Abwesenheitsnotiz

Postfach oder Papierkorb - Stadtrat löst Debatte aus

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„Vielen Dank für Ihre Mail, sie wird ungelesen gelöscht.“ Ist eine Abwesenheitsnotiz dieser Art in Ordnung. Der Marzahner Stadtrat Stephan Richter hat mit seiner Notiz eine Diskussion angeschoben.

Darf ein Stadtrat E-Mails, die ihm während seines Urlaubs geschrieben werden, ungelesen löschen? Der Marzahn-Hellersdorfer Stadtrat für Bürgerdienste, Stephan Richter (SPD), hat genau das angekündigt und damit unter Politikern für Diskussionen gesorgt. Doch die Folgen einer ständigen Erreichbarkeit sind längst zu einem Thema für Arbeitspsychologen geworden. Auch Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) hat klare Regeln zur Erreichbarkeit in der Freizeit gefordert.

In der Abwesenheitsnotiz seines E-Mail-Programms hatte Stadtrat Richter das Löschen aller E-Mails angekündigt, die in seinem Urlaub erreichen, und um Verständnis für diese Maßnahme gebeten, „da erfahrungsgemäß sehr viele Mails eingehen und ich ohne diese Maßnahme tagelang damit beschäftigt wäre, wochenalte E-Mails zu lesen“. Die Echtheit dieser inzwischen gelöschten Notiz, die der „Bild“-Zeitung vorliegt, wurde vom Bezirksamt bestätigt. Richter ist noch im Urlaub und war am Dienstag für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Politiker aus dem Berliner Abgeordnetenhaus reagieren befremdet auf den Vorfall. „Gerade als Stadtrat in der B-Besoldung sollte man sich besonders kundenfreundlich verhalten“, sagt der Vize-Geschäftsführer der CDU-Fraktion, Oliver Friederici. „Das habe ich noch nicht erlebt“, sagt der Internet-Experte der Fraktion der Grünen, Stefan Gelbhaar. „Einige wie ich verzichten auf eine Abwesenheitsnotiz, da sie die Mails auch im Urlaub checken.“ Und für den Vorstand der Linkspartei gebe es eine Vertretungsregelung, sodass alle Mails beantwortet würden, sagte eine Fraktionssprecherin. Viele Abgeordnete seien auch im Urlaub durchgehend erreichbar.

Abwesenheitsnotiz abgeschaltet

Abgeschaltet wurde Richters Abwesenheitsnotiz vom Marzahn-Hellersdorfer Bezirksbürgermeister Stefan Komoß (SPD). Torsten Schneider, Parlamentarische Geschäftsführer der SPD, hält die Entscheidung seines Parteifreundes für richtig. „Der Bezirksbürgermeister hat das Erforderliche unternommen“, sagt er. Alle Fraktionen versichern, Mails an sie würden nicht gelöscht. In der Verwaltung des Abgeordnetenhauses gibt es eine einheitliche Formulierung für die Urlaubsnotiz: „Während meiner Abwesenheit wenden Sie sich in dringenden Fällen bitte an…“

Unter den Stadtratskollegen ist indes die Meinung geteilt. Stephan von Dassel (Grüne), Stadtrat für Bürgerdienste in Mitte, verteidigt Richter. Dessen Abwesenheitsnotiz sei „ein bisschen unglücklich“, sagt er. „Ich kenne Stephan Richter als engagierten und fleißigen Menschen.“ Hans Panhoff (Grüne), Baustadtrat in Friedrichshain-Kreuzberg, meint, die Notiz des Marzahn-Hellersdorfer Stadtrates habe einen Vorteil: „Sie ist eindeutig. Die Absender wissen, dass er nicht da ist, und brauchen nicht darauf zu warten, dass er das Thema bearbeitet.“ Oliver Schworck (SPD), Stadtrat für Bürgerdienste in Tempelhof-Schöneberg, vermutet dagegen: „Es kann sich eigentlich nur um einen Sommergag handeln.“

Viele wollen erreichbar sein

Der Berliner CDU-Bundestagsabgeordnete Frank Steffel sagt: „Ich hoffe, dass sich die Mitarbeiter in den Bezirksämtern an Stadtrat Stephan Richter kein Beispiel nehmen. Wer sich als Stadtrat für Bürgerdienste den Bürgern gegenüber so verhält, ist als Vorbild und Vorgesetzter völlig ungeeignet“. Im Büro von Gregor Gysi (Die Linke) werden alle Mails gelesen und beantwortet. Allerdings nicht vom Spitzenkandidaten selbst, sondern von seinen Mitarbeitern. In wichtigen Fällen leitet man ihm Anfragen per SMS weiter – die würden von Gysi auch im Urlaub gelesen. Der FDP-Bundestagsabgeordnete Martin Lindner sorgt ebenfalls dafür, dass ihm E-Mails auch während seines Urlaubs nicht verloren gehen. Die SPD-Bundestagsabgeordnete Petra Merkel sagt: „Ich habe tolle Mitarbeiter, die natürlich alle Anrufe, die eingehende Post und selbstverständlich die Mails sichten und mich in dringenden Fällen benachrichtigen.“

Ständige Erreichbarkeit beeinträchtige die Leistungsfähigkeit und die Gesundheit von Menschen, sagen hingegen die Arbeitspsychologen. Im Stand-by-Modus könne man sich nicht richtig erholen. In einer Studie der Betriebskrankenkassen von 2011 heißt es, 84 Prozent der Berufstätigen seien außerhalb ihrer regulären Arbeitszeit im „Stand-by“-Modus, die Hälfte sogar jederzeit. Jeder Fünfte geht kurz vor dem Schlafengehen berufsbezogenen Tätigkeiten nach – prüft dienstliche E-Mails und SMS oder erledigt etwas für die Arbeit.

Der Gesundheitsreport 2013 der Krankenkasse DAK kommt hingegen zu dem Urteil, lediglich ein Drittel der Befragten seien in ihrer Freizeit per Mail erreichbar. Mehr als jeder Zehnte (11,7 Prozent) lese täglich oder fast täglich dienstliche E-Mails außerhalb der Arbeitszeit. Etwa zwei Drittel gaben an, dass sie dies nicht belastet. Von einer erheblichen Belastung sprechen nur 2,3 Prozent.

Eine Umfrage der Online-Jobbörse StepStone (die zu Axel Springer gehört) kommt zu dem Ergebnis, dass im Sommerurlaub 61 Prozent der deutschen Fach- und Führungskräfte für ihren Vorgesetzten erreichbar sind. Fast jeder Zweite (46 Prozent) gab an, dass ihn dies gar nicht störe, da er seinen Job gerne ausübe.

Übrigens hat auch Apple erkannt, dass iPhone-Nutzer gelegentlich ihre Ruhe haben wollen. In der aktuellen Version des Betriebssystem ist es möglich, das Gerät für einen Zeitraum stumm zu schalten. Auf dem Bildschirm erscheint dann ein Mondsymbol. Es ist es wählbar, ob das Smartphone ausnahmsweise Anrufe von voreingestellten Favoriten-Rufnummern durchstellt.

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( flk/-ker/saf/stü )