Stadtleben

25 Beobachtungen – Berliner sind anders als andere Deutsche

Auf ihrem Blog uberlin.co.uk versammeln die Briten Zoë Noble und James Glazebroock Beobachtungen über das Leben in der deutschen Hauptstadt. 30.000 Leser verfolgen die Klischees regelmäßig.

Foto: Jakob Hoff

Ein Expat ist ein englischer Muttersprachler, der vor ein bis drei Jahren nach Berlin gekommen ist. Offiziell um hier zu arbeiten. Inoffiziell, weil er die Atmosphäre der Stadt so großartig findet, in Berlin gerade „ganz viel passiere“ und weil das Leben immer noch so viel erschwinglicher ist als in London, New York oder Sydney. Die modisch gekleideten 25- bis 35-Jährigen – sie mit Röhrenhose, er mit markanter, großer Brille – arbeiten in Freelance-Jobs, als Künstler, in Start-ups oder im Social Media Bereich. Sie bewohnen schöne, große Kreuzberger Wohnung mit offen liegenden Backsteinmauern, über deren glänzendes Parkett eine süße, schnaufende französische Bulldogge schlurft. Und sie führen für Freunde und Verwandte daheim einen Blog über die Erfahrungen in Berlin.

All diese Klischees treffen mehr oder weniger auch auf die gebürtigen Londoner Zoë Noble, 31, Fotografin und James Glazebroock, 34, Social Media Berater zu. Und mit Klischees arbeiten auch die beiden. Auf dem Blog uberlin.co.uk versammeln Noble und Glazebroock Beobachtungen über das Leben in der deutschen Hauptstadt: „What I know about Germans. 101 Oberservations“ (Was ich über Deutsche weiß. 101 Beobachtungen). Und wie das mit Klischees so ist: sie werden gerne gelesen. 30.000 Leser folgen dem Blog. Selbst die britische Tageszeitung „The Guardian“ brachte sie vor kurzem auf die Startseite ihre Webpräsenz. „Die Geschichte hat einen Nerv getroffen“, sagt Glazebroock. „Unsere Leser sind überwiegend in Berlin lebende Expats. Die haben ihre deutschen Freunde in den humorigen Anekdoten wiedererkannt.“

Was die Expats über die Berliner denken – wir haben es für sie übersetzt.

1. Berliner tragen keine Anzüge

In Berlin tragen nur Politiker und Banker Anzüge. Und niemand möchte für einen Mitglied einer dieser beiden Gruppen gehalten werden. „In London erfordert die Arbeitswelt das Tragen eines Anzugs. Auch abends in den Pubs und Bars trifft man daher viele ‚Suits‘“, sagt Glazebroock. „In Berlin ist das alles etwas lockerer. Zum Glück habe ich an meinem ersten Arbeitstag bei einem Start-up-Inkubator nicht den großen Fehler gemacht und einen Anzug angezogen.“

2. Und Berliner interessieren sich nicht dafür, wie du aussiehst

Die Supermarkt-Kassierin in den besten Jahren hat Feuermelder-rote Haare und trägt ein Paar Ohrringe zu viel? Der Postmann kombiniert seine Uniform mit abgeschnittenen Shorts und abgetragenen Doc Martens? Willkommen in Berlin. „Eine derartige Lockerheit, was Kleidung angeht, gibt es in Großbritannien auch in Geschäften nicht“, sagt Noble.

3. Berliner essen gar keine Currywurst

Die Currywurst ist einfach nur ein kulinarischer Witz, den sie sich für naive Touristen ausgedacht haben.

4. Berlin ist nicht Deutschland

Stereotype, für die Deutschland bekannt ist – Pünktlichkeit, Verlässlichkeit und Organisiertheit – treffen auf Berlin eher nicht zu, glauben die Briten. „Ein Beispiel wäre die S-Bahn mit ihren vielen Verspätungen und Ausfällen. Oder der Flughafen, der nie eröffnet.“ Aber sie haben dafür ihre eigene Erklärung:

5. Die Berliner wollen auch gar nicht, dass der BER eröffnet wird

Sie hoffen heimlich, dass der Bau des neuen Flughafens so lange dauert, bis die Stadt aufgibt und Tegel behält.

6. Berliner starren

„Ich weiß noch, wie komisch ich das fand, als wir an unserem ersten Tag in Berlin ankamen, unsere Koffer hinter uns über den Asphalt zogen, und ständig angeschaut wurden“, erinnert sich Noble. „In Deutschland ist es auch völlig normal, Augenkontakt mit Fremden aufzunehmen“, sagt Glazebroock. „In Großbritannien gilt es als zu forsch, jemanden bei einem Gespräch ständig direkt in die Augen gucken. Hier hingegen scheint es als unaufrichtig zu gelten, wenn man es nicht tut“

7. Berliner sehen keine Street Art

Die Berliner sind tagtäglich einer solchen Masse von Street Art – Graffiti, Sticker, Wandmalereien und Installationen – ausgesetzt, dass sie eine Straßenkunst-Blindheit entwickelt haben. „Aber das ist nur clever“, findet Glazebroock. „Wenn sie sich wirklich Zeit dafür nehmen würden, kämen sie wahrscheinlich nie irgendwo an.“

8. Berliner wissen, wie man feiert...

„In London gibt es um 2 Uhr morgens die Sperrstunde, daher sind alle ziemlich schnell sehr betrunken“, sagt Noble. „In Berlins Clubs hingegen wird das Trinken gesitteter über die ganze Nacht verteilt.“

9. ...aber sie sind ein denkbar schlechtes Konzert-Publikum

Der Berliner setzt seinen Enthusiasmus sparsam ein. Etwa während der letzten Stunden einer wochenendlangen Techno-Party oder bei einem Punk Konzert in einem besetzen Haus. Aber musikalische Darbietungen jedes anderen Genres würden zumeist einfach nur per Stillstand gewürdigt. Nur wenn sie etwas wirklich, wirklich gut fänden, würden die Arme aus der verschränkten Haltung gelockert, um zu klatschen. Aber zaghaft.

10. Berliner lassen sich nichts sagen

„Nehmen wir zum Beispiel das Rauchverbot“, sagt Glazebroock. „Das wird in Berlin in jeder Bar mit den kleinen Schildchen ‚Raucherbar‘ umgangen. Jedes dieser Schildchen ist ein klares ‚Pff, nicht mit uns!‘“

11. Ein paar Reglen sind aber lebenswichtig für die Berliner

Wer bei rot über Straße geht, muss mit lauten Protesten rechnen. Und wer im Bus die falsche Tür nimmt, dem kann es schon mal passieren, dass er über Lautsprecher zurechtgewiesen wird.

12. Berliner sind abergläubisch

„Jemand fliegt über seinen Geburtstag in den Urlaub? In Großbritannien würde man ihm vorher schon gratulieren – nicht aber in Deutschland“, sagt Glazebroock. „Das bringt Unglück. Und dann vor einem Flug? Na, ist man denn des Wahnsinns?“

13. Manieren? Nicht unbedingt eine Stärke der Berliner

Türen offen halten oder dem Türöffner dafür danken, dass er sie gehalten hat? „Das ist in Berlin nicht unbedingt Mode“, sagt Glazebroock. „Okay, in London würden wir zwar auch über unsere eigene Großmutter rennen, um rechtzeitig in die Bahn zu kommen, aber wir würden dann immerhin ‚Sorry‘ sagen.“

14. Berliner haben ihre eigene Mitte

Alexanderplatz? Da gehen Berliner nur hin, wenn sie von der U-Bahn in die S-Bahn umsteigen wollen. Auch die typischen Touristenzonen meiden sie. Den Fakt, dass sie das Brandenburger Tor nie aus nächster Nähe gesehen habe, tragen sie wie ein Ehrenabzeichen am Revers.

15. Berliner haben nichts gegen Touristen

Aber sie haben was gegen Idioten. „Wer nach Berlin kommt, um die Stadt als seinen persönlichen Abenteuerspielplatz zu missbrauchen, sonntagsmorgens wild grölend durch die Straßen läuft und die Wege mit zerschmissener Bierflaschen ziert, braucht sich nicht wundern, wenn er gehasst wird“, sagt Glazebroock.

16. Berliner reden über das Wetter

„Als Brite habe ich mich da sehr drüber gefreut“, sagt Glazebroock. „Denn bei uns ist das Sich-über-das-Wetter-beschweren eine Art Nationalsport.“ In den Großbritannien könne er nun tolle neue Wörter wie „Scheisswetter“ verwenden.

17. Und bei guten Wetter rasten sie völlig aus

Sobald die Sonne rauskommt, werden in Berlin Tische und Stühle vor die Cafés gestellt und Biergärten eröffnet.

18. Sie können ganze Gespräche mit nur einem Wort bestreiten: Doch

Nein? Doch. (Ein englisches Äquivalent gibt es nicht.)

19. Berliner plauschen nicht mit dem Kassierer

Ein netter Smalltalk an der Kasse? Unüblich. Generell scheint in Deutschland zu gelten: Wörter ohne Zweck? Verschwendung.

20. Berliner sind sehr direkt

Subtext wird hier nicht besonders geschätzt. Der Berliner sagt es so, wie er es denkt.

21. Verrückter oder Künstler? Manchmal schwer zu unterschieden

Wann immer man auf eine verstört wirkende Person trifft, die leise mit sich selber spricht, kann es sein, dass jemand mit einer Kamera hinter ihr her läuft und alles nur Performance ist.

22. Berliner sprechen gar kein Deutsch

„Den letzten Tag unseres Deutsch-Kurses haben wir noch lebhaft vor Augen“, sagt Glazebroock. „Wir dachten gerade, wir sind jetzt so ziemlich auf alle Gemeinheiten der deutschen Sprache vorbereitet, da legt unser Lehrer eine CD mit ,Berlinerisch’ ein. Ich kann nur so viel sagen: Einige Kursteilnehmer sind verzweifelt in Tränen ausgebrochen.“

23. Berliner mögen nicht immer so wirken, aber sie sind engagiert

Graswurzelaktivismus lebt in der Hauptstadt. Egal zu welchem Thema.

24. Der Berliner lässt sich zwar nicht gerne umarmen...

„Wenn man sich mit jemanden gut unterhalten hat, ist es in Großbritannien völlig normal, ihn zum Abschied zu umarmen“, sagt Glazebroock. In Berlin habe er das ein paar Mal versucht und musste feststellen: Berliner umarmen nur Freunde richtig gerne. Für alles andere gibt es einen Handschlag.

25. ...aber tief in seinem Inneren ist er doch weich wie ein Teddybär

„Nach außen mögen Berliner ein bisschen schroff und unherzlich erscheinen“, sagen die Briten. „Aber wenn man sich Zeit genommen hat, sich in ihrer Sprache – nicht Berlinerisch, Deutsch reicht schon – mit ihnen zu unterhalten, findet man raus, sie sind lustige, warme und sehr herzliche Menschen.“