Haustiere

Hundeflüsterin bringt Tier und Mensch emotional zusammen

Maike Maja Nowak hat seit sechs Jahren eine Hundeschule in Frohnau. Sie erzieht nicht mit Kommandos und Belohnungen, sondern mit Körpersprache, Blickkontakt und Energie. Man nennt sie die Hundeflüsterin.

Foto: Marion / Marion Hunger

Schon mit drei Jahren hat sich Maike Maja Nowak einen Hund gewünscht, im Alter von neun hat sie ihn bekommen, einen Fox-Terrier.

Heute lebt die 51-Jährige mit vier Hunden in Berlin-Frohnau und hat dort seit sechs Jahren eine eigene Hundeschule. Bekannt geworden ist ihr „Dog-Institut“ durch ihren Ansatz. Sie erzieht nicht mit Kommandos und Belohnungen, sondern mit Körpersprache, Blickkontakt und Energie. Man nennt sie auch die Hundeflüsterin. Doch es gibt auch kritische Stimmen, die ihr vorhalten, die Körpersprache der Hunde fehlzuinterpretieren.

Am Montag erscheint ihr neues Buch, in dem es vor allem um die nicht immer ungestörte Beziehung der Hundehalter zu ihren Vierbeinern geht. Ein Gespräch mit Maike Maja Nowak.

Berliner Morgenpost: Frau Nowak, wen coachen Sie – Hunde oder Herrchen?

Maike Maja Nowak: Ganz klar: Herrchen und Frauchen. Hunde sind nicht schwierig. Sie machen ja instinktiv alles richtig. Aber wir Menschen denken nun mal, dass „Sitz“ und „Bleib“ eine Sprache ist, die für Hunde gemacht ist. Der Hund soll Signale lernen, die wir uns überlegt haben. Erlerntes Verhalten greift jedoch nicht mehr, wenn ein Hase des Weges kommt oder der Hund einen Reiz wahrnimmt, der ihn instinktiv berührt. Dann fühlen sich viele Hundebesitzer von ihrem Freund im Stich gelassen.

Deshalb kommen sie in die Hundeschule?

Die Halter kommen meist nicht, weil sie an dem Hund eine Verhaltensauffälligkeit beobachten, sondern erst, wenn diese in ihr eigenes Leben eingreift. Wenn der Hund aggressiv gegenüber anderen Hunden oder Menschen ist, nicht allein sein kann oder anderweitig den Alltag bestimmt. Dieses vermeintliche Fehlverhalten des Hundes löst sich jedoch in Luft auf, wenn man den Hintergrund dafür versteht. Was sich ändern sollte, ist der Umgang des Halters mit seinem Hund. Kommunikation statt Dressur ist hier gefragt. Viele Menschen sind sofort bereit, auf Erziehung durch Gewalt und Bestechung zu verzichten, wenn sie wissen, wie es anders geht. Das heißt jedoch umdenken und auch sich selbst ändern. Das ist sowohl eine Chance als auch ein schwieriger Lernprozess.

Warum haben Menschen immer häufiger Probleme mit ihrem besten Freund?

Erst einmal: Es klappt nur selten, dass Hunde hören, wenn etwas anderes ihren Instinkt anspricht. Sitz oder Platz sind für Hunde ja sinnentleerte Handlungen, Kunststückchen. Das ist, als solle ein Kind ein erlerntes Gedicht aufsagen, wenn es gerade vor Ärger explodiert. Hinzugekommen ist, dass immer mehr Menschen den Hund als emotionalen Ersatz brauchen. Durch die gewachsene negative Bewertungskultur in unserem eigenen Umgang miteinander, wächst offenbar das Bedürfnis nach echter Wertschätzung und Beständigkeit. Menschen haben Hunde auch, weil Hunde nichts bewerten und uns so annehmen, wie wir sind. Traurig, aber wahr.

Der Hund als Accessoire – gibt es deshalb auch immer mehr Rassen?

Als Accessoire muss der Hund etwas Besonderes sein. Dann sucht der Mensch den Hund nicht danach aus, ob er zu seinem Leben passt, sondern nach anderen Kriterien. Aber das geht nicht immer gut. Wer sich zum Beispiel einen Border Collie nimmt und mit ihm in der Stadt lebt, wird fast immer Probleme bekommen. Ein Border Collie ist ein Hütehund, der von uns gezüchtet wurde, um den ganzen Tag zu arbeiten; also ein Workaholic, der kaputtgeht als Arbeitsloser. Er ist nicht gemacht dafür, nur hübsch auszusehen.

Hunde in der Stadt – funktioniert das?

Das kommt auf den Hund an. Auf jeden Fall ist es schwieriger, die Bedürfnisse des Hundes in der Stadt zu erfüllen. Wir suchen verzweifelt nach Möglichkeiten, wie man den Hund auslasten kann. Dann geht’s zu Dogdance oder Agility. Nichts gegen diese Angebote, aber das sind Hobbys, so wie wir Menschen Yoga machen oder Schach spielen. Unsere Natur ist das nicht. Auch für Hunde bedeutet die beste Auslastung, sie ihre Natur leben zu lassen. Häufig mit ihm durch den Wald zu streifen und ihn in seinen natürlichen Fähigkeiten wertzuschätzen, wären die beste Auslastung für einen Hund. Unter den bäuerlichen Hunden zum Beispiel ist kaum einer gestört. Vielleicht auch deshalb, weil sie mit viel weniger Aufmerksamkeit belagert werden. Natürlich gibt es jedoch auch auf dem Land Menschen, die den Hund als Alarmanlage missbrauchen und den ganzen Tag in den Zwinger sperren, aber das sind Ausnahmen.

Aber wieso halten sich Städter so gern einen Hund, wenn er gar nicht dorthin passt.

Gerade in einem Ballungsgebiet wie Berlin lebt man in einer hektischen und überbordenden Energie. Vielleicht ist es die Sehnsucht nach Ruhepolen, die Hunde erfüllen. Und es ist ja ein Geschenk, dass es überhaupt noch Tiere in der Stadt gibt – gerade für unsere Kinder, die fast keine Tiere mehr live wahrnehmen können.

Was ist denn typisch für Hundehalter in Berlin?

Im Gegensatz zu anderen Großstädtern lassen sie ihre Hunde gerne ohne Leine laufen. Das ist Berliner Mentalität. Für den Hund ist das natürlich erst einmal gut, weil er dadurch seine natürliche Individualdistanz zu anderen Hunden einnehmen kann und nicht durch die Leine gezwungen wird, sie zu unterschreiten. Aber viele Hunde, die frei laufen, hören nicht immer unbedingt gut, und das führt zu Konflikten mit anderen Menschen.

Was können Hundehalter tun, um den Tieren das Leben in der Stadt lebenswert zu machen?

Die wichtigste Voraussetzung ist, damit ein Hund – auch psychisch – gesund bleibt, dass er täglich mehrfach genügend Auslauf hat und dabei eigene Eindrücke sammeln kann. Minimum eine Stunde am Tag, denn dann bleiben immer noch etwa 13 Stunden, in denen er sich langweilt. Wir wollen ja auf Dauer auch nicht nur eine Stunde am Tag etwas tun und den Rest des Tages kuscheln und faulenzen. Außerdem braucht der Hund Kontakt zu Artgenossen, die zu ihm passen.

Was kann denn der Mensch vom Hund lernen?

Hunde haben viel mehr Führungskompetenz als wir. Kein Leithund wird Leithund durch Beziehung, sondern er ist es von Geburt an. Auch bei uns zeigt sich doch oft schon im Kindesalter, ob jemand führen und Entscheidungen treffen kann. In unseren Chefetagen gibt es leider viele Leiter, die keine sind, weil sie nicht die natürliche Kompetenz dafür haben. In einem Rudel hat jeder Hund seine Funktion und wird nach seinen natürlichen Fähigkeiten eingesetzt. Alle sind gleich wichtig. Bei uns zählt aber häufig nur der Leiter.

Profitiert umgekehrt auch der Hund vom Menschen?

Ich würde gern etwas sagen, aber mir fällt nichts ein. Natürlich brauchen Hunde inzwischen die Menschen, weil es viel zu viele gibt, die sich nicht mehr allein ernähren könnten. Wir haben sie auch abhängig gemacht durch Qualzuchten, wie eine eingedrückte Nase, Falten, Nacktheit. Es wäre unglaublich schön, wenn Hunde uns aus anderen Gründen wieder brauchen würden. Viele Menschen lieben Hunde. Ein Geschenk an unseren besten Freund wäre, hinzusehen, wer er ist neben uns.

„Wie viel Mensch braucht ein Hund? Tierisch menschliche Geschichten“ heißt das Buch von Maike Maja Nowak. Es erscheint am Montag, den 14. Oktober 2013, im Mosaik Verlag und kostet 17,99 Euro.

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