Das Bild aus Berlin ging am Wochenende durch die Presse, der Schrecken, den es vermittelt, ist auch danach immer noch gegenwärtig. Es zeigt einen älteren Herrn, akkurat mit dunklem Jackett, Oberhemd und Krawatte gekleidet, wie zu einem Geschäftstermin oder einer festlichen Veranstaltung.
Doch der 68-jährige Robert T. trägt Handschellen. Er hat, so die ersten Erkenntnisse der Polizei gerade erst seine Ex-Freundin getötet, kurz nachdem sie sich von ihm getrennt hat. Die Mordkommission geht von Eifersucht als Motiv aus. Das viele Blut vermittelt dem Betrachter einen Eindruck davon, was zuvor in der Wohnung des Opfers geschehen ist.
Ähnlich blutig wie am Sonnabend am Heilmannring in Charlottenburg muss es im Januar 2013 in einer Wohnung in Steglitz zugegangen sein. Dort tötete nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft der 51-jährige Mario W. seine Ex-Freundin mit zahlreichen Messerstichen, als Rache dafür, dass die Frau sich zwei Monate zuvor von ihm getrennt hatte. Am heutigen Dienstag beginnt vor dem Landgericht Moabit sein Prozess. Die Liste derartig brutaler Delikte ließe sich endlos fortsetzen.
Am Donnerstag vergangener Woche verurteilte eine Schwurgerichtskammer in Moabit Mehmet Ö. zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe. Der 46-Jährige hatte in einer Bäckerei in Neukölln seine ehemalige Freundin mit acht Kopfschüssen regelrecht hingerichtet.
Am selben Tag begann der Prozess gegen den 55-jährigen Frank S. aus Lichtenberg, der seine Lebensgefährtin nach der Trennung monatelang verfolgt, bedroht und geschlagen hatte, bevor er sie niederstach. In diesem Fall überlebte das Opfer knapp und mit viel Glück.
Alltägliche Eifersuchtstaten
Was dem Außenstehenden als auffällige Häufung von Eifersuchtstaten erscheint, ist für die Beamten der Mordkommissionen fast schon so etwas wie Alltag. Eifersucht gilt in Deutschland als das mit Abstand häufigste Motiv bei Tötungsdelikten mit der Konstellation männlicher Täter, weibliches Opfer. Eine kriminologische Untersuchung an der Universität Halle-Wittenberg hat einen Anteil von etwa 60 Prozent ergeben, Wissenschaftler der Universität Heidelberg kommen zu dem gleichen Ergebnis. Kriminalstatistiken und polizeiliche Lagebilder bestätigen diese Erkenntnisse der Wissenschaftler, ohne allerdings konkrete Zahlen zu nennen.
Der eigentlichen Tat geht dabei eine mehrstufige Entwicklung voran. Die beginnt nach dem Ende einer Beziehung in aller Regel mit dem Bemühen des Verlassenen, den Partner zurückzugewinnen. Je aussichtsloser das Unterfangen wird, desto mehr ändern sich vorhandene Gefühle. Zunächst wird das Werben um Versöhnung als Belästigung oder auch Bedrohung empfunden, schließlich entstehen bei dem erfolglos um eine Versöhnung Kämpfenden Wut und Hass und „aggressive Gewaltfantasien“. Nach Untersuchungen des Heidelberger Wissenschaftlers Peter Fiedler geht etwa drei Vierteln aller Eifersuchtstaten diese Entwicklung voran.
Das gilt auch für die meisten der zuletzt in Berlin registrierten Fälle. Eine besonders gefährliche Situation für Frauen, um deren Rückkehr ihre Ex-Partner sich bemühen, scheint dabei vor allem die viel zitierte „letzte Aussprache“ zu sein. Gerade die endet häufig tödlich. „Der Ex-Partner, der die Versöhnung möchte, setzt in eine solche Aussprache seine allerletzte Hoffnung. Zerbricht die endgültig, brechen mitunter alle Dämme, die aufgestauten Aggressionen werden stärker als alle Kontrollmechanismen und Hemmungen“, begründet das der Berliner Kriminologe Reiner Wolters.
Eifersuchtstaten und ihre Vorgeschichten sind zu Tausenden untersucht worden, Mordermittler, Juristen und Mediziner kommen fast immer zu übereinstimmenden Ergebnissen. Deutlich schwieriger wird es bei der Frage, ob das mögliche tödliche Ende eines Beziehungsstreites vorhersehbar und damit vermeidbar ist. Für diese zweifellos wichtige Frage gibt es keine befriedigenden Antworten. „Natürlich kann man sagen, für eine Frau wird es gefährlich, wenn die Bemühungen des Ex-Partners mit Drohungen verbunden sind, man kann auch andere Punkte nennen, die auf eine mögliche gefährliche Entwicklung hindeuten, aber letztlich ist das alles graue Theorie“, sagt Wolters.
Theoretisch sei bei jedem Ende einer Beziehung, unter dem einer der Ex-Partner besonders leide, ein tödliches Ende möglich, praktisch passiere das allerdings nur in einem Bruchteil aller Fälle, erklärt der Kriminologe. Ein Ermittler der Berliner Mordkommissionen bestätigt diese These und drückt es plastischer aus. „Wenn jeder Mann, dessen Hass auf die Ex-Partnerin ihn zu Drohungen verleitet, diese auch in die Tat umsetzen würde, hätte Berlin deutlich weniger als 3,5 Millionen Einwohner.“ Eine wissenschaftliche Kommission wollte ganz genau wissen, wie hoch die Gefahr ist, als Frau Opfer einer Eifersuchtstat zu werden. Sie kamen zu der Erkenntnis: In Deutschland liegt die Wahrscheinlichkeit bei 1 zu 120.000.
Haftbefehl wegen Mordes
Robert T., der am Sonnabend am Heilmannring in Charlottenburg mutmaßlich seine ehemalige Lebensgefährtin erschoss, passt nicht so ganz in das Raster, das Kriminologen für Eifersuchtstaten erstellt haben. Die darin beschriebene mehrstufige Entwicklung vor der eigentlichen Tat hat es bei ihm offenbar nicht gegeben. Für sein Opfer, die 20 Jahre jüngere Kathrin T., gab es daher wohl auch keine Anhaltspunkte, an denen sie eine drohende Gefahr hätte erkennen können.
Der ursprünglich erlassene Haftbefehl wegen Totschlags wurde inzwischen auf „Mord aus niedrigen Beweggründen“ ausgeweitet. Wie Justizsprecher Martin Steltner am Montag sagte, hat der Beschuldigte Angaben zur Tat gemacht, „von einem Geständnis kann aber noch keine Rede sein. Es besteht weiter Klärungsbedarf.“
In einem Punkt ähnelt Robert T. allerdings sehr wohl den Tätern und Tatverdächtigen, die derzeit in Moabit vor Gericht stehen oder zuletzt standen. Höflich, liebevoll, freundlich, zuvorkommend – das sind Begriffe, mit denen die Täter immer wieder von Personen aus ihrem Umfeld beschrieben wurden. Das Ganze verbunden mit der Beteuerung, eine solche Tat habe man dem Betreffenden niemals zugetraut, selbst in den Fällen, in denen sie vorher Drohungen ausstießen. Womöglich liegt in dieser Einschätzung die größte Gefahr für potenzielle Opfer.




