Die doppelte Staatsbürgerschaft ist in den Verhandlungen von CDU und SPD über eine große Koalition auf Bundesebene eines der umstrittensten Themen. Während die SPD fordert, doppelte Staatsangehörigkeiten zuzulassen und die umstrittene Optionspflicht abzuschaffen, lehnt die Union dies ab. Die Christdemokraten bieten bisher nur an, den Doppelpass weiter zu prüfen. Bisher erhalten in Deutschland geborene Kinder von Einwanderern seit dem Jahr 2000 neben der Staatsangehörigkeit ihrer Eltern auch die deutsche. Bis zum 23.Lebensjahr müssen sie sich für eine entscheiden. Dies betrifft viele Menschen mit türkischen Wurzeln. Die Berliner Morgenpost hat mit drei von ihnen gesprochen.

Nebahat Odabasi, 25, Studentin

„Ich bin in Stuttgart geboren, aufgewachsen und lebe seit einem Jahr in Berlin. Meine Eltern kommen aus der Türkei, aus Ostanatolien. Ich habe mich 2009 für die deutsche Staatsbürgerschaft entschieden. Auch um bessere Chancen zu haben. Mein damaliger Chef, er war älter als 80 Jahre, hat mir gesagt: „Schätzchen, du musst Deutsche werden, sonst kommst du hier nicht weiter.“ Damals war ich 19Jahre alt, ich hatte mir bisher keine Gedanken darüber gemacht. Ehrlich, in dem Alter kann man nicht sagen, ob man sich eher als Deutsche oder Türkin fühlt. Erst jetzt, wo ich in Berlin lebe, merke ich, wie sehr ich an Stuttgart hänge. Bin ich Deutsche, wenn ich meinen türkischen Pass abgebe? Ist das so einfach? Ich glaube nicht.

Ich habe viel Deutsches in mir, aber auch viel Türkisches. Es wird immer wieder Phasen geben, in denen ich merke, dass ich beide Kulturen nicht ganz annehmen kann. Aber genau darum scheint es mir bei der Diskussion zu gehen - gerade dann, wenn man über Türken spricht: sie sollen ganz deutsch werden. Aber Integration ist nicht einseitig, sondern funktioniert nur beidseitig. Wenn man aber von mir verlangt, dass ich vieles aufgebe, dann wäre das Assimilation anstelle von Integration.

Wenn ich aber die doppelte Staatsbürgerschaft habe, man mir also entgegenkommt, dann ist das Integration.“

Koray Özbagci, 17, Schüler

„Ich besitze den deutschen und den türkischen Pass. Wenn ich mich entscheiden müsste, würde ich zurzeit den deutschen Pass wählen und den türkischen abgeben. Es ist schade, dass ich bald vor die Wahl gestellt werde, da ich mit beiden Kulturen aufgewachsen bin und beide Identitäten in mir trage. Meine Eltern sind zwar in der Türkei geboren, aber schon früh nach Deutschland gekommen. Meine Mutter kam bereits als Elfjährige, mein Vater als Student, noch vor der Wende. Ich selbst bin in Berlin geboren und in Kreuzberg aufgewachsen. Zurzeit wohne ich in Wilmersdorf und besuche die 12. Klasse des Goethe-Gymnasiums.

Für meine Schule bin ich Abgeordneter im Kinder- und Jugendparlament, dazu engagiere ich mich bereits seit meinem 14. Lebensjahr politisch bei den Grünen im Kreisverband Charlottenburg-Wilmersdorf.

Aber wer weiß? Vielleicht möchte ich später einmal in der Türkei arbeiten, da wäre eine doppelte Staatsangehörigkeit sicher von Vorteil. Letztlich sehe ich mich also als Deutschtürke, hoffe aber auf eine neue gesetzliche Regelung, weil ich gerne beide Staatsbürgerschaften behalten würde und es mir schwerfällt, einen meiner Pässe abzugeben.

Von der neuen Regierung wünsche ich mir eine Aufhebung des Optionszwangs, da dieser viele Menschen vor den Kopf stößt. Ein neues Gesetz wäre eine große Möglichkeit, den Menschen eine Perspektive zu bieten und ein außerordentliches Zeichen zu setzen.“

Nurten Barekci, 24, Studentin

„Meine Eltern kommen aus der Türkei. Ich bin hier geboren, aufgewachsen, habe hier Abitur gemacht. Seit der Geburt hatte ich nur den türkischen Pass. Als ich 2009 den deutschen Pass beantragt habe, musste ich den türkischen abgeben.

Ich hätte damals auch den türkischen Pass behalten können. Aber da ich hier lebe, wollte ich umfassend gesellschaftlich partizipieren und wählen. Deshalb entschied ich mich für die deutsche Staatsbürgerschaft. Es hat mich aber sehr belastet, dass ich mich deshalb gegen meinen türkischen Pass entscheiden musste.

Mich mit der Frage der Zugehörigkeit beschäftigen zu müssen, hat meine Stimmung runtergezogen, insbesondere in meinem damaligen Alter. Mir ist bis heute unklar, warum ich nicht beide Pässe behalten durfte. Die Debatte um ein angebliches Identitätsproblem im Fall einer doppelten Staatsbürgerschaft halte ich für konstruiert. Wenn es da ein Problem gäbe, hätte ich es doch sowieso – ob mit einem oder zwei Pässen.

Ich habe in beiden Ländern, in der türkei und in Deutschland, meine Wurzeln, aber das ist doch kein Problem. Meine Identität besteht einfach aus beiden Kulturen. Wo ist das Problem? Die erzwungene Entscheidung für eine Staatsbürgerschaft entschärft nicht einen persönlichen Konflikt. Sondern es löst einen Konflikt aus, den so vorher überhaupt nicht gab.“