Lehrer fehlen

Krankheitswelle führt zu Chaos an Berliner Schulen

Der hohe Krankenstand unter Berliner Lehrern führt an vielen Berliner Schulen zu erheblichen Unterrichtsausfällen. Eltern fordern den Senat auf, mehr Pädagogen für Notsituationen auszubilden.

Foto: Frank Rumpenhorst / dpa

Die Erkältungswelle hat jetzt offenbar auch die Berliner Schulen erreicht. Viele Lehrer haben sich krankgemeldet. Unterricht fällt aus oder wird fachfremd vertreten. Die Vorsitzende des Landeselternausschusses, Liselotte Stockhausen-Döring, spricht von teilweise chaotischen Zuständen an vielen Einrichtungen. "Die Schulen brauchen mehr Lehrer", fordert sie. Eine 100-prozentige Personalausstattung reiche nicht aus.

Die Vertreter der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) fordern, alle Schulen mit 110 Prozent Personal auszustatten. Sprecher Tom Erdmann sagt, dass Krankheitswellen wie jetzt im November dazu führen würden, dass sehr viel Unterricht ausfallen muss. Aber auch sonst seien nie alle Lehrer da, irgendwer fehle immer. "Eine 100-Prozent-Ausstattung reicht einfach nicht", ist Erdmann überzeugt.

Unterrichtsausfall und fachfremde Vertretung bleiben nicht folgenlos. Laut einer soeben veröffentlichten Studie des Deutschen Gewerkschaftsbundes ist die Zahl der Berliner Schulabgänger ohne Abschluss alarmierend hoch. 2012 lag sie bei neun Prozent. Damit war sie sogar noch höher als 2008 (acht Prozent).

Hohe Ausfallquote an einzelnen Schulen

Besonders schwierig ist die Lage gegenwärtig an der Ahrensfelder Paavo-Nurmi-Grundschule. Elternvertreter beklagen, dass die Sechstklässler zum Halbjahr keine Zensuren für den Naturwissenschaftlichen Unterricht (Nawi) bekommen werden. Zu oft sei der Unterricht in diesem Fach in den vergangenen Monaten ausgefallen. Auch in Englisch, Musik und Kunst sei die Ausfallquote an der Schule hoch. Eine der vierten Klassen habe zudem ein halbes Jahr lang keinen Deutschunterricht gehabt.

Elternvertreterin Annika Harloff will das nicht länger hinnehmen: "Die Schule hat nicht genug Personal. Wenn jetzt auch noch viele Pädagogen wegen grippaler Infekte ausfallen, geht gar nichts mehr." Harloffs Tochter besucht die vierte Klasse der Ahrensfelder Grundschule, ihr Sohn die dritte Klasse.

"Beide Kinder beklagen sich ständig, dass Musik und Kunst ausfallen", beschwert sich die Mutter. Sie selbst sei vor allem in Sorge darüber, dass ihre Kinder große Wissenslücken in Englisch, Deutsch und Mathematik haben. Beim Übergang auf eine weiterführende Schule werde sich das rächen, fürchtet Harloff.

Auch an der Spandauer Grundschule im Beerwinkel ist die Lage katastrophal. Weil seit Ende Oktober rund 30 Prozent der Lehrkräfte krankgemeldet sind, musste ein Notfallstundenplan erstellt werden. Der Unterricht endete in den vergangenen Tagen jeweils um 11.30 Uhr.

Krankenstand des Kollegiums dauerhaft zu hoch

Die Eltern fordern den Senat auf, die Kapazität für die Lehrerausbildung zu erhöhen. Elternvertreterin Stockhausen-Döring sagt: "Selbst wenn alle 1200 Referendare, die demnächst ihre Ausbildung beenden werden, eine Anstellung bekommen, reicht das nicht." Im kommenden Jahr würden mindestens 2000 neue Lehrer gebraucht.

Thorsten Metter, Sprecherin von Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD), sagt, dass die kurzfristigen Erkrankungen von Lehrern statistisch nicht für die gesamte Stadt erfasst werden. Eine Erhöhung durch saisonal bedingte Erkrankungen wie grippale Infekte könne aber nicht ausgeschlossen werden. Die Zahl der dauerkranken Lehrer sei aber im vergangenen Jahr zurückgegangen. "So waren im Oktober 2012 noch 1369 Lehrerinnen und Lehrer längerfristig krank, jetzt sind es 1055", sagt Metter.

Der Schulleiter der Paavo-Nurmi-Schule, Dieter Stephan, räumt ein, dass der Krankenstand seines Kollegiums dauerhaft hoch sei. Das hänge auch mit dessen Altersdurchschnitt zusammen, die meisten der Kollegen seien älter als 50 Jahre. Er habe jetzt aber grünes Licht von der Schulaufsicht, eine befristete Stelle besetzen zu können.

"Es ist allerdings sehr schwer für eine Brennpunktschule in Stadtrandlage, jemanden zu finden", sagt Stephan. Er wartet nun auf das zusätzliche Geld aus dem Brennpunktschulprogramm, dass seine Schule im Januar 2014 beantragen kann. "Das könnte die Lage entspannen."

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