Das Thema ist auch Gesundheitssenator Mario Czaja bekannt.

Für den Bildungsbereich wird es im Doppelhaushalt 2014/15 deutlich mehr Geld geben. Was freut Sie besonders?

400 Millionen Euro mehr. Ich bin froh, dass es mit dem Kita-Ausbauprogramm weitergehen wird. Dafür sind 18 Millionen Euro vorgesehen. Wir haben uns vorgenommen, 11.000 zusätzliche Kita-Plätze zu schaffen. In den vergangenen Monaten sind bereits 6400 neue Plätze allein über das Landesprogramm bereit gestellt worden. Das sind doppelt so viele wie wir geplant hatten. Im Schulbereich gibt es 26 Millionen Euro für Ergänzungsbauten, die an 14 Standorten mehr Platz schaffen sollen. 19 Millionen Euro stellen wir für das Schulmittagessen bereit. Hier haben wir vom Preis- auf den Qualitätswettbewerb umgestellt. An allen Schulen haben Essensausschüsse getagt, zusammen mit den Eltern haben die Schulen und Bezirke einen Caterer ausgewählt. Und ganz wichtig sind auch die Steigerungen bei den Hochschulverträgen, die mehr als zehn Prozent betragen.

Für die Umsetzung eines Inklusionskonzepts haben Sie aber nicht genug Geld bekommen. Wie wird es in diesem Bereich weitergehen?

Im Doppelhaushalt stehen 7,5 Millionen Euro für Inklusion bereit. Wir werden dieses Geld vor allem für die Fortbildung der Lehrkräfte einsetzen. Das ist eine wesentliche Voraussetzung für eine inklusive Schule. Gute Vorbereitung geht vor Schnelligkeit. Außerdem sollen mit dem Geld Beratungszentren eingerichtet werden. Wir starten mit vier Modellstandorten. 2015 soll jeder Bezirk eine Beratungseinrichtung haben, in der Eltern und Lehrkräfte Unterstützung bekommen. Auch werden wir im kommenden Jahr ein Konzept für sogenannte Schwerpunktschulen entwickeln, die mit der Inklusion beginnen sollen. Natürlich wird es auch weiterhin Förderschulen geben. Schließlich haben in Berlin die Eltern die Wahl, an welcher Schule ihr Kind lernen soll.