Berlin liegt an einem großen Fluss aus Energie. Die „Diagonale“, eine 380 Kilovolt-Starkstromtrasse, durchzieht die Stadt. Auf dieser Leitung wird auch Windstrom aus der Ostsee nach Süden geleitet. „Berlin wird eigentlich schon mit erneuerbaren Energien versorgt“, sagt Frank Büchner, der bei Siemens Deutschland den Energiesektor und gleichzeitig das Ostdeutschland-Geschäft leitet.
Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern hätten mit die höchsten Anteile von Ökostrom-Produktion unter den Bundesländern. „Berlin liegt mitten drin“, sagt Büchner. Aus dieser Position heraus formuliert der Experte für Deutschlands Hauptstadt besondere Aufgaben innerhalb der Energiewende. Die bestünden nicht darin, selbst unbedingt Windräder aufzustellen oder Sonnenkollektoren auf die Dächer zu bringen.
Berlin sei Strom-Abnehmer, könne als Speicher dienen und im Netz die Lasten ausgleichen, wenn Ökostrom im Überfluss vorhanden ist, beschreibt Büchner die Anforderung. Um diese Rolle spielen zu können, fordert Siemens von der sich abzeichnenden schwarz-roten Koalition deutliche Änderungen beim Management der Energiewende.
Die AG Energie der Koalitionsverhandlungen habe in ihr Papier zwar die richtigen Begriffe geschrieben, sagt Udo Niehage, oberster Siemens-Vertreter in der Hauptstadt und Beauftragter des Konzerns für die Energiewende, aber viele Formulierungen seien doch sehr vage und zögerlich.
Strom dann abzunehmen, wenn er anfällt
Deutschlands größter Industriekonzern ist in allen für die Energieversorgung relevanten Sektoren unterwegs, vom Kohlekraftwerk über die Stromnetze bis zum Windrad. Darum steht das Unternehmen weniger als andere Kritiker der Energiewende im Verdacht, nur aus Eigeninteresse zu sprechen. Die Wirtschaft und auch Siemens wollten die Energiewende, stellen die Manager klar. Eine Umfrage unter Kunden hat ergeben, dass 90 Prozent der Firmen die Energiewende gutheißen. Aber 93 Prozent sagen auch, es müssten die dringend die Spielregeln geändert werden.
Elektrotechniker Büchner erklärt, wie ein Zukunftsszenario aussehen könnte. Die große Aufgabe ist es demnach, den zu Zeiten von starkem Wind und viel Sonne im Überfluss vorhandenen Öko-Strom sinnvoll zu nutzen anstatt die Windparks abzuschalten, weil sonst das Netz aus der Balance geraten würde. Batterien oder andere Speicher, die das könnten, seien in den nächsten zehn Jahren nicht zu erwarten.
Also müsse es darum gehen, den Strom dann abzunehmen, wenn er anfällt. Hier kommen Städte wie Berlin mit ihren Großbetrieben, Bürohäusern, Kliniken oder Car-Sharing-Flotten ins Spiel. Vielerorts komme es nicht auf „Just in Time“-Verbrauch an. Man könne eine Wärmepumpe auch ein paar Stunden eher anwerfen, um damit ein Krankenhaus oder eine Fabrikhalle zu beheizen oder einen Server-Raum kühlen. Oder man könne in stürmischen Nächten ein Elektroauto aufladen oder einen Tank vollpumpen.
Es gehe darum, die Last dem Angebot anzupassen, so der Fachmann. Hier sei mit einfachen Mitteln viel zu erreichen. Es bestehe die Chance, die Energieeffizienz viel stärker als bisher in den Blick zu nehmen. Firmen winkten niedrigere Energiekosten von bis zu 30 Prozent. Die Bereitschaft, umzudenken, sei durchaus da, hat die Siemens-Umfrage ergeben. 37 Prozent der Unternehmen wären bereit, dem Netzbetreiber die für ein solches Angebot nötigen Eingriffe zu erlauben.
Großer Innovationsschub
An diesem Punkt treffen sich die Analysen des Technikers mit den politischen Forderungen des Konzerns. Siemens drängt darauf, die bislang garantierte Vorfahrt für erneuerbare Energien bei der Einspeisung in die Stromnetze zu beenden. Dahinter steht zum einen, dass gerade in Städten wie Berlin auch die Anlagen zur Kraft-Wärme-Koppelung, die Strom und Wärme zugleich liefern, für die Energiewende benötigt würden. Da wäre es aus Büchners Sicht kontraproduktiv, den ohnehin bei der Produktion von Fernwärme entstehenden Strom nicht nutzen zu können, weil gerade zu viel Windstrom im Netz ist. Zum Zweiten erwarten die Manager eine großen Innovationsschub für den von Büchner beschriebenen Ausgleich der Lasten, wenn Öko-Strominvestoren ihre Energie nicht mehr einfach so zu hoch subventionierten Garantiepreisen ins Netz einspeisen könnten, sondern sich einen Abnehmer für ihren Ökostrom suchen müssten. „Dann entstehen neue Dienstleistungen, Kooperationen und Geschäftsmodelle“, sagt Lobbyist Niehage.
Im Papier der schwarz-roten Energiepolitiker ist von der „verpflichtenden Direktvermarktung“ die Rede. Wie diese genau geregelt wird, ist offen. Es wäre aber ein Systemwechsel. „Die Vorfahrtsregelung für erneuerbare Energien setzt den Markt außer Kraft“, sagt Niehage. Für Flaute und trübe Wintertage braucht man weiter konventionelle Stromquellen. Betriebswirtschaftlich rechne es sich aber für die Betreiber immer weniger, solche Kraftwerke am Netz zu halten, geschweige denn neue, effiziente Gaskraftwerke zu bauen. Wenn nun ein Erzeuger von Öko-Strom sich seine Abnehmer, etwa die Fabrik oder das Krankenhaus mit der flexibel einsetzbaren Wärmepumpe, selber suchen müsste, ließe sich auch dieses Dilemma lösen, sind die Siemensianer überzeugt. Er muss mit einem konventionellen Erzeuger zusammenarbeiten, um seinen Kunden zuverlässig Strom liefern zu können.
In diesem Moment würde sich ein Marktpreis bilden für die Leistung, Kohle- oder Gaskraftwerke in Reserve zu halten, um damit Schwankungen der Öko-Stromversorgung ausgleichen zu können. Als Alternative bliebe aus Sicht der Siemens-Leute nur, nach Öko-Stromerzeugern auch konventionelle Kraftwerke zu subventionieren – und damit den Strompreis weiter hochtreiben.
Frank Niehage verhehlt nicht, dass Siemens mit seinen Forderungen auch geschäftliche Interessen verbindet. Siemens Energy setze pro Jahr 26 Milliarden Euro um, davon aber nur acht Prozent in Deutschland. Hierzulande arbeiten aber 30 Prozent der Beschäftigten. „Wir leben ganz besonders in Berlin vom Export unserer Produkte“, sagt Büchner.
In den Werken für Messgeräte, für Schaltanlagen und für Gasturbinen hängen Tausende Berliner Industriejobs an den Verkaufserfolgen der Energie-Sparte. „Wir entwickeln und produzieren hier in Berlin wesentliche Technik für die Energiewende,“ ergänzt Niehage, designierter neuer Präsident der Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg. Im Ausland werde die deutsche Energiewende jedoch keine Nachahmer finden, wenn sie allein auf Subventionen beruhe, die sich andere Staaten nicht leisten könnten oder wollten. Für den Export müsse Siemens zeigen, dass es in Deutschland einen funktionierenden Markt gebe, der die entwickelten Lösungen nachfrage. „Deswegen ist diese Weichenstellung so enorm wichtig für uns als Technologieführer“, sagt Niehage, „und gerade für uns in Berlin.“


