Mal sehen, ob es die Bar noch gibt, wo die Genossen saßen, die aus der DDR. Sie saßen im „Schweizerhof“ in der Budapester Straße. Da waren sie abgestiegen. Wieder einmal. Berlinale war’s, und auch Katrin Sass aus der DDR, die schon vor vier Jahren den Silbernen Bären bekommen hatte, war dabei. Natürlich ließ man sie nicht allein nach West-Berlin, eine ganze Schar von Genossen des DDR-Films begleitete sie.
Hatten die geguckt, als die Sass nachts hereingeschneit war in den „Schweizerhof“, ziemlich angetütert – und diesen republikflüchtigen Klassenverräter im Arm. Sylvester Groth. Der kam auch aus der DDR, war aber nach einem Gastspiel in Salzburg nicht mehr dorthin zurückgekehrt. Nun hatte Katrin Sass ihn auf der Berlinale getroffen und gesagt: „Jetzt gehen wir an die Bar, wo sie alle sitzen – die ganze DDR-Delegation.“ Groth warnte sie. Wenn sie das machten, hätte sie nichts mehr zu lachen in der DDR. Dann könne sie gleich hier im Westen bleiben. So wie er.
Nichts ist mehr, wie es war
Jetzt, mehr als 25 Jahre später, steht Katrin Sass an der Rezeption des Hotels „Schweizerhof“ und muss erfahren, dass auch hier nichts mehr ist, wie es war. Das Haus wurde komplett neu gestaltet. Nur der Name blieb. Zweimal in den Achtzigerjahren hat Katrin Sass hier gewohnt. 1982 fünf Tage und 1986 sieben Tage. Die Schauspielerin aus der DDR war zu den Filmfestspielen eingeladen worden. 1982 war sie für ihre Rolle in „Bürgschaft für ein Jahr“ mit dem Darstellerpreis ausgezeichnet worden. Neben Michel Piccoli konnte sie den Silbernen Bären in Empfang nehmen.
Für Katrin Sass brachten die beiden Trips nach West-Berlin aber nicht nur schauspielerischen Ruhm, es war auch ein Eintauchen in ein anderes Leben, das sie bis dahin nicht gekannt hatte. In diesen wenigen Tagen damals, sagt sie, habe sie so viel erlebt, dass sie heute noch, wenn sie durch „diese eigentlich hässliche Gegend“ zwischen Bahnhof Zoo und Lützowplatz fahre, eine leichte Spannung befalle. Dieses kleine, erste Stück West-Berlin wuchs ihr so ans Herz, dass sie wenige Monate nach der Maueröffnung dort eine Wohnung bezog, am Lützowplatz. „Ich wollte dahin, wo ich zum ersten Mal Freiheit erlebt habe.“
Deshalb treffen wir uns hier, wo die Erinnerungen wohnen. Das mit dem Abend in der Hotelbar endete übrigens ziemlich seltsam. Katrin Sass und Sylvester Groth hatten sich an einen kleinen Einzeltisch gesetzt. Natürlich starrten die anderen hinüber. Nach einer Weile stand der stellvertretende Minister für Kultur auf und kam leicht angetrunken herüber. Groth und er begannen ein Gespräch. Irgendwann soll Groth gesagt haben, das sei alles idiotisch, und die Mauer müsse weg. Der Minister verstand nur Idiot und fühlte sich persönlich gemeint. In ziemlicher Erregung löste sich die Runde auf.
Es war schon sonderbar, wie sich die DDRler im Kapitalismus bewegten. Übernachten im „Schweizerhof“ hört sich eher nach Luxus an. Aber an anderer Stelle wurde geknausert. Jeder bekam gerade mal fünf West-Mark am Tag. Essen und Trinken gab es gegen Gutscheine bei Mövenpick und in einem Biersalon im Untergeschoss des Europa-Centers. Als Katrin Sass einmal mit Fieber im Bett bleiben musste, machte ihr einer aus dem Filmteam Wadenwickel. Einen Arzt, hieß es, könne man sich nicht leisten. Man blieb unter sich. Jeder Kontakt mit dem Klassenfeind sollte vermieden werden. Nur Katrin Sass büxte aus, sie machte ihr eigenes Programm.
Alkoholsucht überwunden
Anpassung fiel ihr schwer. Schon im Kommunismus legte sie sich mit Uniformträgern und anderen gern an. Mal aus Übermut, mal weil sie gern und viel trank, was ihr später beinahe zum Verhängnis wurde. Auch nach dem Untergang der DDR blieb diese das Thema, das ihr zu beruflichem Erfolg verhalf. In „Good bye, Lenin“ spielte sie eine todkranke Mutter, deren Familie ihr in der Nachwendezeit eine skurrile Arbeiter-und-Bauern-Staat-Idylle vorspielt, damit sie am Leben bleibt. Und an diesem Dienstag startet die zweite Staffel von „Weissensee“, eine der wirklich großen Glücksfälle des Fernsehens.
Katrin Sass spielt darin die Sängerin Dunja Hausmann, eine Unbequeme, die sich aber mit der Staatssicherheit einlässt – aus der Not heraus, um der Tochter im Gefängnis zu helfen. In dieser Rolle verfällt sie dem Alkohol. Im wirklichen Leben überwand sie ihre eigene Sucht erst 1998. Eine Alkoholikerin zu spielen, wenn man selber eine war – ist das schwer? „Das ist das Beste, was einem passieren kann.“ Aber erschreckt es einen nicht? „Mich nicht, andere vielleicht. Ich bin da anders.“
Auch im West-Berlin der Achtziger hieß es: Hoch die Tassen! Katrin Sass feierte mit. Nur musste sie den anderen immer erklären, dass sie für die Rechnung nicht aufkommen könne. Sie hatte ja nur ihre fünf Mark Tagessatz. So zahlten halt die anderen. Wie die Schauspielerin Helga Feddersen, die sie in einer Kneipe ansprach und um ein Autogramm bat. Sylvester Groth gab ihr 100 Mark, weil sie auch gern so einen Parka haben wollte wie er.
Ausgebüchst mit Charlotte Kerr
Als im Februar 1982 im „Schweizerhof“ ihr Silberner Bär gefeiert wird, trifft sie auf der Toilette die Schauspielerin Charlotte Kerr. Wenige Wochen zuvor hatte sie sie auf der Leinwand in einem Kino in Halle gesehen. „Fleisch“ hieß der Thriller von Rainer Erler, es ging um Organhandel. Nun bittet Katrin Sass die fast 30 Jahre ältere Frau um ein Autogramm. Und die ist fassungslos. „Mensch, Mädel, du hast doch den Silbernen Bären gewonnen!“ Und dann sagte sie noch: „Du willst doch nicht diese langweilige Feier mitmachen. Zieh das Kleid aus und Jeans an. Ich zeige dir jetzt was von Berlin.“ Nur zu gern folgt sie der Frau, die zwei Jahre später den Dramatiker Friedrich Dürrenmatt heiraten wird. Sie steigen in ein Taxi und landen in einem italienischen Restaurant, wo, das weiß Katrin Sass heute nicht mehr.
Auf jeden Fall sind schon andere Filmschaffende da. Die Preisträgerin wird eingeladen. In den Morgenstunden spielt sie Luftgitarre auf dem Tisch und tanzt auf den Scherben von Sektgläsern. Als sie ins Hotel zurückkommt, ist auf den Gesichtern der DDR-Leute Erleichterung zu sehen. Nicht abgehauen! Hauptsache, ihr bunter Vogel ist wieder da.
Lärm, überall Lärm, als wir uns auf der Budapester Straße dem Zoo-Palast nähern. Hier entsteht gerade das neue West-Berlin. Damals, als Katrin Sass hier entlangstreifte, gab es Läden, die anboten, was es in der DDR nicht gab. Wie diese bunte Steppjacke, die sie unbedingt haben wollte. Sie sparte ihre fünf Mark Tagessatz und ging am vorletzten Tag in das Geschäft. Der Preis war aber zu hoch, so viel hatte sie nicht beiseitelegen können. Der Verkäufer sah sie an und sagte: „Sie kriegen doch den Silbernen Bären. Ich gebe Ihnen die Jacke für das Geld, das Sie dabei haben.“
Am Zoo-Palast lag damals ein roter Teppich aus. „So was kannte ich bis dahin nicht.“ Fühlte sie sich eingeschüchtert durch die Fotografen, die vielen Menschen, die Prominenz, die um sie herum war, als ihr Film lief? „Verhemmt“, meint sie. Also gehemmt? „Nein, in meiner Mecklenburger Heimat sagt man verhemmt“, beharrt die in Schwerin Geborene.
Die Leute waren ganz anders
Sie saß damals in dem riesigen Kinosaal in der vierten oder fünften Reihe, die Hände klitschnass unter den Beinen vergraben. Ihr fiel auf, wie anders die Leute, die doch dieselbe Sprache wie sie sprachen, reagierten. Ihr Film „Bürgschaft für ein Jahr“ handelt von einer jungen labilen Frau, die ihre Kinder vernachlässigt und das Sorgerecht verliert. Hier im Westen gab es Szenenapplaus. Und Lacher, zum Beispiel, als es um die Miete der Protagonistin ging. 48 Mark 50. Darüber konnte man im Westen lachen.
Später sprach sie ein Mann vor dem Kino an. „Entschuldigung, kommen Sie aus Mitteldeutschland?“ – „Nee“, sagte sie, „ich komme aus der DDR.“ Jetzt klopften ihr die Leute aus der DDR-Delegation auf die Schulter. Für sie klang das wie ein Bekenntnis. „Ich wusste aber gar nicht, was der Mann gemeint hatte, und habe es deshalb so gesagt.“
Sie zeigt auf den heruntergekommenen Gebäudekomplex am Ende der Joachimsthaler Straße. In einer Kneipe dort hat sie sich 1986, bei ihrem zweiten Aufenthalt, mit Sylvester Groth getroffen. Ganz konspirativ. Ein Kameramann hatte ihr eine Telefonnummer zugesteckt, ohne zu sagen, wen sie erreichen würde. Als sie anrief, meldete sich jemand mit einem „Hallo“. Einige Sekunden später erfuhr sie, dass sie ihren Filmpartner Sylvester Groth am Ohr hatte.
Groth hatte mit ihr „Das Haus am Fluss“ gedreht, noch in der DDR. Jetzt wurde der Film von der DDR ins Preisrennen geschickt. Man erhoffte sich durch die Popularität von Katrin Sass einen zweiten Bären. Da aber der männliche Hauptdarsteller mittlerweile dem Staat abhandengekommen war und im Westen lebte, war die Situation pikant. Die DDR-Filmschaffenden entschieden sich für eine recht eigenwillige Lösung. Sie verbannten seinen Namen kurzerhand aus dem Abspann. Kein Wunder, dass es zu der Auseinandersetzung in der Bar des „Schweizerhofs“ kam.
Im „Biersalon“ mit Gutscheinen
Wir gehen jetzt am „Café Kranzler“ vorbei. Hier saß sie eines Nachmittags und wurde wieder eingeladen. Sie erinnert sich, wie sehr sie die geschäumte Milch auf dem Kaffee liebte. Und noch etwas war ihr aufgefallen, das es in der DDR nicht gab. Wie laut die Leute in den Lokalen sprachen. „Bei uns wurde ja immer leise geredet. Wenn ich hier irgendwo saß, wurde so laut geredet, dass man mitbekam, was am Nachbartisch geredet wurde. Das war unheimlich.“ Und auch, dass man alleine sitzen konnte, nicht an einem Tisch „platziert“ wurde, egal, wer schon da saß.
Vor uns liegt das Europa-Center. Wir wollen jenen „Biersalon“ suchen, damals wegen der Gutscheine eine begehrte Anlaufstelle der DDR-Gruppe. Sie erzählt, dass sie in der Nachwendezeit, als sie am Lützowplatz wohnte, noch oft hier war. Einkaufscenter, auch das gehörte zur neuen Freiheit.
Im „Bavarian“ im Untergeschoss glaubt Katrin Sass das Lokal von damals wiederzuerkennen. Der breite Holztisch, an dem wir uns niederlassen, könnte jener sein, an dem sie sich damals trafen. Über was redete man? Katrin Sass erinnert sich nicht, mag vielleicht auch nicht mehr. Und so stelle ich ihr eine andere Frage: Ob sie mit dem Gedanken gespielt hat, nicht mehr in die DDR zurückzukehren? Sie erzählt von einem Taxifahrer, der zu ihr sagte: „Mensch, Mädel, bleib doch hier. Katharina hat es auch geschafft.“ Er meinte Katharina Thalbach. „Da wurde mir zum ersten Mal ganz komisch.“
Gehst du kaputt, wenn du hierbleibst?
Die DDR, sagt sie, sei für sie ja auch Heimat gewesen. „Ich hatte keine Qual. Mir ging es gut. Die haben mich hierher gelassen. Ich dachte, die meinen mich auch. Damals war ich dankbar.“ Nach ihrem Silbernen Bären wurde ihre Tagesgage verdoppelt, von 200 auf 400 DDR-Mark. Nur bekam sie zwei Jahre lang keine Filmangebote mehr. So als wollte man sie erst einmal zurechtstutzen. Eine kritische Haltung gegenüber der DDR nahm sie erst später ein, als man sie zum 80. Geburtstag ihrer Großmutter nicht nach Mainz fahren lassen wollte.
„Der Westen war für mich damals einfach surreal. Das Licht, die Menschen, diese Freundlichkeit. Es war wie in der DDR zu Weihnachten auf einem Rummelplatz. Aber ein Rummelplatz wird irgendwann wieder abgebaut.“ Und sie mit ihren Mitte 20 stellte sich Fragen: Stimmt es, was die Genossen sagen: Kapitalismus ist Ausbeutung des Menschen durch den Menschen? Gehst du kaputt, wenn du hierbleibst?
Sie ging zurück nach Halle, wo sie am Theater spielte. Dort hatte sie eine Beziehung mit dem Schauspieler und Regisseur Peter Sodann. Aber die doppelte Dosis West-Berlin wirkte so stark nach, „dass ich zu Hause komplett durchgedreht bin“. Einmal hat sie einen Polizisten angeschrien: „Halt doch dein Maul. Ihr wollt Deutsche sein?“
Katrin Sass lebt mittlerweile am Müggelsee, in Mitte hat sie außerdem eine kleine Wohnung. „Es macht mich einfach glücklich, dass man heute im Westen ist, obwohl man zu Hause ist.“



