Bahnhof der Tränen

Erstes Buch über DDR-Grenzübergang Friedrichstraße erscheint

Der Historiker Philipp Springer hat die Geschichte des verwinkelten DDR-Grenzübergangs Friedrichstraße in Berlin-Mitte entwirrt. Sein Bildband ruft Erinnerungen an düstere Zeiten wach.

Foto: Chris Hoffmann / picture-alliance / dpa

Auffällig unauffällig: Das ist keine gute Voraussetzung für Konspiration. Genau das – so unscheinbar, dass man kaum darüber hinwegsehen konnte – war die mehr als ein Jahrzehnt lang wahrscheinlich am häufigsten genutzte Agentenschleuse der DDR-Staatssicherheit (MfS) mitten in (Ost-)Berlin.

Wie zufällig stand die überdimensionierte Buswartehalle mit umlaufenden Glasfenstern und drei Pendeltüren an der Ecke Friedrichstraße/Reichstagufer.

Genau über dem östlichen Ausgang der Nord-Süd-S-Bahn am Kreuzungsbahnhof Friedrichstraße, während alle anderen Treppen zu den Stationen der direkt nach West-Berlin führenden U-Bahn-Linien U6 und U8 sowie der Nord-Süd-Bahn in Mitte verrammelt, teilweise zugemauert waren.

Allein im September 1969 nutzten Stasi-Unterlagen zufolge mehr als 1700 Inoffizielle Mitarbeiter oder Stasi-Offiziere mit Spezialauftrag in West-Berlin diesen Weg, um getrennt von den Schikanen des normalen Ausreiseverfahrens in den Transitbereich des Grenzbahnhofs zu kommen – also täglich mehrere Dutzend.

Allerdings war dieser Zugang immer gut einsehbar, sowohl vom Dach des Reichstagsgebäudes aus als auch vom gegenüberliegenden Spreeufer und sogar aus den Schlangen der West-Besucher, die auf ihre Abfertigung im offiziellen Ausreisegebäude warteten, dem „Tränenpalast“.

Sogar das West-Berliner Landesamt für Verfassungsschutz wusste um den Zweck des Baus aus einfachen Fertigteilen, der aussah wie ein kleiner, hässlicher Bruder des von Horst Lüderitz auf der architektonischen Höhe der Zeit entworfenen „Tränenpalastes“.

Sammlung verdeckt aufgenommener Fotos

Im Oktober 1968 fertigte die Behörde eine detaillierte Zeichnung an, auf der sogar die mutmaßlichen „Diensträume“ der Agentenschleuse eingezeichnet waren.

Anfang 1973, also fast zwölf Jahre nach dem Mauerbau, verlagerte die Stasi die Schleusung auf inzwischen eingebaute Geheimgänge im verwinkelten Bahnhof selbst. Als Grund führte das MfS-Dokument an: „Verhinderung der Beobachtungsmöglichkeiten durch den Gegner“. Das Häuschen allerdings blieb noch einige Jahre stehen.

Ein offenbar verdeckt aufgenommenes Panoramafoto der ausgemusterten Schleuse aus den späten 70er-Jahren und die Verfassungsschutz-Skizze gehören zu den vielen interessanten Funden, die der Historiker Philipp Springer in seinem Bildband „Bahnhof der Tränen“ präsentiert.

Der Mitarbeiter der Stasi-Unterlagen-Behörde hat überraschenderweise das erste Buch geschrieben, das speziell dem Grenzbahnhof Friedrichstraße gewidmet ist. Bisher gab es nur eine Sammlung verdeckt aufgenommener Fotos aus den 80er-Jahren in Buchform. Erstaunlich, denn immerhin dürfte diese Station wegen ihrer historischen Bedeutung weltweit die bekannteste in Berlin sein.

Viele Sackgassen

Ausgerechnet aus einem innerstädtischen Verkehrsknoten wurde ein Ort zahlreicher Kontrollen und Sackgassen. Karl Schlögel, der Literat unter Deutschlands Historikern, beschrieb den Umbau einmal so: „Man musste die rationale und durchsichtige Architektur der Berliner S- und U-Bahnhöfe, jene Tempel der Übersichtlichkeit und Beschleunigungsmaschinen von einst, zerstören, man musste die lichten Durch- und Übergänge mit Spanplatten, schlagenden Türen, allerlei Fallen, Spiegeln, Hindernissen, Treppen, Verengungen, Schaltern zustellen.“

Schlögel hatte im selben Essay angeregt: „Eine Studie zur räumlichen Organisation des Grenzübergangs Berlin-Friedrichstraße in der Teilungszeit könnte eine Studie über die Zerstörung von öffentlichen Räumen im 20. Jahrhundert werden.“ Das kann Philipp Springers Buch nicht leisten. Was freilich nicht an ihm liegt, sondern an der trotz üppigen Materials insgesamt doch unbefriedigenden Aktenlage. Obwohl die Stasi und die DDR-Grenztruppen geradezu manisch Akten produzierten, gibt es für viele improvisierte und manchmal jahrelang benutzte Einrichtungen im Bahnhof Friedrichstraße keine schriftlichen Unterlagen.

Nur wenige Baupläne

Das fiel sogar dem Stasi-Oberleutnant Werner Kühnemann auf, der 1970 in seiner Diplomarbeit an der MfS-Hochschule schrieb: „Es existieren nur wenige Baupläne, und selbst diese sind durch die vorgenommenen Umbauten überholt und durch den Wechsel der Ereignisse nur zum Teil bekannt.“ Beinahe fatalistisch konstatierte der Mitarbeiter der Stasi-„Passkontrolleinheit“, beim Bahnhof handele es sich „um ein insbesondere in baulicher Hinsicht äußerst kompliziertes Objekt“.

Springer macht aus dieser Not eine Tugend: Er erzählt die Geschichte des Grenzübergangs nur zum Teil anhand lückenhafter Akten. Viel Raum nehmen Berichte von Zeitzeugen ein, sowohl von normalen Besuchern aus West-Berlin oder Westdeutschland als auch von einst im Bahnhof beschäftigten Ostdeutschen und erfolgreichen oder gescheiterten Flüchtlingen.

Schon kleine Beobachtungen können vielsagend sein. Etwa wenn sich die einstige Intershop-Verkäuferin Brigitte Czerny erinnert, dass es im Pausenraum ihrer Kolleginnen stets einen Luftzug gab, wenn jemand die neue, 1973 angelegte Agentenschleuse benutzte. Sie lag im Zwischengeschoss des Bahnhofs und war vom Aufenthaltsraum durch einen Vorhang getrennt. Allerdings konnte Czerny nicht sehen, wer den Gang passierte – und damit war die Konspiration der höchste Wert im Stasi-Imperium, besser gewahrt als bei der vorherigen Schleuse.

Immerhin 15 Seiten umfassen die Schilderungen von Fluchten und Fluchtversuchen am Bahnhof, dem wahrscheinlich am strengsten überwachten Stück DDR. Zwischen SED-Diktatur und Freiheit lag dort an manchen Stellen lediglich eine überkachelte Behelfswand.

Viele „krumme Dinger“ wurden hier gedreht

Gleichzeitig waren die rechtlich zur Reichsbahn und damit zur DDR gehörenden Umsteigewege zwischen Stadtbahn, Nord-Süd-Bahn und U6 fast so etwas wie ein rechtsfreier Raum. Gewiss, die Stasi konnte hier schalten und walten, wie sie wollte. Doch was die Umsteigenden taten, sofern es nicht Fluchthilfe war, interessierte Mielkes Mannen wenig. Deshalb gab es wohl keinen Ort in der geteilten Stadt, an dem so viele „krumme Dinger“ gedreht wurden wie dort.

Natürlich war es auch kein Zufall, dass Linksterroristen wie Ulrike Meinhof oder Horst Mahler den West-Behörden unzugänglichen Bahnhof gern benutzten. Auch die Mitglieder der Anarchistengruppe Bewegung 2. Juni wählten wiederholt den Übergang Friedrichstraße, um zu ihren Stasi-Helfershelfern zu gelangen.

Für viele West-Berliner wichtiger war, dass man in den zahlreichen Intershop-Kiosken auf den Bahnsteigen und vor der Einreisekontrolle unversteuerte Zigaretten westlicher Marken sowie billigen Schnaps kaufen konnte. 1977 machten die Intershops fast 80 Millionen Mark Umsatz – natürlich in der begehrten Westwährung, in der DDR „Valuta“ genannt. Da für die Verkaufsstellen keinerlei Steuerregeln galten, konnten die importierten Waren mit etwas mehr als dem doppelten Einkaufspreis sehr günstig verkauft werden – und die geheimen Kassen der SED trotzdem mit einer Umsatzrendite von mehr als 50 Prozent fluten.

Das preisgünstige, aber schmierige und unangenehme „Kaufhaus Friedrichstraße“, das der Bahnhof auch war, ist eine Facette, an die sich wohl die meisten Menschen, die den Ostteil in den 70- und 80er-Jahren besuchten, erinnern. Was für ein Kontrast zum jedenfalls meistens sauberen Einkaufsbahnhof von heute.

Seit 1999 erinnert im Bahnhof Friedrichstraße so gut wie nichts mehr an das Labyrinth, das dort 28 Jahre lang DDR-Bürgern die Freiheit vorenthielt und in dem Besucher aus dem Westen einer gewollt erniedrigenden Kontrollprozedur unterzogen wurden. Die Bilder und der angemessene Text in „Bahnhof der Tränen“ erlauben mehr als zwei Jahrzehnte später eine Annäherung an diese vergessene Geschichte. Mehr kann ein Buch kaum leisten.