Es sind vor allem Gebiete am Stadtrand. Eine Ausfallstraße in Berlin-Buch, ein bestimmtes Gebiet rund um die Bundesstraße 2 in Hohenschönhausen, eine Ausfallstraße nach Spandau, aber auch ein Gewerbegebiet in Neukölln.

Erstmals sei in diesem Jahr an diesen vier Orten Straßenprostitution festgestellt worden, heißt es in der Antwort der Senatsverwaltung für Arbeit, Integration und Frauen auf eine Parlamentarische Anfrage.

Damit zählt der Senat nun offiziell acht Stadtgebiete, in denen öffentlich der Prostitution nachgegangen wird, die seit Jahren bekannten Ecken in Schöneberg, Mitte, Charlottenburg und Wedding eingerechnet.

So seien nach Angaben des Senats in diesem Jahr erstmals Prostituierte an der Hobrechtsfelder Chaussee in Buch, an der Bundesstraße 2 sowie an der Darßer Straße in Hohenschönhausen, an der Nonnendammallee in Spandau und an der Grenzallee in Neukölln festgestellt worden.

Mängel des Prostitutionsgesetzes von 2002 beheben

Nicht nur auf Bundesebene ringt die werdende Koalition aus CDU und SPD darum, die Mängel des Prostitutionsgesetzes von 2002 zu beheben und Zwangsprostitution stärker zu bekämpfen. Das Gesetz wurde von der rot-grünen Bundesregierung geschaffen, um den Prostituierten den Weg in die Sozialversicherung zu ebnen und sie besser vor Zuhälterei zu schützen.

Kürzlich wurde jedoch bekannt, dass es offiziell nur 44 sozialversicherte Prostituierte in Deutschland gibt. Auch in Berlin zeichnet sich eine Auseinandersetzung zwischen den Koalitionspartnern über das schwierige Thema Prostitution ab.

Berlin benötigt Sperrbezirke und Sperrzeiten für Prostitution, davon ist die CDU-Abgeordnete Monika Thamm überzeugt. Gerade die Straßenprostitution weite sich in Gebiete aus, die bisher nicht zum Rotlichtmilieu gehörten, und werde zu einem wachsenden Problem. „Das geht immer mit Beschwerden der Anwohner einher“, sagte Thamm der Berliner Morgenpost.

Berlin und Rostock seien die einzigen Städte, in denen es keine festgelegten Sperrbezirke für Straßenprostitution gebe. Anwohner müssten durch eine striktere Regelung geschützt werden. Am liebsten würde Thamm Straßenstriche ganz verbieten. Sperrgebiete seien wenigstens ein „erster Mosaikstein“ für Berlin, um das Gewerbe besser in den Griff zu bekommen.

Kriminalität um die Prostitution bekämpfen

„Sperrgebiete sind überhaupt nicht zielführend“, sagte dagegen die frauenpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, Ina Czyborra, am Montag. Verbote würden die Frauen und Männer nur kriminalisieren und die Prostitution weiter in ein Dunkelfeld drängen. Wichtiger sei es, dass es Sozialarbeiter gebe, die gerade zugewanderte Frauen über ihre Rechte, über Hilfen und Gesundheitssystem aufklärten, und dass die Bezirke ihre kontrollierende Aufgabe wahrnähmen, so Czyborra.

Die SPD-Politikerin will in den kommenden Monaten Fachgespräche darüber anstoßen, was auf Länder- und Bezirksebene verbessert werden kann, um Kriminalität um die Prostitution zu bekämpfen. „Vor allem müssen wir auch mit den Frauen sprechen und nicht nur über sie“, sagte Czyborra.

Auch beim Verein Hydra, einer öffentlich geförderten Beratungsstelle für Prostituierte, hält man von den CDU-Vorschlägen wenig. Sperrbezirke seien kontraproduktiv, würden die Prostituierten nur weiter ausgrenzen und seien provinziell, sagte die Vorsitzende Karola Leppert. Leppert zweifelt auch daran, dass sich die Straßenprostitution signifikant ausbreite. Dafür gebe es keine Belege, höchstens temporär gebe es neue Straßenstriche.

Offizielle Zahlen zur Prostitution in Berlin gibt es in der Tat kaum. Experten schätzen, dass es 8000 Prostituierte in der Hauptstadt gibt. Prostitution ist zwar steuerpflichtig, jedoch gebe es auch keine belastbaren Daten über steuerrechtlich erfasste Prostituierte, so die Senatsverwaltung. Denn die betroffenen Personen würden sich unter anderen Berufsbezeichnungen anmelden, etwa als Masseurin oder Tänzerin. Laut Senat wurden vergangenes Jahr 621 „bordellartige“ Betriebe festgestellt.

Zustrom aus Osteuropa

Fachleute der Polizei, die sich mit der Kriminalität rund um das Rotlichtmilieu beschäftigen, können die Ausweitung der Straßenprostitution aber offenbar bestätigen. „Wir stellen einen verstärkten Zustrom von Prostituierten aus Bulgarien und Rumänien fest, sowohl auf der Straße als auch in Bordellen“, sagte Polizeisprecher Stefan Redlich der Berliner Morgenpost. Deshalb würden plötzlich neue Straßenstriche entstehen.

Die Polizei beschäftigt sich jedoch nur mittelbar mit dem Thema. „Prostitution ist keine Straftat“, betonte Redlich. Im Umfeld gebe es Kriminalität: Ausbeutung, Menschenhandel, Gewalt, Drogen. „Deshalb haben wir natürlich auch diese neuen Gebiete im Blick.“

Allein rund um die Kurfürstenstraße in Schöneberg zählte die Polizei zwischen September und Anfang Oktober dieses Jahres 220 Straftaten. Darunter waren 36 Körperverletzungen, von denen 16 Fälle als schwer eingestuft wurden, 19 Drogendelikte und sechs Raubüberfälle. Erst Ende vergangener Woche kontrollierte die Polizei während eines Großeinsatzes dort 100 Personen.