Als die erste Prognose kommt, wird es bei den CDU-Anhängern mucksmäuschenstill. Dann folgt großer Jubel. „Angie“-Plakate werden hochgehalten. Die Kanzlerin und Parteivorsitzende wird gefeiert. Erleichterung ist spürbar. Versteinerte Gesichter dagegen bei der FDP: Der angezeigte Balken ist zu klein, die Partei fliegt aus dem Bundestag. Auch bei der SPD ist die Stimmung gedämpft, das Wahlergebnis bleibt hinter den Erwartungen zurück. Grüne und Linke feiern vor allem das Scheitern der FDP. Unsere Reporter haben die Stimmung bei den Wahlpartys eingefangen.

Kurz nach 18 Uhr: Die erste Prognose ist da. Im „Neumann’s“ in Alt-Moabit, wo viele Berliner Christdemokraten feiern, bricht Jubel los. Dann folgt ein großes Ah, als die Ergebnisse der FDP kommen. Philipp Lengsfeld, Direktkandidat in Mitte, sagt: „Die CDU hat klar gewonnen. Das ist ein eindeutiges Bekenntnis zur Kanzlerschaft von Angela Merkel.“ Auch Stadtrat Carsten Spallek freut sich sehr. „Wir haben am meisten zugelegt, und wir haben das beste Ergebnis. Das ist ein klares Votum für Angela Merkel“, sagt er. Es ist laut und voll im „Neumann’s“.

Junge Leute sind gekommen, sehr junge, ältere auch. Es gibt Berliner Kartoffelsuppe, Schweinebraten, Bouletten und auf Wunsch des Landesvorsitzenden Frank Henkel auch zwei indische Gerichte. Die hat Barjinder Sodhi, seit 1994 Besitzer des Restaurants mit Berliner Tradition, extra zubereitet. Getrunken wird vor allem Berliner Pils. Als die erste Prognose kommt, wird es mucksmäuschenstill. Dann folgt großer Jubel. „Angie“-Plakate werden hochgehalten. Die Kanzlerin und Parteivorsitzende wird gefeiert. Erleichterung ist spürbar.

Um 18.25 Uhr trifft der Berliner CDU-Chef Frank Henkel ein. Er wird mit lautem Hallo und Klatschen begrüßt. Henkel bedankt sich sehr herzlich bei allen Wahlkämpfern. „Das ist ein unglaublich tolles Ergebnis für die CDU, für Kanzlerin Angela Merkel“, sagte er. „Wer hätte gedacht, dass sie nach zwei Amtszeiten so deutlich zulegt.“ Großer Applaus. Rot-Grün sei mit dem Ziel eines Regierungswechsels eindeutig gescheitert. Er selbst freue sich unglaublich, sagte Henkel der Berliner Morgenpost. „Ich war ja auch Wahlkämpfer und viel unterwegs. Es hat sich gelohnt.“ In den kommenden Jahren gehe es um Fragen der Euro-Krise, der Steuern und Finanzen, darum, wie noch mehr Menschen in Arbeit gebracht werden können. Die letzten Worte gehen im Jubel der nächsten Umfragewerte unter.

Bei der SPD wird es totenstill, als der rote Balken lediglich 26 Prozent anzeigt

Um 18.01 Uhr brandet Jubel im Willy-Brandt-Haus auf – aber nur für einen kurzen Moment. Nach nur einer Sekunde erstirbt der Beifall, denn die Prognose der ARD, die über die TV-Bildschirme im Foyer der SPD-Zentrale flimmert, zeigt zwar zunächst für die CDU 33 Prozent, zusammen mit der CSU kommt die Partei jedoch auf 42 Prozent. Jetzt wird den Sozialdemokraten klar, dass sie nicht den nächsten Kanzler stellen werden.

Totenstill wird es, als kurz danach der rote SPD-Balken lediglich 26 Prozent anzeigt. Die meisten der vielen Hundert Genossen, das ist den geschockten Gesichtern deutlich anzusehen, hatten doch mit mehr gerechnet. Schadenfrohes Gelächter kommt dann auf, als die Liberalen bei 4,7 Prozent landen. „Mit Schwarz-Gelb ist es wohl vorbei, immerhin ein Trost“, sagt Dominic Steinrode, Wahlhelfer aus Frankfurt am Main, der extra zur Wahlparty nach Berlin gekommen ist.

Als um 18.14 Uhr die ersten Hochrechnungen kommen, bricht sich die Enttäuschung der Genossen Bahn. „Das darf nicht wahr sein“, lautet einer der Kommentare. Denn die ersten Ergebnisse zeigen, dass das Ziel mit den Grünen eine Regierungskoalition zu bilden, deutlich verfehlt wurde. Gut eine halbe Stunde dauert es, bis die Parteispitze den Schock verdaut hat und sich aus den Büroräumen in den oberen Etagen auf der Bühne im Foyer einfindet. Einziger Trost für viele: Das historisch schlechteste Ergebnis, das die SPD in Deutschland 2009 eingefahren hat, wurde etwas verbessert.

Lang anhaltender Applaus empfängt dann Parteichef Sigmar Gabriel und den gescheiterten Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück. „Euer warmherziger Empfang tut mir gut“, sagt Steinbrück. Er werde aber an diesem Abend nicht über mögliche Koalitionsbildungen spekulieren. Lars Oberg, SPD-Mitglied im Berliner Abgeordnetenhaus aus Tempelhof-Schöneberg hat dazu schon eine klare Meinung: „Wir sollten nicht als Steigbügelhalter für Frau Merkel bereitstehen“, sagt er. Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit ist da zurückhaltender. „Der Ball liegt bei Bundeskanzlerin Merkel“, so Wowereit.

FDP: Entsetzen im Berliner Congress Center

Gut gekleidete Menschen in Anzügen und Kostümen füllen die Halle im Erdgeschoss des Berliner Congress Centers an der Alexanderstraße. Es gibt Bagels und Brötchen, Wein und Wasser. Wer im Laufe des Abends schwächeln sollte, kann sich bei Kartoffeleintopf mit Wiener Würstchen stärken. Das heitere Stimmengewirr, geschäftiges Klappern von Geschirr wirkt um 17.30 Uhr eher wie eine Konzertpause als das Zittern vor einer Wahl, es überdeckt eine unterschwellige Spannung.

Karin Monshausen aus Lichterfelde, langjährige Mitarbeiterin im Parteivorstand bei Jörg von Essen, will sich nicht entmutigen lassen. „Wir müssen akzeptieren, was der Wähler entscheidet“, sagt sie, „Hauptsache, er geht überhaupt wählen. Aber egal, was ist, wir machen trotzdem Party heute, und dann arbeiten wir weiter.“ Ganz voll ist es nicht, die Liberalen haben sich auf verschiedene Veranstaltungen in der Stadt verteilt. Als die ersten Wahlprognosen von ARD und ZDF auf den Großbildschirmen erscheinen, ist es schlagartig still. Die Partei ist raus aus dem Bundestag, das ist doch ein Schock, ein tiefer Seufzer geht durch den Raum.

Dann kommt Parteichef Philipp Rösler auf die Bühne und gesteht sichtlich bewegt die Niederlage ein. Er erhält langanhaltenden Applaus und nicht nur er kämpft mit den Tränen. Viele gehen. Martin Lindner wahrt die Contenance. Mit dieser Niederlage hat der Berliner FDP-Spitzenkandidat und Vize-Vorsitzende der Bundestagsfraktion nicht gerechnet. Einen Plan B für die Zukunft habe er nicht, sagt der Rechtanwalt. „Ich habe was Anständiges gelernt. Ich mache mir mehr Sorgen um unsere vielen Mitarbeiter.“

Die AfD will feiern, doch Begeisterung kommt nicht auf

Am Anfang läuft der offizielle Song der Partei. „Wir geben nicht auf“, schallt der Refrain aus den Lautsprechern. Und die Strophe: „Wir sind ein tolles Volk und trotzdem geht es uns schlecht.“ Der Text passt nicht recht zu den gestärkten Oberhemden und zufriedenen Gesichtern, die sich im Saal des „Maritim“-Hotel im Takt bewegen. Doch „Wir geben nicht auf“ sollte der Satz des Abends werden.

Denn nach den ersten Hochrechnungen liegt die Sensation in der Luft: Mit der Alternative für Deutschland (AfD) könnte erstmals seit 1990 eine neue Partei in den Bundestag einziehen. Der Jubel ist laut, als Parteigründer Bernd Lucke kurz nach 18 Uhr ins Mikrophon ruft: „Wir haben eine Alternative geschaffen.“ In den Stunden darauf ist jede Hochrechnung dann allerdings so, als würde beim Fußball der Angreifer des eigenen Teams alleine aufs Tor laufen – und dann sind die Rufe so laut und enttäuscht, als habe er den Pfosten getroffen. Immer unter fünf Prozent.

Als das Buffet eröffnet wird, ruft Sari Saleh, AfD-Kandiat für Neukölln: Wir auch immer das hier heute ausgehe, man werde eine Party feiern so, wie der Wahlkampf gewesen sei: „Kurz, erfolgreich und dreckig!“ Kurz vor 21 Uhr gehen die ersten Gäste allerdings schon wieder. Da fehlte dann doch die rechte Partylaune,

Die Grünen feiern eine Abwahlparty

Vor dem Eingang der Columbiahalle verteilt ein Mann Sonnenblumen. „Für den Wahlsieg“, sagt er. Drinnen singen Wir sind Helden: „Gekommen, um zu bleiben“ – allerdings nur vom Band. Der Abrutsch in den Umfragen scheint die Grünen nicht davon abzuhalten, zur Wahlparty zu kommen. Veggie-Day-Spott und Pädophilie-Debatte – so hat man zuletzt über die Partei gesprochen. Die Stimmung unter den Anhängern ist trotzdem überraschend gut. Bis zur ersten Hochrechnung.

Große Überraschung über das Ergebnis der CDU. Dann der Riesenjubel über die Zahlen der FDP. Die Grünen erhoffen sich für ein paar Sekunden alles, verlieren aber ebenfalls. Es wird still. Deshalb dauert die Wahlparty bei den Grünen nur wenige Minuten. Danach wird sie zur Abwahl-Party der FDP. „Hier, ihr Pils“, sagte der Mann an der Theke. „Hat mehr Prozent als die FDP.“ Gelächter. „Es gibt immer einen Grund zu feiern“, sagt eine Frau, „und wenn es nur die FDP ist.“

„Wir haben gewusst, dass es nicht schön wird“, sagen viele. Auch wenn sie gewappnet sind, ist den Grünen die Enttäuschung deutlich anzumerken. Daniel Greim, der gerade noch bei der Aktion „Drei Tage wach“ mitgemacht hat, bei der bis zu 35 Grüne von einem Zelt am Breitscheidplatz aus rund um die Uhr übers Internet gestellte Fragen beantworteten, sieht die Schuld vor allem bei der Medienberichterstattung. „Wir hatten das beste Programm, das die Partei je hatte“, sagt er. „Aber alles stürzt sich auf den Veggie-Day.“ Am Ende kommt Claudia Roth, um zu trösten. Kurz nach 21 Uhr wird der Ton zu den ZDF-Hochrechnungen aus, und die Musik laut gedreht. Allerdings hat sich die Halle da schon kräftig gelehrt.

Die Linke freut sich trotz der Verluste

Ukrainische Schunkelmusik plätschert über den Innenhof der Kulturbrauerei in Prenzlauer Berg. Die Schlange vor dem Thüringer-Bratwurst-Stand ist lang, der Himmel bewölkt. Dem Genossen, dem die erhitzte Stimmung und das Dicht-an-dicht-Stehen im Kesselhaus zu heiß ist, kann hier auf die Bierbänke ausweichen. Im Inneren eröffnet Journalistin Bärbel Romanowski um 17.50 Uhr den offiziellen Teil der Wahlparty. „Bei Stefan Raabs Wahlsendung hat die Linke gestern 50,8 Prozent in Brandenburg und 41,2 Prozent in Berlin erreicht“, sagt sie.

Jubel brandet auf. Dann geht alles ganz schnell, nach den ersten Hochrechnungen ist die FDP draußen. Die Linke scheint ab sofort drittstärkste Partei im Bundestag, noch vor den Grünen. Fahnen schwenken, Freude, Pfiffe und Klatschen. Auf 9 Prozent hatte man im Vorfeld gehofft, mit 8,3 Prozent scheint die Zielmarke nur knapp verfehlt. „Gregor, Gregor“, skandieren die Genossen, als der Fraktionsvorsitzende selbstbewusst auf die Bühne tritt. „Ich weiß“, sagt er: „Ich habe gesagt, wir müssen ein zweistelliges Ergebnis erreichen, das haben wir bisher nicht, aber man braucht doch auch ein hochgestecktes Ziel, damit man mit Leidenschaft kämpfen kann.“ Vereinzelte Lacher.

„Seit 1949 war die FDP in jedem Bundestag, wenn es so bleibt, dass sie raus ist, wird das die Bundesrepublik nachhaltig verändern“, sagt Gysi. „Und die SPD hat sich so selbst geschadet, dass es sie morgen nicht mehr geben wird.“ Die Linke habe einen beachtlichen Akzeptanzschub bekommen. Ein Polizist habe ihm heute zugerufen, dass er ihn gewählt habe. „Vor ein paar Jahren noch hätte der sich das nicht getraut.“

Piraten beschwören neuen Teamgeist

Schon ab dem späten Nachmittag trafen sich mehrere Hundert Anhänger und Mitglieder der Fraktion der Piraten. Eingeladen zur Wahlparty verteilten sie sich im Freien auf dem Gelände der Urban Spree an der Revaler Straße in Friedrichshain. Auf den ersten Blick sah es aus, wie auf einem Familiennachmittag mit Kindern, Hunden und Kleinfamilien.

Eng, warm und politisch wurde es wenige Minuten vor 18 Uhr. Wahlkampfhelfer riefen die Partygäste nach innen. Auf der Bühne bedankte sich die Spitzenkandidatin der Piraten Cornelia Otto für den engagierten Wahlkampf. „Noch befinden wir uns in einem Zustand, in dem alles möglich ist“, sagte sie. Da schien der Einzug in den Bundestag noch möglich, wenn auch für die wenigsten denkbar. „Egal, wie das Ergebnis auch aussehen wird, wir haben etwas geschafft und wir haben etwas erreicht. Wir sind zusammengewachsen und ein Team geworden.“

Nur kurze Zeit später jubelten Hunderte Besucher vor der großen Leinwand, als die ersen Prognosen gezeigt wurden. Besonders groß war der Applaus, als gezeigt wurde, dass die FDP wohl nicht die Fünf-Prozent-Hürde schaffen würde. Jubel aber auch bei den eigenen Zahlen. Kurz nach 18 Uhr lagen die Piraten bei 2,5 Prozent der Stimmen. „Ich hatte mir für die Piraten ein besseres Ergebnis gewünscht, muss aber akzeptieren, dass die Wähler scheinbar keinen Wechsel wollen“, sagte der Parteivorsitzende der Piraten, Bernd Schlömer. Man müsse seine eigenen Politikangebote besser und so formulieren, dass sie die Menschen besser erreichen. „Die Wechselstimmung die wir erreichen wollten, konnten wir leider nicht erzeugen.“

Fotos: dpa