Das nennt man Chuzpe. Keinerlei Reue zeigten der Chef des US-Geheimdienstes NSA, Keith Alexander, und der Koordinator aller US-Geheimdienste, James Clapper, bei ihrer Befragung vor dem US-Kongress diese Woche. Im Gegenteil, das „Ausspähen ausländischer Spitzenpolitiker“ gehöre nun mal zum Kerngeschäft der Spionage, wozu die ganze Aufregung? Das bisschen Merkel abhören – Leute, habt euch nicht so.

Um dieses Selbstbewusstsein zu verstehen, lohnt ein Blick zurück: auf eine der wichtigsten früheren Abhörstationen der NSA, dem Teufelsberg im Grunewald. Ein künstlicher Berg, entstanden aus dem Schutt der zerbombten Reichshauptstadt. Dort verwittert heute die Abhörstation, die von den Amerikanern und ein ganz klein wenig von den Briten betrieben wurde. „That the Cold War stayed cold“, konstatierte Stephan L. Bowman, ehemaliger US-Oberst der „Berlin Brigade", „is because of places like this.“ Dass der Kalte Krieg kalt blieb, liegt an Stationen wie dieser.

Der Teufelsberg hieß bei den Amerikanern „the hill“

Gefallen ist der Satz 1997 bei einem Rundgang über den Teufelsberg, den damals der Direktor des Berliner Alliiertenmuseums organisierte. Eine Besichtigung mit der letzten US-Kommandantin der Field Station Berlin, wie der Teufelsberg in Armeekreisen hieß – mit Colonel Carol Hemphill und deren ehemaligen Kollegen Bowman. Ein einzigartiges Dokument der damals zwar schon leer geräumten, aber noch intakten Räume der 1992 aufgelösten Abhörstation. Wir waren es, die dafür sorgten, dass der Kalte Krieg kalt blieb – das ist der Stolz , der bis heute die NSA prägt.

Denn obwohl die meisten Mitarbeiter auf dem Teufelsberg – dem „hill“, wie ihn die Amis nannten – aus der US-Armee stammten, gingen die abgeschöpften Daten direkt nach Fort Meade, der NSA-Zentrale vor den Toren Washingtons. Die Leute der US-Army- Intelligence lieferten aus Berlin das Material, das dann von der NSA analysiert wurde. Und so verwundert es nicht, dass die nach Berlin zurückgekehrte Carol Hemphill, die eben noch gerührt ihr ehemaliges fensterloses Büro vorgeführt hat – „dort standen ein Tischchen und eine Couch“ – im Büro daneben sagt, hier habe der NSA-Vertreter gesessen. Tür an Tür. Wer war der wahre Chef der Station? Vermutlich die NSA, der Geheimdienst. Die Militärs sind ihre Handlanger. Besser, man schaut ihnen direkt auf die Finger.

Mitarbeiter wollten am Ende der Schicht nicht gehen

Dabei gab es am Enthusiasmus der US-Soldaten keinen Zweifel. Mehrmals erzählt Colonel Hemphill im Interview, wie schwierig es damals gewesen sei, die Mitarbeiter am Ende ihrer Schicht zum Gehen zu bewegen. Offenbar erzeugt das Belauschen seinen eigenen Reiz. Acht Stunden dauerte jede Schicht, abgehört wurde rund um die Uhr, auch an Sonn- und Feiertagen. Über 1000 Amerikaner kamen Tag für Tag auf den Teufelsberg, die meisten mit Bussen aus ihren West-Berliner Kasernen. Techniker, Sprachanalysten, Spezialisten für die Aktenvernichtung, Militärpolizei, Köche, Klempner.

Man sieht Hemphill durch die leeren Räume und Flure der Abhörstation wandern und spürt, wie zutiefst irritiert sie von diesem Anblick ist: So voll sei es doch hier früher gewesen. Voller Menschen. Voller Technik. Das Fitnesscenter, das sie selbst eingeführt hatte, um die Militärs fit zu halten, musste in einem Container außerhalb des Gebäudes Platz finden.

Und wie sah so eine Schicht aus? „Hours of nothing and sudden frantic activity“, erzählt Hemphill – lange passiert nichts, und plötzlich ist die Hölle los. Eine ungewöhnliches Flugaufkommen irgendwo im Ostblock, ein interessantes abgefangenes Telefonat. Wenn dann gerade Schichtwechsel war, gab es Probleme. Die Busse zurück zu den Kasernen warteten abfahrbereit.

Je nach Wetter sogar Nachrichten aus China

Seit den 70er-Jahren standen feste Gebäude mit Antennen und Abhöreinrichtungen auf dem Teufelsberg, vorher hatte man mobil gelauscht. Die hohe Lage macht sich beim Lauschen offenbar bezahlt, je nach Wetter konnte man sogar Nachrichten aus China abfangen. Da der Teufelsberg sich in der Britischen Zone befand, teilte man die Abhörstation mit den „Brits“. Gern sicherlich nicht, aber so war nun mal der alliierte Status. Die Amerikaner besaßen in West-Berlin noch andere Abhörstationen – eine lag in Marienfelde, die andere auf dem Flughafen Tempelhof. Aber die Field Station Berlin 115 Meter überm Meer war wohl die effektivste.

Was genau wurde dort oben abgehört? Und wer? Akten und Unterlagen der NSA gelten bis 2022 als gesperrt, und auch danach wird man wohl nicht viel mehr als ein Deckblatt einsehen dürfen. Alles klassifiziert und streng geheim. Deshalb ist ein Interview mit einem Zeitzeugen wie dem weiblichen Colonel eine so wichtige Quelle. Aber auch sie lässt kaum etwas raus. Der Warschauer Pakt sei beobachtet worden, sagt sie, besonders unter militärischen Gesichtspunkten. Sprachanalysten für russisch, polnisch und deutsch waren immer vor Ort. 95 Prozent der abgeschöpften Information seien für Europa, für die NATO wichtig gewesen. Nur circa 5 Prozent habe Berlin betroffen, meint sie. Es war ja ein leichtes, Berlin abzuhören, diese geteilte Stadt am Fuße des Trümmerbergs. Ob Ost abgehört wurde oder auch West? Dazu kein Wort. Der „Spiegel“ mutmaßte schon im Februar 1989 über die NSA: „Freund hört mit.“

Interessantes aus dem West-Berliner Politsumpf

Und ging davon aus, dass man auf dem Teufelsberg Pikantes und Interessantes mitschnitt – auch aus dem West-Berliner Politsumpf. Warum auch nicht? Die Frequenzen können alle abgehört werden, und die NSA scheint es gewöhnt zu sein, ohne Kontrolle rund um die Uhr arbeiten zu können, immer ausgestattet mit der besten verfügbaren Technik. Andererseits – war die schmutzige Wäsche im kleinen Berlin schmutzig genug für die Militärstrategen der USA? Kaum. Hört man Hemphill zu, wirken die West-Berliner eher harmlos und niedlich, wie sie damals am Rande der Abhörstation im Herbst ihre Drachen steigen ließen. „So much fun to watch.“ Süß, diese Wehrdienstflüchtlinge und anderen Zivilisten. Ahnungslose Kinder.

Eine konkrete Geschichte gibt es allerdings, sie spielt am 9. November 1989. Damals arbeitete ein gewisser Richard Smith, Experte für die Morse-Sprache, in der Tagesschicht auf dem Teufelsberg. Und hörte mit. Als er am späten Nachmittag seine Arbeitsstelle verließ, ging er nicht zurück in die Kaserne, sondern zu einem der Grenzübergänge nach Ost-Berlin. Schon vor der berühmten Pressekonferenz von Günter Schabowski hatte er eine Ahnung, dass an diesem Tag womöglich die Mauer fallen würde. Und er wollte dabei sein.

Das Ende kam mit dem Sieg im Kalten Krieg

Doch der Sieg im Kalten Krieg läutet auch das Ende der Abhörstation ein. Es ist kein Geld mehr da für die Spezialisten. Es wird gekürzt. Die Mitarbeiter auf dem Teufelsberg fühlen sich nicht mehr gebraucht. Zum ersten Mal habe es Disziplinprobleme gegeben, erzählt Hemphill. „We are not so important any more, so we might go out in a night club.“ Man muss den Sammel-Enthusiasmus des NSA nach dem 11. September 2001 auch vor diesem Hintergrund der kurzen Depression nach 89 verstehen. Endlich hat die Behörde wieder eine Aufgabe: Amerika schützen.

„But the fool on the hill/ Sees the sun going down/ And the eyes in his head/ See the world spinning round.” Sie saßen dort oben, und sie wussten alles. Dank NSA. Ach, so unschön es ist, abgehört zu werden – es muss doch wunderbar sein, alles zu wissen.

Dank an das Alliiertenmuseum Berlin