Das Kondenswasser bildet ein kleines Rinnsal auf dem Boden. Dampfend tropft es aus den Schlitzen des Lkw-Containers. Sein Inneres ist gefüllt mit einem 170 Grad heißen Asphaltgemisch.
Seit 10. Juni 2013 strapaziert die Baustelle am Dreieck Funkturm das Nervenkostüm von Autofahrern im Berufsverkehr. Doch es geht voran – Bonusregelungen setzen einen Anreiz, möglichst zügig zu arbeiten, insgesamt zehn Nachtschichten werden in der auf acht Wochen veranschlagten Bauzeit eingelegt. Grund genug, sich einmal aus der Nähe anzusehen, wie es abends auf der Baustelle zugeht.
Der Streckenabschnitt auf der A100 wird täglich von etwa 200.000 Fahrzeugen befahren und ist damit einer der verkehrsstärksten ganz Europas. Vor etwa einer Woche wurde mit dem ersten Bauabschnitt an der vierspurigen Ringbahnbrücke begonnen.
In den Winternächten hatte die Autobahnmeisterei alle Hände voll zu tun und war fast jede Nacht ausgerückt, um von der Kälte aufgeplatzte Stellen notdürftig zu flicken. Um dem Dauerproblem ein Ende zu bereiten, hatte sich die Stadt entschieden, eine Komplettsanierung vorzunehmen.
Die Tangente der Avus zur A100 wird bei dieser Gelegenheit gleich mit saniert. Der betroffene Zubringer hätte aufgrund der anderen Arbeiten ohnehin gesperrt werden müssen. Die sanierten Stellen werden das nächste Jahrzehnt über halten. So lang ist in etwa die Lebensdauer einer viel befahrenen Straße.
Ein Thermometer misst die Asphalt-Temperatur: 173 Grad
Im Schritttempo rollt der Lkw rückwärts auf einen Sattelschlepper zu. Bevor der Asphalt zu einer glatten Fahrbahn wird, ist das rabenschwarze Material glänzend und krümelig. Der Lkw hebt seine Ladefläche an und schüttet das Material auf ein Laufband, das durch den Sattelschlepper läuft. Das Band bringt das Material direkt auf den vorbereiteten Straßenabschnitt.
Zwei Straßenbauer stehen jeweils seitlich am Sattelschlepper und kontrollieren, ob der Asphalt in der richtigen Höhe aufgetragen wird. Ein Thermometer misst die Asphalt-Temperatur: 173 Grad. Den Arbeitern stehen die Schweißperlen auf der Stirn.
Im Winter ist dieser Arbeitsplatz unter den Arbeitern beliebt
„Es ist schon ein ziemlicher Knochenjob. Aber ich mache das seit 20 Jahren – man gewöhnt sich an alles“, sagt der Polier des sechsköpfigen Asphalt-Trupps. Im Winter ist dieser Arbeitsplatz unter den Arbeitern beliebt. Im Sommer ist es dagegen unangenehm heiß.
Hinter dem Sattelschlepper gleichen Walzen noch bestehende Unebenheiten aus. Feinmotorik trotz eines Gewichts von neun Tonnen. Bis auf wenige Zentimeter kommt die Walze an die äußeren Ränder der Fahrbahn heran. Manche Stellen müssen mit der Hand nachgearbeitet werden. Ohne spezielle wärmeisolierte Arbeitsschuhe ist der frisch gestrichene Asphalt nicht betretbar. Obwohl er seine Schuhe trug, hatte sich der Polier vor Kurzem Brandblasen eingehandelt, weil er zu lange auf der heißen Fläche stand.
„Wir verwenden auf dem gesamten Bauabschnitt besonders lärmarmes Material. Zudem können sich die Bürger über stark fluoreszierende Folie als Straßenmarkierungen freuen: Die sind besonders gut sichtbar“, sagt Daniel Schmohl stolz. Der Projektleiter der gesamten Baumaßnahme ist begeistert, wie gut die Arbeiten vorangehen.
Die Baukosten in Höhe von 1,5 Millionen Euro werden vom Bund übernommen. Um die Arbeiten möglichst schnell in den Sommerferien beenden zu können, hatte man sich mit der Baufirma auf eine Bonusregelung geeinigt. Für jeden Tag, den die Bauarbeiten schneller abgeschlossen sind, wird eine Prämie bezahlt. Diese ist allerdings auf maximal fünf Prozent des Gesamtbetrags der Baumaßnahme begrenzt.
Ein Stück vom Sattelschlepper entfernt bereiten drei Straßenbauer den Untergrund für die verschiedenen Asphaltschichten vor. Im Hintergrund liegen das ICC und der Funkturm in der Abendsonne. Die Autos brausen mit einer Geschwindigkeit von häufig weit über den vorgeschriebenen 60 Stundenkilometern vorbei. Der Feierabendstau hat sich in den späten Abendstunden längst aufgelöst.
Bauarbeiter müssen viel trinken
Asphalt besteht heutzutage aus Stein und Bitumen, mit Teer ist schon lange Schluss. Der Geruch während der Arbeiten beißt trotzdem in der Nase und verfängt sich in Haaren und Kleidung. Bevor die 37 Zentimeter dicke Schicht nacheinander aufgetragen werden kann, muss eine Art Plane untergelegt werden. „Das Einzige, was hilft, ist viel trinken“, sagt Felix Wolff. Auch er ist einer extremen Hitze ausgesetzt.
Wolff schiebt eine Maschine an, auf der die Plane aufgespult ist. Integrierte Bunsenbrenner erhitzen deren Unterseite mit einer Temperatur von 600 Grad. Dadurch verflüssigt sich der Boden der Plane und klebt besser am Untergrund. An den Seiten der Maschine lodern die Flammen empor. Ein zweiter Arbeiter zieht die Maschine gleichmäßig von vorne. Der dritte geht mit einem Bunsenbrenner, den er in der Hand hält, hinterher und verfugt die Enden der Plane.
Oberbauleiter Christian Kretschmar hat einen festen Händedruck. Seine Haut ist ebenfalls braun gebrannt. Er arbeitet für die Firma Strabag, die viele Straßenarbeiten in Deutschland übernimmt. „Auch wenn man an der Baustelle vorbeifährt und nur sechs Männer arbeiten sieht, gehen die Baumaßnahmen voran“, sagt Kretschmar. Denn es kann nicht ständig etwa los sein, verschiedene Materialen brauchen Zeit zum Abkühlen oder Aushärten, bevor weitergearbeitet werden kann. „Die Kollegen sind alle ein eingespieltes Team. Jeder weiß, was er wann zu tun hat“, sagt Oberbauleiter Kretschmar über seine Mitarbeiter. Ein Zeitplan gibt jeden der einzelnen Schritte des Bauvorhabens vor – bis jetzt konnte der eingehalten werden. Nach einer ersten Zwischenbilanz könnte die Baustelle sogar etwas schneller fertig werden. Aber noch sind die Bauarbeiter vorsichtig.
„Wir haben uns im Vorfeld mit der Berliner Verkehrsleitzentrale zusammengesetzt, um den Baustellenbereich über die Bauzeit hinweg für die Autofahrer mit so wenig Behinderungen wie möglich zu organisieren“, sagt Projektleiter Schmohl. Vor allem Lastwagenfahrern, die vom Süden nach Norden fahren, um eine Abkürzung durch die Stadt zu nehmen, wird geraten, den Bereich über den Ring zu umfahren.
Um schnell auf ein erhöhtes Verkehrsaufkommen zu reagieren, informieren Webcams die Verkehrsleitzentrale des Senats. Dadurch können Ampelphasen kurzfristig und kurzzeitig auf das aktuelle Verkehrsgeschehen eingestellt werden.
„Bist du mal die Umleitung gefahren?“, fragt Kretschmar den Projektleiter Schmohl mit einem verschmitzten Grinsen. „Nee, lieber nicht“, sagt Schmohl und lacht.





