Zweimal hat der gebürtige Niedersachse Thomas D. im vergangenen Jahr Berlin besucht, beide Male in der Absicht, mit einem radikalen Schritt seine finanziellen Probleme zu lösen.

Beim ersten Besuch brach er sein Vorhaben, eine Bank zu überfallen, im letzten Moment ab, beim zweiten Mal schlug er zu. Am Nachmittag des 21. Dezember 2012 betrat er die Filiale der Deutschen Bank an der Potsdamer Straße in Zehlendorf, drohte mit einer angeblich in seiner Tasche befindlichen Bombe, nahm einen Kundenberater als Geisel und forderte 500.000 Euro.

Es folgte ein zehnstündiger Großeinsatz für die Polizei und eine genauso lange Zeit des quälenden Wartens für die Geisel, bevor D. schließlich aufgab. Am Dienstag beginnt am Landgericht Moabit der Prozess gegen den 30-jährigen Russlanddeutschen.

Zwei weitere Banküberfälle beschäftigt das Gericht

In dem Prozess müssen sich die Richter der 10. Großen Strafkammer noch mit zwei weiteren Banküberfällen befassen, die Thomas D. im August 2011 sowie im März 2012 in Wolfsburg und in Gifhorn begangen haben soll. Dabei soll er 37.000 Euro erbeutet haben, ebenfalls mittels einer Bombendrohung, aber ohne Geiselnahme. Erpresserischer Menschenraub, schwere räuberische Erpressung und schwerer Raub lautet die Anklage der Berliner Staatsanwaltschaft.

Das sind massive Vorwürfe gegen einen Mann, dem die Berliner Polizei ein „erhebliches Maß an Naivität“ und eine völlig Überforderung mit einem Verbrechen dieser Größenordnung attestierte. „Wir haben durch die Gespräche unserer Verhandlungsexperten mit dem Geiselnehmer bald gemerkt, dass der Mann über die von ihm geschaffene Situation äußerst unglücklich war und das Ganze am liebsten ungeschehen machen würde“, sagte Jochen Sindberg vom Landeskriminalamt (LKA), der am Abend die Einsatzleitung übernommen hatte. Daraufhin habe die Polizei gezielt und mit demonstrativer Ruhe und letztlich mit Erfolg auf ein unblutiges Ende der Geiselnahme hingearbeitet, so der Beamte.

Von Ruhe konnte Stunden zuvor bei Bert König keine Rede sein. Er war am Nachmittag des 21. Dezember diensthabender Führungsbeamter im Lagenzentrum der Polizei und übernahm das Kommando. Das Stichwort „Geisellage“ wurde ausgerufen, die Einsatzmaschinerie der Polizei lief an. Die Lage am Tatort musste sondiert werden, es folgten weiträumige Absperrungen, Umleitungen des Verkehrs und die Räumung von umliegenden Geschäften bis hin zur zeitweiligen Unterbrechung des Verkehrs auf der nahe gelegenen S-Bahnstrecke.

Polizei nahm die Bedrohung sehr ernst

Der Feierabendverkehr im Südwesten Berlins kam zum Erliegen, Tausende mussten ihre Einkäufe abrupt beenden. Es rückten Verhandlungsexperten und Scharfschützen an. In der Fachdienststelle für schwere Raubdelikte waren die Beamten bemüht, etwas über den Geiselnehmer in Erfahrung zu bringen.

Der hatte frühzeitig allen Bankmitarbeitern mit Ausnahme seiner Geisel erlaubt, das Gebäude zu verlassen. So konnte der Filialleiter bei der Alarmierung der Polizei eine präzise Schilderung der Situation geben. Geiselnahmen, Bombendrohungen oder Amokläufe würden der Berliner Polizei nahezu täglich gemeldet, meisten erwiesen sie sich als falscher Alarm, berichtet Gunnar Berndt, der Leiter des Lagezentrums.

Im Fall des Zehlendorfer Geiselnehmers nahm die Polizei die Bedrohung sehr ernst. Niemand konnte anfangs mit Sicherheit sagen, wie es um die Psyche des Täters bestellt war und ob sich in seiner Tasche eine Bombe befand. Der Mann, der das alles ausgelöst hatte, saß mit seiner Geisel in der Bank und wusste offenbar nicht, wie es weitergehen sollte. Mehrfach änderte er seine Forderungen, erst waren es 100.000, dann 500.000 und schließlich eine Million Euro.

Geiselnehmer erzählte aus seinem Leben

Gleichzeitig war er bemüht, seiner Geisel fortwährend zu versichern, er habe nichts gegen ihn. „Das ist nichts Persönliches“, soll R. dem Kundenberater immer wieder gesagt haben. Während der Wartezeit erzählte Thomas D. dem Bankberater aus einem Leben, von seiner Bundeswehrzeit, Einsätzen in Afghanistan, seiner finanziellen Misere und warb um Verständnis für seine Tat.

Der Bankberater wird im Prozess gegen D. der wohl wichtigste Zeuge sein. Wie wurde er behandelt, wie stark hat er die Bedrohung empfunden, wie das Ganze überstanden – das sind Punkte, die am Ende des Prozesses wichtig für das Urteil und das Strafmaß sind. Thomas D. droht bei einer Verurteilung für jede einzelne der angeklagten Taten eine Mindeststrafe von fünf Jahren.

Der Bankberater habe sehr gefasst gewirkt, als das Drama für ihn nach zehn Stunden zu Ende war, sagte die Polizei am Tag nach der Geiselnahme. Auch der Geiselnehmer habe nach seiner Aufgabe „irgendwie erleichtert“ gewirkt. In seiner Tasche war keine Bombe, sondern ein Paket mit drei Kilogramm Mehl.