„Wenn irgendwann zwei Polizisten vor der Haustür stehen, weiß ich Bescheid“, sagt Marianne Heuer gefasst. Dann müsse „ich damit rechnen, dass sie die Todesnachricht überbringen“. Das habe die Polizei gesagt. „Denn in so einem Fall kommen die Beamten immer zu zweit.“ Es ist ein Leben zwischen Hoffen und Bangen, das Marianne Heuer seit einer kleinen Ewigkeit führt. Seit 142 Tagen, mehr als 20 Wochen, fast fünf Monaten oder mittlerweile fast einem halben Jahr wartet Heuer auf ihren Mann. Sie erwartet nicht, dass er eines Tages an ihrer Tür klopft. Aber sie hofft, dass irgendwann das Telefon klingelt und die Nachricht kommt, dass Wolfgang gefunden wurde.
Der gebürtige Neugrabener, seit Jahrzehnten in Berlin lebend, verschwand mitten in der Hamburger Innenstadt. Am 18. Juni stieg er auf der Altmannbrücke – der Verbindung zwischen Kurt-Schumacher-Allee und Steinstraße – in Sichtweite zum Hauptbahnhof unvermittelt aus dem Wagen der Familie und lief zur Mönckebergstraße. Marianne Heuer, die am Steuer des an einer roten Ampel wartenden Wagens saß, hatte keine Chance, ihm zu folgen. Seitdem fehlt jede Spur von ihrem schwer demenzkranken Mann.
Zahl der Spuren und Hinweise ist gering
Mehr als 4000 Plakate hat Marianne Heuer seit dem Verschwinden des 68-Jährigen in Hamburg und den großen Umlandgemeinden wie Ahrensburg, Norderstedt oder Buxtehude verteilt – meist rund um die Endhaltestellen von Bus und S-Bahn. Sie hat sich mehrere Tage unter die Obdachlosenszene auf St. Georg gemischt, Bierdosen verteilt und nach dem Verbleib ihres Mannes geforscht. Ihre Kinder veröffentlichten Fotos ihres verschwundenen Vaters auf Facebook.
Die Nachbarn rund um das Elternhaus von Wolfgang Heuer in Neugraben sind informiert, falls der 68-Jährige dort auftaucht. Und seine Ehefrau hat den Fall ihres Mannes, der nicht weniger ihr Fall ist, in der ARD-Sendung „Menschen bei Maischberger“ einem Millionenpublikum präsentiert. Alles ohne Erfolg. Die Zahl der verwertbaren Spuren und Hinweise ist so gering wie bei sonst kaum einem Vermisstenfall.
Gerade einmal fünf Anrufe erreichten Marianne Heuer, nachdem sie im August 1000 Plakate in und um Hamburg verteilt hatte, diesmal mit ihrer eigenen Telefonnummer – bei den 2000 Plakaten zuvor hatte sie die des Landeskriminalamts angegeben. „Von den fünf Anrufen waren drei völlig daneben.“ Die anderen beiden waren nutzlos.
Alle zwei Wochen fährt Heuer wieder nach Hamburg
„Das ist ein unglaublich trauriger Fall“, sagt Ulrike Rohloff, die den Fall Heuer in der Vermisstenstellen beim Berliner Landeskriminalamt führt. „Es gab bislang nicht einen Hinweis, den wir als sicheres Lebenszeichen von Herrn Heuer werten konnten. Wir haben also kein Lebenszeichen mehr seit dem Tag seines Verschwindens.“ Alle Hinweise seien sofort überprüft worden, doch keiner habe die Ermittler vorangebracht.
„Mit jedem Tag geht es mir noch ein bisschen schlechter“, sagt Marianne Heuer in ihrem Einfamilienhaus in Reinickendorf. Am Dienstag wurde sie 64 Jahre alt. Alle zwei Wochen ist sie wieder in Hamburg, schläft zumeist bei ihrer Schwester in Schwarzenbek. Sucht, verteilt Plakate, hofft. „Wenn ich dann die 300 Kilometer wieder zurück nach Berlin fahre, geht’s mir sauschlecht. Ich denke dann, er sitzt irgendwo auf einer Bank und wartet auf mich. Und ich habe das Gefühl, dass ich ihn erneut im Stich lasse.“
Spürhunde nehmen Witterung auf – und finden doch nichts
Als Wolfgang Heuer verschwand, versuchte seine Frau, ihn noch einzuholen. Sie lief ein paar Meter hinter ihm her, doch sie konnte das Auto nicht unbesetzt in zweiter Reihe auf der Brücke stehen lassen. Als sie loslief, begannen die Autofahrer hinter ihr bereits zu hupen. Sie sah nur noch, wie ihr Mann in einer Menschenmenge verschwand. Mit einer Streifenwagenbesatzung fuhr sie wenig später die Straßen rund um den Hauptbahnhof ab.
Spürhunde der Polizei, die wegen der Tageshitze erst am Abend eingesetzt wurden, konnten zwar die Spur des 68-Jährigen noch auf der Brücke finden, dann aber verlor sie sich. Mehrfach schlugen die Hunde an. Doch der 68-Jährige muss die Altmannbrücke zu diesem Zeitpunkt bereits mehrmals gekreuzt haben. Woher die Spuren kamen und wohin sie führten, konnten die Hunde und die Polizei nicht mehr nachvollziehen. Gegen ein Uhr in der Nacht wurde die Suche abgebrochen.
Vermisster war schon öfters weggelaufen
Es war nicht das erste Mal, dass der Demenzkranke weglief. Bislang jedoch konnte er spätestens nach wenigen Tagen wiedergefunden werden. Das Pensum, das er auf seinen Ausreißertouren zurücklegte, war enorm. Bis zu 40 Kilometer lief der ehemalige Bauleiter im Tiefbau an einem Tag. Daran gemessen, könnte Wolfgang Heuer mittlerweile weit außerhalb von Hamburg gestrandet sein.
Schon zwei Monate nach dem Verschwinden von Wolfgang Heuer begann die Polizei die Erwartungen seiner Ehefrau zu bremsen. Sie müsse mittlerweile vom Schlimmsten ausgehen, hieß es. „Viele haben bereits gesagt, mach dich darauf gefasst, du musst in der Realität ankommen“, sagt Marianne Heuer. Sie solle sich nicht so viele Hoffnungen machen. „Aber für mich lebt er noch! Ich kann gar nicht anders denken.“
Wolfgang Klaus Hermann Heuer ist 1,75 Meter groß, etwa 80 kg schwer und schlank. Er hat hellgraues Haar und einen hellgrauen Bart. Bekleidet war er im Juni mit einem blauen T-Shirt, blauer Jeanshose und weißen Badelatschen. Hinweise an die Landeskriminalämter in Hamburg (040/428656789) oder Berlin (030/4664912400).



