Einschulungen

Immer mehr Berliner Eltern meiden Brennpunkt-Grundschulen

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Regina Köhler

Foto: Sergej Glanze

Bildungsbewusste Eltern wehren sich in vielen Berliner Bezirken dagegen, ihre Kinder im Einzugsgebiet einzuschulen. Die Schulen geraten unter Druck, immer öfter müssen die Plätze ausgelost werden.

In Berlin ist klar festgelegt, dass Eltern ihre Kinder an der staatlichen Schule des Einzugsgebietes anmelden müssen, bevor sie eingeschult werden. In der Regel ist das die Schule, die dem Wohnort am nächsten liegt. Doch in vielen Berlin Kiezen stehen diese Einzugsbereiche zwar noch auf dem Papier, die Eltern halten sich aber längst nicht mehr daran. Vor allem Brennpunktschulen werden gemieden.

So ist etwa in Neukölln ein deutlicher Nord-Süd-Trend erkennbar. „Eltern, die ihre Kinder eigentlich an einer Schule in Nord-Neukölln anmelden müssten, ziehen stattdessen einen Platz an einer Schule im Süden des Bezirks vor“, sagt Bildungsstadträtin Franziska Giffey (SPD). Bisher seien 2371 Kindern angemeldet worden. Wie schon im vergangenen Jahr hätten rund die Hälfte der Familien Wechselwünsche angegeben.

Beliebt ist zum Beispiel die Grundschule am Sandsteinweg in Buckow. Die stellvertretende Schulleiterin Ranhild Gabriel sagt: „Wir haben auch in diesem Jahr deutlich mehr Anmeldungen als Plätze.“ Man werde deshalb wieder losen müssen. Denn die Wunschschule kann die Kinder nur aufnehmen, wenn sie mit den Schulanfängern aus dem Einzugsgebiet nicht voll ausgelastet ist.

Brennpunktschulen werden häufig gemieden

Vor allem deutsche Eltern meiden Brennpunktschulen und melden ihre Kinder woanders an. Eine Studie des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration aus dem Jahr 2012 bestätigt diese Entwicklung. In der Untersuchung wurden Daten von mehr als Hundert Berliner Grundschulen ausgewertet.

Das Ergebnis: An vielen Schulen gibt es keine ausgewogene Mischung der Schülerschaft. In Neukölln etwa waren unter den 30 untersuchten Grundschulen zehn, an denen der Ausländeranteil zwei- bis dreimal so groß war wie im Wohnumfeld. Ähnliche Ergebnisse gab es in Friedrichshain-Kreuzberg und Mitte.

Wie sehr bildungsbewusste Eltern auf das schulische Umfeld achten, zeigen die Konflikte in Alt-Mitte. Auch dort tun Eltern sich schwer, ihre Kinder an Schulen anzumelden, die als Brennpunktschulen gelten.

Während Einrichtungen wie die musikbetonte Papageno-Grundschule an der Bergstraße oder die Schule am Koppenplatz so begehrt sind, dass Kinder abgewiesen werden müssen, haben Grundschulen jenseits der Bernauer Straße wie die Heinrich-Seidel-Grundschule oder die Vineta-Grundschule Plätze frei. Dass diese Schulen gute Arbeit leisten, wird nicht berücksichtigt.

Einzelne Schulen am Ende ihrer Kapazität

Eine Ausnahme stellt die Gustav-Falke-Schule dar. Mit Klassen, die einen naturwissenschaftlichen Schwerpunkt haben und nur Kinder mit sehr guten Deutschkenntnissen aufnehmen, sorgte die Schule dafür, dass bildungsbewusste Eltern sich nicht abwenden. Das Konzept verursachte zwar zunächst große Aufregung. Inzwischen ist es aber anerkannt, zumal es mehrere dieser Klassen gibt und nicht nur deutsche Kinder darin sitzen.

Im Bezirk Mitte hat die zuständige Verwaltung zudem versucht, mit einer sogenannten Sprengellösung die Schulplätze ausgewogen zu belegen. Sieben Schulen in den Ortsteilen Mitte und Wedding sind zu einem Einschulungsbereich zusammengefasst worden.

Doch für die bildungsbewussten Eltern ist das keine Option. Seit Jahren gibt es Streit wegen der Einzugsgebiete. In diesem Jahr lagen dem Schulamt Mitte 200 Widersprüche von Eltern künftiger Erstklässler vor, 50 mehr als 2012.

Nach dem Schulgesetz sind gemeinsame Einzugsbereiche für Grundschulen möglich. Die zuständige Schulbehörde könne auch gemeinsame Einschulungsbereiche bilden. Dabei sei der „Grundsatz altersangemessener Schulwege“ zu beachten, heißt es im Gesetz.

Schulamt kann Plätze in Schulen zuweisen

Die Eltern melden ihr Kind an der Wunschschule im Einzuggebiet an. Das Schulamt kann aber das Kind an jede Schule in dem Bereich zuweisen, wenn die Plätze an der Wunschschule nicht ausreichen.

Holger Kulick, Elternvertreter an der Papageno-Schule, ist sicher, dass das Dilemma weitergehen wird. „Unsere Schule ist am Ende ihrer Kapazität“, sagt er. Das würde viele Eltern aber nicht davon abhalten, ihre Kinder dort und nicht an einer der Grundschulen in Wedding anzumelden.

Eine Lösung des Problems sei nicht in Sicht. Auch in diesem Jahr gebe es wieder sehr viele Anmeldungen. „Nur etwa die Hälfte der Kinder werden aber einen Platz bei uns bekommen.“

Die Eltern seien deshalb sehr unglücklich darüber, dass es mit dem geplanten Erweiterungsbau nicht klappt. Zwar hätten sie bereits rund 30.000 Euro von Sponsoren dafür eingesammelt. Doch der Bezirk habe nicht genug Geld, die vorhandenen Pläne zu realisieren.

Eltern bewerben Schulen in ihren Kiez

Immer enger wird es auch an der Grundschule am Koppenplatz. Schulleiterin Angela Thiele sagt, dass sie 2012 sogar Probleme hatten, alle Geschwisterkinder aufzunehmen. „Unsere Schule ist wegen der großen Nachfrage inzwischen auf drei Standorte verteilt.“ Doch der Platz reiche immer noch nicht. Auch dieses Mal werde man wieder unter den Bewerbern losen müssen.

Laut Beate Stoffers, Sprecherin von Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD), gibt es aber auch immer mehr Eltern gibt, die mit ihren Kindern im Kiez bleiben wollen und sich dafür einsetzen, dass auch andere Familien bleiben.

Ein Beispiel sei die Eltern-Initiative im Neuköllner Schiller-Kiez. Zwei Mütter, Petra Lafrenz und Susann Worschech, haben dort 2011 die Initiative „Kiezschule für alle“ gegründet. Die Mütter wollten nicht länger hinnehmen, dass es für viele Eltern selbstverständlich ist, nach Schulen in anderen Stadtteilen oder nach Privatschulen Ausschau zu halten, sobald ihre Kinder schulpflichtig werden.

„Viele Eltern gucken sich die Schulen in ihrem Viertel gar nicht erst an, sondern verlassen lieber gleich den Kiez oder nehmen lange Fahrwege für ihre Kinder in Kauf“, sagt Lafrenz. Das müsse sich ändern.