Kaum ist die S-Bahn am Bahnhof Botanischen Garten eingefahren, drängt eine Menschenmenge Richtung Ausgang. Alle Ankommenden müssen über die Moltkebrücke, um rechts und links in die Wohnviertel von Lichterfelde-West zu gelangen. Das war bislang kein Problem. Mehr als drei Meter breit sind die Bürgersteige auf der kleinen Brücke, die auf der einen Seite in die Moltkestraße und auf der anderen Seite in die Enzianstraße führt.
Doch seit einiger Zeit sind die Gehwege mit 38 sogenannten Schildkrötenpollern fast zur Hälfte blockiert. Seitdem stecken die Fußgänger ständig im Stau. Schulklassen, Frauen mit Kinderwagen, alte Leute mit Rollator, Hunde an der Leine kommen nicht aneinander vorbei. Einer muss immer ausweichen. Ausweichen bedeutet aber, zwischen die Poller zu treten, abzuwarten und möglichst keinen falschen Schritt zu machen, um nicht zu fallen.
Anwohner protestieren
Die Anwohner wollen sich nicht mit der Situation abfinden, unterstützt werden sie vom Bezirksverband der Grünen. Der hat eine Unterschriftenaktion gegen die Poller gestartet, mehr als 1000 Anwohner haben sich bereits eingetragen. Nur noch 1,40 Meter breit ist der nutzbare Gehweg jetzt, hat Bernd Steinhoff von den Grünen nachgemessen. Bordsteine und Platz für Fahrräder am Brückengeländer abgezogen. Vorher waren es 2,75 Meter. Das sei zu wenig, so Steinhoff. Und viel zu gefährlich. So hätte er eine Mail von einem Arzt bekommen, der einen blutüberströmten Mann behandeln musste. Der Mann war auf der Brücke über die Poller gestürzt und hatte sich das Gesicht aufgeschlagen.
Die Poller wurden aus Sicherheitsgründen auf dem alten Brückenbauwerk aus dem Jahr 1909 installiert. Ein aktueller Prüfbericht hat ergeben, dass die Statik aus dem Baujahr nicht mehr ausreicht. In einem ersten Schritt hat die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung die Brücke nur noch für Fahrzeuge mit einem Gesamtgewicht von maximal zwölf Tonnen zugelassen. In der Überprüfung wurde aber auch festgestellt, dass die Gehwege weniger Traglast als die Fahrbahn aufnehmen können. „Wenn ein großer Lkw ausweichen muss und dafür den Bürgersteig nutzt, könnte es Probleme geben“, sagt Petra Rohland, Sprecherin in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Oberstes Prinzip sei die Sicherheit. So könnte es auch passieren, das durch einen Unfall ein Fahrzeug auf den Bürgersteig gerate oder trotz Verbots auf dem Gehweg parke. Auch das sei bei dem derzeitigen Zustand der Brücke gefährlich. Die Poller müssten bleiben, bis die Brücke saniert werde.
Rollator und Kinderwagen sind unerwünscht
Die Anwohner können die Gründe nicht akzeptieren. Absurd seien die Argument, so Heidrun Achilles, die seit 59 Jahren im Kiez wohnt. Größer als die Gefahr, dass ein Auto auf den Gehsteig fahre, sei die Gefahr, dass ein Fußgänger über den Poller stolpere. Wenn sie mit ihrer Mutter, die einen Rollator nutzt, über die Brücke laufe, bekämen sie immer wieder böse Worte zu hören. Denn dann komme keiner mehr an ihnen vorbei.
Außerdem müssten die Autofahrer aufpassen, dass sie sich nicht die Türen beim Öffnen an den Pollern kaputt schlagen. Auch Manfred Blobelt sieht keinen Sinn in den Pollern. Er lebe seit 40 Jahren in Lichterfelde und habe noch nie ein Auto gesehen, das auf den Bürgersteig gefahren sei. Er sieht vor allem die Gefahr im Winter, wenn die Poller unter den aufgetürmten Schneemassen verschwänden. Das kritisiert auch Alexandra Günther, die regelmäßig über die Moltkebrücke geht. Sie ist Tagesmutter und schiebt meist auch noch einen großen Kinderwagen vor sich her. Warum sie ausgerechnet hier lang müsse – diese Frage bekomme sie immer wieder zu hören, sagt die junge Frau.
Andere Lösungen abgelehnt
Bernd Steinhoff von den Grünen hat nach anderen Lösungen gesucht. Der Verkehr – ohnehin nicht besonders stark auf der Brücke – könnte auch mit nur einer Fahrbahn auskommen, so wie es einige Meter entfernt in der Enzianstraße der Fall ist, schlägt er vor. Dann könnten die Autos mit vier Rädern an beiden Fahrbahnseiten parken und der Gehweg wäre dadurch gesichert. Im Moment ist das Parken nur auf einer Fahrbahnseite erlaubt. Eine weitere Idee wäre, die Schildkrötenpoller durch Leitplanken entlang der Fahrbahn ähnlich wie auf der Autobahn zu ersetzen. Die würden die Gehwege gänzlich unberührt lassen.
Für die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung sind die derzeitigen Sicherungsmaßnahmen alternativlos. „Mit der Aufstellung der Schildkrötenpoller im zulässigen Abstand vom Fahrbahnrand wurde nicht nur die kostengünstigste Variante gewählt, sondern auch die Verhältnismäßigkeit der Mittel zur Beseitigung einer konkreten Gefahr gewahrt“, antwortete Christian Gaebler (SPD), Staatssekretär in der Senatsbauverwaltung, auf die Vorschläge von Bernd Steinhoff. Das Problem der Leitplanken sei, dass sie in der Brücke verankert werden müssten und dass dies der marode Zustand nicht zulasse, ergänzt Petra Rohland. Allerdings sollen jetzt noch einmal Leitwände geprüft werden, die einfach aufgestellt werden können. Dann gäbe es jedoch keine Parkplätze mehr auf der Brücke und die Fußgänger könnten nicht die Straßenseite wechseln.
Die Schadensanalyse geht an der Moltkebrücke noch weiter. Die Ergebnisse werden im Jahr 2014 erwartet. Erst dann wird entschieden, inwieweit die Moltkebrücke instand gesetzt werden kann oder ob ein Ersatzbau angemeldet werden muss. Gegebenenfalls müssten die angeordneten Schutzmaßnahmen angepasst werden, sagt Staatssekretär Christian Gaebler.





