Die Schlösser und Gärten rund um Sanssouci, die Berliner Hufeisensiedlung und der Kölner Dom – diese bekannten Bauwerke verbinden die meisten mit der Unesco-Weltkulturerbe-Liste. Doch auch immaterielle Werte genießen den besonderen Schutz. Dazu gehören unter anderem die französische Küche, der spanische Flamenco, ungarische Trachten und chinesische Akupunktur. In diesen Tagen tritt das Übereinkommen der Unesco zum Erhalt des immateriellen Kulturerbes auch in Deutschland in Kraft. Das heißt: Spezielle Bräuche und Traditionen sollen auch hierzulande verstärkt für nachfolgende Generationen bewahrt werden. Doch schon jetzt finden sich in Berlin eine Reihe der bereits als immaterielle Werte gelisteten Schätze. Eine Flamenco-Tänzerin, eine Trachtensammlerin, ein Yoruba-Priester und eine Akupunktur-Heilpraktikerin erzählen, welches Wissen sie vor vielen Jahren aus ihren Herkunftsländern nach Berlin mitgebracht haben und wie sie dieses bewahren.
Die Flamenco-Tänzerin
Ana Maria Amahi sehnt sich nach den alten Zeiten. Als sie vor 20 Jahren nach Berlin kam, jung und voller Energie, hatte sie gleich Erfolg. Zusammen mit einem Flamenco-Sänger, in den sie verliebt war, gründete sie ein Flamenco-Studio. Etwa 100 Schülerinnen besuchten ihre Stunden, abends trat sie oft bei Tanz-Veranstaltungen und in Shows auf. „Die Euro-Krise hat schlechte Auswirkungen auf den Flamenco“, sagt Ana Maria Amahi. Vor ein paar Jahren musste sie wegen einer Mieterhöhung ihr Studio schließen. Das Publikum in Berlin sei nicht mehr bereit, so viel Geld wie früher für einen Flamenco-Abend auszugeben, sagt sie. Außerdem kamen wegen der Arbeitslosigkeit viele Spanier nach Berlin, die versuchen, mit Flamenco nebenbei Geld zu verdienen. „Das beeinflusst die Qualität massiv und zieht die Preise nach unten.“
Ana Maria Amahi selbst ist mit Flamenco aufgewachsen. Ihre Nachbarn in Sevilla betrieben ein Flamenco-Studio, bereits als Fünfjährige verliebte sie sich in den rhythmischen Klang der Kastagnetten, die leidenschaftliche Musik und das betäubende Knallen der Schuhabsätze. „Flamenco ist mein Lebensstil. Ich kann mir nicht vorstellen, ohne Flamenco zu leben“, sagt Amahi. Flamenco sei nicht nur Tanz, sondern auch Schauspielkunst. Und am wichtigsten dabei sei die Leidenschaft, nicht die Technik: „Egal, wo man tanzt: auf der Straße, in einem Theater oder in einer Kneipe.“ Seit einiger Zeit hat Amahi angefangen zu singen. „Es macht Spaß, außerdem gibt es noch nicht so viele Flamenco-Sänger in Berlin“, sagt sie. Flamenco habe viel von anderen Kulturen in sich aufgenommen. Amahi selbst experimentiert gern und erweitert die Grenzen des Traditionellen. Zusammen mit einer afrikanischen Künstlerin hat sie an einem Projekt gearbeitet, das Tanzelemente aus verschiedenen Kulturen kombiniert. Ihr Fazit: Ohne den Flamenco wäre die Welt nicht mehr so schön.
Die Trachtensammlerin
Das Haus, in dem Unternehmerin Judit Pompéry wohnt, gleicht einem Museum. Im Treppenaufgang hängen prachtvolle Kleider aus früheren Jahrhunderten. Pompéry besitzt mehr als 500 Einzelstücke aus 70 Regionen, viele davon gehören der Matyó-Tradition an. Am Beginn dieser Leidenschaft der gebürtigen Ungarin stand ein Zufall. Als Studentin hat sie sich in den 70er-Jahren in Budapest in einen Schreibfehler auf einer gestickten Weste verliebt und diese gekauft. Stück für Stück wurde ihre Kollektion immer größer, dieses Jahr wird sie im Rahmen einer Sonderausstellung im Modemuseum in Meyenburg gezeigt.
Judit Pompéry wohnt seit mehr als 30 Jahren in Berlin, dennoch pflegt sie ein intensives Verhältnis zu ihrem Herkunftsland. „Ungarn bedeutet für mich meine Muttersprache, meine kulturellen Wurzeln, meine Familie, Freunde – mit einem Wort meine Heimat.“ Früher wollte Pompéry Geschäfte mit Ungarn machen, doch das brachte wenig Erfolg.
Nun veranstaltet sie mehrmals im Jahr einen kulturellen Salon bei sich zu Hause in Reinickendorf. Dort treffen sich dann Politiker, Journalisten und Interessierte, um zum Beispiel über die neuesten Entwicklungen in Ungarn zu sprechen. „Die Trachten faszinieren mich. Einerseits bringe ich ein gewisses ethnografisches Interesse aus meinem Zuhause mit: Meine Großmutter war auch eine Sammlerin, sie hatte eine große Keramik-Kollektion. Andererseits gab es Einflüsse durch verschiedene mütterliche Freundinnen, die bei mir gezielt das Interesse für Trachten und Handarbeiten weckten.“ Auch die ungarischen Volkslieder haben Judit Pompéry sehr geprägt.
Einen nationalen Stolz empfinde Frau Pompéry nicht. „Aus meiner ganzen Sammlergeschichte habe ich eine sehr wichtige Sache gelernt: „Die nationale oder ethnische Homogenität, die bei der Entstehung der Nationalstaaten so wichtig war und auch heute von der ungarischen Regierung propagiert wird, ist ein Wunschtraum der Politiker, aber er entsprach nie der Wahrheit“, sagt Pompéry. Denn es habe immer schon interkulturelle Beeinflussung gegeben, und das sehe man an den Motiven.
Der Yoruba-Priester
Mehrmals im Jahr treffen sich am Altar in der Charlottenburger Wohnung von Joaquin La Habana Menschen aus aller Welt, um Rituale der Yoruba-Religion zu praktizieren. Sie feiern Feste oder wollen mit den Kräften der Natur in Verbindung treten, um sich zu heilen oder Antworten auf ihre Fragen zu bekommen. La Habana selbst ist in der Familie der Yoruba-Priester in Havanna aufgewachsen. Seine Urgroßmutter kam als Sklavin von Nigeria nach Kuba, sie war Priesterin. Seitdem pflegte die ganze Familie die Tradition. Auch La Habana ist später Priester geworden. „Wir alle sind Teile Gottes, Ergebnisse eines größeren Plans, aber wir sind immer in Bewegung“, so beschreibt La Habana die Kernbotschaft seiner Religion. Und fügt hinzu: „Yoruba-Religion ist eine Naturreligion, die davon ausgeht, dass jeder Teil der Natur seine Kraft hat und bestimmte Archetypen repräsentiert. Sie geben jedem Menschen eine Persönlichkeit.“ So begleitet Oshun, die Göttin des fließenden Süßwassers, La Habana durch das Leben. Welche göttliche Kraft für das neugeborene Kind zuständig ist, wird mithilfe des sogenannten Ifa-Wahrsagerei-Systems festgestellt, was auch zu den von der Unesco geschützten kulturellen Praktiken gehört. Das System der Ifa-Wahrsagerei der Yoruba ist ein System, das aus Texten und mathematischen Formeln besteht, und wird in den Yoruba-Gemeinschaften in Nigeria, Benin und von Afroamerikanern praktiziert. Durch das Orakel wird eine von 256 Geschichten des Ifa für die betroffene Person ausgewählt und anschließend vom Priester interpretiert.
Aber La Habana beschäftigt sich nicht nur mit dem spirituellen Leben. Der seit 1982 in Berlin lebende Kubaner ist ein bekannter Künstler. In seinen Shows verbindet er Tanz, Ballett, Theater und religiöse Rituale miteinander. Die Spiritualität begreift La Habana als Akt der Befreiung. Bereits als Kind war er davon fasziniert, wie muskulöse Männer in Trancezuständen plötzlich eine zarte, weibliche Energie ausstrahlten. Dieses Verschmelzen der Geschlechter inszeniert er mit großer Leidenschaft in seinen Performances. „Im Alltag werden den Menschen oft Grenzen gesetzt. Im Tanz will ich diese Grenzen überwinden, mich und die Anderen von den Konventionen, Normen und Geschlechterrollen befreien.“ Auch in seiner Religion kritisiert La Habana die strengen Dogmen. „Viele Menschen werden vom Praktizieren der Religion ausgegrenzt, weil sie nicht ins traditionelle Bild passen. So dürfen zum Beispiel Schwule, Lesben und Transsexuelle in bestimmten Kreisen an den Ritualen nicht teilnehmen.“ Auch für Frauen werde es immer schwieriger, eine wichtige Funktion in der Gemeinschaft zu bekommen. „Eigentlich hat unsere Kultur immer Wert darauf gelegt, Patriarchat und Matriarchat zu verknüpfen und abwechselnd zu praktizieren. Heutzutage muss ich aber feststellen, dass Yoruba zu einer Religion der Männer geworden ist. Das finde ich sehr traurig.“
Diese konservativen Sitten herrschen vor allem auch bei den Yorubas, die das Ifa-Wahrsagerei-System praktizieren, so La Habana. Um einen Zugang zu diesem System zu bekommen, müsste La Habana auf eine weitere spirituelle Stufe steigen und eine Art Erlaubnis bekommen. Da er aber die Ansichten der konservativen Yorubas für unakzeptabel hält, bleibe er lieber „ein moderner Priester, dessen Haus für alle offen ist“. La Habana beherrscht eine einfachere Form der Wahrsagerei – Diloggun, und praktiziert sie gern mit seinen Gästen.
Die Akupunkteurin
Das immaterielle Erbe kann nicht nur unterhalten, sondern auch heilen. Die Akupunktur als Teil der chinesischen Medizin gehört zur Unesco-Liste. Ying Zeng hat an der Medizinischen Universität in Shanghai studiert, seit 20 Jahren wohnt sie in Berlin und behandelt seit mehr als zehn Jahren Patienten im Zentrum für Traditionelle Chinesische und Integrative Medizin. „Mein Urgroßvater hat mit der chinesischen Medizin gearbeitet. Ich wollte auch schon immer den Menschen helfen, deswegen habe ich in den 80er-Jahren mit der Akupunktur angefangen.“ Nebenbei bildet sie sich ständig weiter. Sie will die modernen Methoden der Medizin nicht kritisieren. Nicht die Art der Medizin sei entscheidend, sagt sie, sondern die Person, die den Patienten behandelt. Sie ist sicher: „Therapie ist immer eine Beziehung zwischen zwei Menschen, und daher kommt es auf die Menschen an.“
Besonders wertvoll sei die Akupunktur allerdings, weil sie die Selbstheilungskräfte des Körpers aktiviert. Als Ärztin freut sich Ying Zeng immer, wenn die Heilung gelingt. Immer wieder ist sie davon fasziniert, wenn es gleich bei der ersten Behandlung in komplizierten Fällen von Rückenschmerzen oder auch Schmerzsyndromen wie Trigeminusneuralgie (Gesichtsschmerzen) zu einer Verbesserung kommt. „Dann freuen sich alle Beteiligten.“
Akupunktur ist ein wichtiger Teil der chinesischen Medizin, aber sie ist in verschiedenen Gegenden der Welt gleichzeitig entstanden. „Nur durch die chinesische Kultur und dank einer existierenden Schrift ist sie in meinem Land von Generation zu Generation weitergegeben worden“, sagt Zeng. Auch andere Länder behaupten, die Akupunktur entwickelt zu haben. „Letztendlich ist es egal. Wichtig ist nur, dass diese Methode den Menschen zugute kommt.“
Als die Akupunktur 2010 von der Unesco zum immateriellen Welterbe ernannt wurde, stieß diese Entscheidung auf Kritik und Widerstand einiger Mediziner. Die Begründung war, dies hinterfrage die Selbstständigkeit der Akupunktur als Form der Medizin und entwerte sie zur kulturellen Praxis. Zeng empfindet die Unesco-Entscheidung jedoch als wichtig für die Weiterentwicklung der Akupunktur. Aber auch ohne diesen Titel würde sie ihrer Meinung nach überleben: „Akupunktur ist aufgrund von Beobachtungen entstanden und wird auch in Zukunft immer weiter bestehen.“




