Gerade mal 18 Jahre alt ist sie, ganz schön jung für eine Hebammenschülerin. Aber Lea Schlicht hat die Mitglieder des Auswahlkomitees eben überzeugt, als sie beim Vorstellungsgespräch im Juli vor ihnen saß. Immerhin hat sie sichschon mit 14 Jahren für den späteren Beruf entschieden. „Ich wusste bereits in der achten Klasse, dass ich in die medizinische Richtung gehen will“, sagt Lea, „das hat mich immer interessiert“.

Eine Freundin der Eltern, die selbst Hebamme ist, erzählte von ihrem Beruf: „In der neunten Klasse habe ich mein erstes Praktikum gemacht.“ Gemeinsam mit der Hebamme besuchte sie Mütter im Wochenbett und merkte schnell: Das kann ich. Die 14-Jährige erklärte den Frauen, wie sie das Neugeborene zum Stillen anlegen, und war sich sicher, ihren Traumberuf gefunden zu haben.

Die Suche ging ganz schnell

Allerdings einen, von dem auch viele andere träumen. Ein bisschen besorgt war Lea deshalb schon, ob sie einen Ausbildungsplatz finden würde. Viele Hebammen hätten sie gewarnt, dass sich die Suche lange hinziehen könne, erzählt sie. Bei ihr ging es ganz schnell. Mitte Juli bewarb sie sich, gleich nach dem ersten Bewerbungsgespräch hatte sie eine Zusage. Am 1. Oktober geht es los: Gemeinsam mit 20 anderen Frauen beginnt Lea Schlicht ihre Ausbildung an der Hebammenschule am St. Joseph-Krankenhaus.

Sie gehört zum ersten Jahrgang, der an dem Krankenhaus in Tempelhof ausgebildet wird. Zugleich wird sie Studentin an der Evangelischen Hochschule Berlin. Auch das ist Teil ihrer Ausbildung: Alle Hebammenschülerinnen des St. Joseph-Krankenhauses studieren an der Hochschule im Studiengang Hebammenkunde, der am Montag mit einem Festakt eröffnet wird. Am Ende soll neben dem staatlichen Berufsabschluss als Hebamme auch der Abschluss „Bachelor of Science of Midwifery“ stehen.

Für Heike Polleit, die an der Evangelischen Hochschule den Studiengang koordiniert, ist es „folgerichtig, die Ausbildung zu akademisieren“: Hebammen hätten eine hohe Verantwortung für die Gesundheit von Müttern und Kindern. Das Studium vermittle den angehenden Hebammen „ein Verständnis für wissenschaftliche Fragestellungen“ und die Fähigkeit, Studienergebnisse zu beurteilen und bei ihrer eigenen Arbeit umzusetzen. Drei Jahre der Ausbildung absolvieren die Studentinnen in der Hebammenschule und an der Hochschule, im letzten Jahr des Studiums haben sie ihren Berufsabschluss, können beispielsweise in Teilzeit als Hebamme arbeiten und gleichzeitig zwei weitere Semester auf den Bachelor-Abschluss hinarbeiten.

Voraussetzung ist die Hochschulreife

Claudia Dachs vom deutschen Hebammenverband klingt geradezu euphorisch, wenn sie über den Berliner Studiengang spricht: „Das schreibt Geschichte“, ist sie überzeugt. Der Verband setzt sich seit Jahren für die Ausbildung an Hochschulen ein. Bisher werden etwa 1900 Hebammen an Berufsfachschulen ausgebildet, in den Modellstudiengängen sind es bisher etwa 170. „Auch sie werden für die Praxis qualifiziert“, betont Claudia Dachs – also für den Kreißsaal, die Schwangerenbetreuung und die Nachsorge. Für die akademische Ausbildung müssen die Bewerberinnen die Hochschulreife mitbringen, während momentan in Deutschland lediglich zehn Jahre allgemeine Schulbildung Voraussetzung sind, sich also eine Hauptschülerin mit abgeschlossener Berufsausbildung bewerben kann.

Die meisten angehenden Hebammen haben allerdings das Abitur oder einen vergleichbaren Abschluss, sagt Claudia Dachs: „2012 verfügten 80 Prozent von ihnen über eine Hochschulzugangsberechtigung.“ Rainer Karius leitet die Schule für Gesundheitsberufe am St. Joseph-Krankenhaus, an der die Hebammen von Dienstag an ausgebildet werden. Er hat Erfahrung in der Kooperation mit der Hochschule: Für die Gesundheits- und Krankenpflege-Schüler gibt es schon seit Jahren die Möglichkeit, zusätzlich bis zum „Bachelor of Nursing“ zu studieren.

Alltag wird der Hebammen-Job nie

„Es lag nahe, dass wir für unser Krankenhaus mit seiner besonderen Geburtsabteilung auch eine besondere Hebammen-Ausbildung anbieten“, sagt Karius. In keinem deutschen Krankenhaus werden mehr Kinder geboren, 3557 waren es im Jahr 2012. Als erste Geburtsklinik weltweit bekam das St. Joseph sowohl für die Frauen- als auch die Kinderklinik das Zertifikat „babyfreundliches Krankenhaus“ von Weltgesundheitsorganisation und Unicef, weil die Bindung zwischen Eltern und Kind hier besonders gefördert wird.

Bei etwa 140 der 3557 Geburten war Christina Hoffmann, stellvertretende leitende Hebamme, dabei. „Alltag wird es nie“, sagt die 29-Jährige. „Natürlich weint man nicht vor Glück, wenn das Baby da ist“, das überlässt sie den Eltern. „Aber ich habe es noch nicht einen Tag bereut, mich für diesen Beruf entschieden zu haben.“ Es erfülle sie, „in einer ganz sensiblen Phase Anlaufpunkt zu sein“. Viele Frauen hätten in der Schwangerschaft, während der Geburt und auch in den ersten Wochen mit dem Baby mit großen Ängsten zu kämpfen: „Die müssen wir ihnen nehmen.“

Wie das geht, wird sie künftig auch den angehenden Hebammen im Kreißsaal vermitteln. Eine neue Aufgabe für sie, denn bisher kamen die Hebammen am St.-Joseph-Krankenhaus von einer der beiden Berliner oder einer anderen Hebammenschule. „Natürlich wird das eine große Umstellung“, sagt Christina Hoffmann, „aber auch eine Bereicherung.“ Schließlich kämen ja „gestandene Frauen“, die schon viel Lebenserfahrung mitbringen. Mehr als die Hälfte der Studentinnen ist in den 30ern, eine von ihnen ist sogar schon 43 Jahre alt.

Begleitung während der Wehen

Obwohl Lea Schlicht mit ihren 18 Jahren die Jüngste in der Gruppe sein wird, bringt auch sie mehr Erfahrung mit als die erste Begegnung mit dem Beruf in der neunten Klasse. Anfang Juli hat sie ein Praktikum im Kreißsaal im Krankenhaus Havelhöhe begonnen, schon 15 Geburten miterlebt und ihren eigenen Weg gefunden, wie sie den Schwangeren während der Wehen helfen kann: „Ich bleibe ganz ruhig und versuche, diese Ruhe auf die Frauen zu übertragen, damit sie spüren, wie viel Kraft sie haben.“ An die erste Geburt, bei der sie dabei war, kann sie sich gut erinnern: „Eine ganz normale Spontangeburt“, sagt Lea, „das war richtig schön.“ Aber auch die anderen Seiten des Berufs hat sie kennengelernt: „Das Thema Totgeburt ist immer mit dabei“, sagt sie. „Man muss lernen, sich zu fangen und für die Frauen und Männer da zu sein.“

Das Fach Psychologie gehört zum Lehrplan für die angehenden Hebammen, außerdem natürlich Anatomie, Physiologie, Chemie und weitere Fächer in der Hebammenschule und die gesundheits- oder biowissenschaftlichen Module im Bachelorstudiengang. Der anspruchsvolle Stundenplan kann Lea als Einser-Abiturientin nicht schrecken. Sie freut sich auf Ausbildung und Studium und ein kleines bisschen auch darüber, dass der Bachelor-Studiengang Zweiflern den Wind aus den Segel nimmt. Ihre Eltern unterstützen ihre Berufswahl, „aber einige Freunde haben mich gefragt, warum ich mit meinem guten Abitur nicht studiere“, erzählt sie. „Na ja, und jetzt studier’ ich ja doch.“