Pro: Moderne Bauten sind ein Gewinn, meint Eike Becker. Der Architekt findet, dass nicht jedes alte Haus in Berlin erhaltenswert ist.
Nikolassee ist reich an herrlichen Villen, großen Gärten und altem Baumbestand. Die Lebensqualität ist beeindruckend hoch hier im Grünen, nur 15 Minuten vom Kurfürstendamm entfernt. Wenn allerdings ein Nachbar baut, dann bedeutet das häufig Lärm und Schmutz, neue Nachbarn, möglicherweise noch dazu mit Kindern. Doch Berlin verändert sich – auch im gemütlichen Westen: Die Bevölkerung altert rapide. Viele Grundstücke und Häuser sind groß, zu groß für einige, die dort leben. Andere Häuser zeugen von Renovierungsstau. Kleinere Grundstücke und flexiblere Wohnungen würden heute besser passen.
Größerer Erschließungsbedarf, erheblicher Flächenverbrauch, Häuser mit schlechten Dämmwerten: Häufig wird Verdichtung als ökologisch sinnvoll begrüßt, aber nicht in der eigenen Nachbarschaft. Nachhaltiges und energieeffizientes Bauen ja, aber nicht vor meiner Nase. Berlin soll wachsen, aber nicht in meiner Straße, Willkommenskultur ja, aber nicht in Nachbars Garten. Es hat Phasen in West-Berlin gegeben, in denen scheußliche Häuser gerade in Zehlendorf zwischen herrschaftlich elegante Villen gezwängt worden sind. Trotzdem sollte uns nicht der Mut verlassen, es besser machen zu können. Die Ziele sind klar: Überzogenen Geschmacklosigkeiten und blankem Gewinnmaximieren Einhalt gebieten und die schönen Villenquartiere trotzdem wieder mit Leben füllen.
Ich kann aufgebrachte Bürger verstehen, die verständliche Vorgaben für ein geregeltes Miteinander fordern. Zu rufen: „Ich bin gegen den modernen Neubau!“ reicht aber nicht aus. Denn nicht jedes Haus ist ein Denkmal und unbedingt erhaltenswert. Dagegen sind gute Neubauten ein Gewinn für das ganze Quartier. Ohne die Qualität der historischen Ensembles zu zerstören, ist es die Aufgabe, schöne, zeitgenössische, ökologisch sinnvolle und städtebaulich kluge Häuser zu bauen. Damit der grüne Westen nicht als Altenreservat zwischen gestern und morgen stecken bleibt.
Contra: Die Historikerin Annette Ahme fordert, den Villen- und Landschaftscharakter von Nikolassee und anderen Gegenden zu schützen. Gewachsene Stadtlandschaften sollen erhalten werden.
Die Rehwiese in Nikolassee ohne die ortstypische Silhouette der Bauten von Hermann Muthesius? Sie können sich das nicht vorstellen? Das waren aber die Vorstellungen der Stadtentwicklung und des Denkmalschutzes der 50er- bis in die 80er-Jahre hinein, in letzter Minute verhindert durch das unermüdliche Engagement des Architekturhistorikers Julius Posener. Nikolassee beziehungsweise Zehlendorf hat ihm zu Ehren soeben einen Platz an der Rehwiese gewidmet.
Viele Abrisse und Bausünden haben dem schönen Bezirk Zehlendorf schon einiges von seiner Schönheit geraubt. Zahlreiche historische Zäune an den ehemaligen Berliner Villenarealen erinnern heute nur noch als traurige Zeugen an die barbarische Abrisswelle der 60er-, 70er-Jahre. Lange Zeit dachten wir, das wäre ein Gespenst der Vergangenheit, doch es scheint uns nun wieder einzuholen: Abrisse historischer Villen von Grunewald bis Wannsee. Keine Einzelfälle mehr, sondern sie häufen sich. Und was folgt? In der Regel uniforme, langweilige Kisten, von behutsamer „Einfügung“, im Baugesetzbuch eigentlich vorgeschrieben (§34 BauGB), keine Spur.
Wir stehen heute wieder vor der Grundsatzfrage: Wollen wir die Auslöschung unseres architektonischen Gedächtnisses zulassen oder fühlen wir uns verpflichtet, gewachsene, identitätsstiftende Stadtlandschaften auch für nachkommende Generationen zu erhalten? Die Bürgerinitiative hat recht: eine flächenhafte Erhaltungssatzung muss den Villen- und Landhauscharakter von Nikolassee (und Zehlendorf insgesamt!) endlich nachhaltig schützen. Der Verein Schöne Mitte – Schöne Stadt hat in einem Gesetzesentwurf dargelegt, wie stadtbildprägende Quartiere flächenhaft geschützt werden können.
Statt Abrisse zuzulassen müsste es umgekehrt sein: nur wer den Altbaubestand pfleglich erhält, bekommt eine Erweiterungsmöglichkeit! Der Gesetzgeber wäre gut beraten, eine solche nachhaltige Zukunftsvorsorge in Gang zu setzen.








