Schon wieder ist es in der Nähe des Alexanderplatzes in Berlin-Mitte zu einem Ausbruch von Gewalt gekommen. Ein 16-Jähriger ist dabei in der Nacht zu Sonntag bei einer Auseinandersetzung an der Rathausstraße durch Messerstiche schwer verletzt worden. Der Tatort befindet sich nur wenige Schritte von jenem Platz entfernt, an dem eine Gedenkplakette an den vor etwas mehr als einem Jahr getöteten Jonny K. erinnert.

Berlins Innensenator Frank Henkel (CDU) äußerte sich am Sonntag schockiert über den neuerlichen Gewaltexzess.

„Es ist verstörend, dass es am Sonntag nur wenige Meter von der Gedenkplakette für Jonny K. zu einem weiteren ernsthaften Gewaltvorfall gekommen ist“, so Henkel. Wegen derartiger Vorfälle sei es richtig, die Sicherheitsmaßnahmen am Alexanderplatz deutlich zu erhöhen, sagte der Senator. Dadurch sei es der Polizei möglich, nach praktisch allen schwereren Gewaltvorfällen der jüngeren Zeit unmittelbar einzugreifen oder Festnahmen zu erzielen.

Polizei zeigt mehr Präsenz

Doch trotz verstärkter Polizeipräsenz habe er Zweifel, dass der abschreckende Effekt ausreiche, sagte Henkel. „Der Alexanderplatz ist gerade am Wochenende zu einer problematischen Partymeile geworden“, die eine „alkoholgeneigte und konfliktbereite Klientel“ anziehe. „Diese Monokultur trägt zum negativen Sicherheitsgefühl bei.“ Damit müsse man sich verstärkt auseinandersetzen. Seit Anfang November ist am Alexanderplatz ein sechsköpfiges Direktionskommando im Einsatz, eine weitere Verstärkung in den Nachtzeiten am Wochenende wird noch geprüft.

Aus noch ungeklärten Gründen war es am späten Sonnabendabend an der Rathausstraße zu einem aggressiven Streit gekommen. Beleidigungen und ein Flaschenwurf zwischen zwei Gruppen führten nach Angaben der Polizei gegen 22.30 Uhr dazu, dass ein 19-Jähriger in Wut geriet und mit einem Messer um sich stach. Bei dieser Attacke verletzte er einen 16-Jährigen und einen 36-Jährigen. Der Jüngere von beiden kam mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus, der Ältere wurde leichter verletzt und konnte nach ambulanter Behandlung die Klinik wieder verlassen. Auch der tatverdächtige 19-Jährige musste ambulant behandelt werden. Ihn hatte offenbar eine von der gegnerischen Gruppe geworfene Flasche getroffen. Bei ihm ließ die Polizei eine Blutprobe nehmen. Die Polizei ermittelt jetzt gegen den Heranwachsenden wegen gefährlicher Körperverletzung.

Messerattacke in Wedding - Mordkommission ermittelt

Nur wenige Stunden zuvor hatte sich bereits in Wedding eine blutige Auseinandersetzung zwischen zwei Gruppen ereignet. In diesem Fall ermittelt inzwischen die 7. Mordkommission des Landeskriminalamts wegen versuchter Tötung. Nach Polizeiangaben hatten am Sonnabend gegen 19.30 Uhr etwa 15 bis 20 Personen aus verschiedenen Gruppierungen auf dem Gehweg der Wollankstraße im Ortsteil Gesundbrunnen einen Streit angefangen, teilte die Polizei mit.

Warum die Auseinandersetzung überhaupt begann, sei noch vollkommen unklar, hieß es bei der Polizei. Sicher ist, dass der Streit plötzlich eskalierte und mindestens eine Person ein Messer zückte und eine andere Person lebensgefährlich verletzte. Der schwerverletzte 30-Jährige musste operiert werden und liegt seither auf der Intensivstation. Auch ein 20-Jähriger kam mit Stichverletzungen ins Krankenhaus, zwei 31 Jahre alte Beteiligte des Streits mussten mit leichteren Verletzungen ambulant behandelt werden.

Acht Messerattacken allein im November

Nach Informationen der Berliner Morgenpost ist es allein im November dieses Jahres auf Berliner Straßen in acht Fällen zu Auseinandersetzungen gekommen, bei denen Beteiligte durch den Einsatz von Messern verletzt wurden. Im vergangenen Jahr hatte die Kriminalstatistik für Berlin insgesamt 2708 Straftaten ausgewiesen, bei denen Messer eingesetzt wurden. Im Vergleich dazu waren 2011 noch 2567 solcher erfasst worden. Bei den gefährlichen und schweren Körperverletzungen in Berlin betrug im Jahr 2012 der Anteil der „Messertaten“ laut Statistik 6,5 Prozent.

Die deutlich höhere Zahl der Messereinsätze im Verhältnis zu den Auseinandersetzungen auf Straßen erklärt sich dadurch, dass in dieser Rubrik der Kriminalstatistik beispielsweise auch alle Raubtaten, etwa auf Kioske oder Tankstellen, mit berechnet sind, bei denen Opfer mit einem Messer bedroht wurde. In der großen Mehrzahl der Delikte sind die Messer aber nicht tatsächlich eingesetzt, sondern von Tätern lediglich als Drohmittel verwendet worden.

Jonny K. starb nach Schlägen und Tritten

In der Nacht zum 14. Oktober 2012 war der damals 20 Jahre alte Jonny K. aus Spandau an der Rathausstraße von mehreren Angreifern durch Schläge und brutale Tritte gegen Leib und Kopf so schwer verletzt worden, dass er einen Tag später an den Folgen von Hirnblutungen im Krankenhaus starb. Die Tat hatte bundesweit Schlagzeilen gemacht und eine breit angelegte Debatte über Jugendgewalt ausgelöst.

Die Täter konnten nach und nach gefasst werden und wurden schließlich zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Allerdings konnte keinem der Verurteilten trotz umfangreicher Ermittlungen der Kriminalpolizei nachgewiesen werden, dass sein Tatbeitrag zum Tod des jungen Mannes geführt hatte. Deshalb konnten die Beschuldigten lediglich für gemeinschaftlich begangene gefährliche Körperverletzung mit Todesfolge zur Rechenschaft gezogen werden. Die Polizeipräsenz am Alexanderplatz wurde daraufhin verstärkt.