Vatertag

Neues Familienideal fordert Paaren eine Menge ab

Die Rolle des reinen Familienernährers hat längst ausgedient. Männer wollen mehr Zeit für ihre Kinder. Für viele Firmen, die sich gerade auf Frauen einlassen, ist das eine neue Herausforderung.

Foto: Amin Akhtar / Amin Akhtar (2)

Etwa fünf Jahre ist es her, als Jörn Hübner, Controller und aufstrebender Teamleiter in der Firma, mit einer völlig irren Idee um die Ecke kam. Zumindest empfanden seine Chefs damals das, was er wollte, als ziemlich absurd. Sie mutmaßten mangelhaftes Engagement, zweifelten an seiner Loyalität. Hübner, die junge, hoffnungsvolle Nachwuchsführungskraft, wollte tatsächlich in Teilzeit arbeiten. Sie lehnten ab. „Das war ein wichtiger Grund, warum ich mir einen neuen Job gesucht habe“, sagt Hübner.

Jetzt sitzt er im zehnten Stock eines gläsernen Bürohauses am Berliner Hauptbahnhof. Hübner, 37 Jahre alt, arbeitet im Konzerncontrolling der Deutschen Bahn und zwar jede zweite Woche nur 30 Stunden.

Zwei Kinder hat er, sechs und vier Jahre alt. Mit der Mutter der Kinder lebt er in Trennung. Die Kinder sind abwechselnd eine Woche bei ihm, eine bei der Mutter. Aber ganz unabhängig von der Trennung stand für ihn schon lange fest: „Ich will meine Kinder erleben, sie aufwachsen sehen.“

Neues Familienideal

Es ist eine prototypische Aussage deutscher Väter. Längst hat die Rolle des reinen Familienernährers ausgedient. War es früher die Regel, dass Väter sich dem Nachwuchs frühestens bei dessen allzu wilder Pubertät näher widmeten, fängt es heute schon vor der Geburt an. Mann und Frau rücken gemeinsam zum Geburtsvorbereitungskurs an. Es setzt sich bei der Väteranwesenheit im Kreißsaal fort und mündet in einem Familienleben zwischen Mann und Frau auf Augenhöhe: bei Geld, Haushalt und Kindererziehung. So soll es heute sein, so wollen es die meisten.

Doch das neue Familienideal fordert Paaren eine Menge ab. Es definiert die Rollen von Mann und Frau in Beziehung und Arbeitswelt neu – und es überfordert häufig die Arbeitgeber. Haben die sich doch gerade daran gewöhnt, auf die Bedürfnisse von Frauen besser einzugehen. Und jetzt auch noch die Männer.

„Die meisten Firmen definieren Familienfreundlichkeit aus Müttersicht“, sagt Volker Baisch. Er verdient, wenn man so will, sein Geld mit der neuen Rolle des Mannes. Baisch ist Gründer der Väter GmbH, und berät Unternehmen darin, väterfreundlicher zu werden. Er etabliert Väternetzwerke unter den Mitarbeitern verschiedener Betriebe unter anderem in Berlin. Er redet auf Geheiß der Unternehmen Führungskräften ins Gewissen. Denn im Grunde, sagt Baisch, sei das Ganze auf einen kurzen, Nenner zu bringen. „Es geht um die Sensibilisierung von Vorgesetzten.“ Sonst bleibt der Wandel im renitenten Mittelbau stecken.

Häufig sei es ja in Unternehmen so, sagt Baisch: „‚Teilzeit, heißt es gern, ist natürlich erlaubt.’ Aber in der Praxis wundert sich der Vorgesetzte, wenn sein Mitarbeiter dann einem wichtigen Meeting fernbleibt.“ Mittlerweile hat sich in den zwar Firmen herumgesprochen, dass man Frauen das Miteinander von Job und Kinderwunsch ermöglichen muss. Offenbar gibt es aber noch eine mentale Blockade, wenn ein Mann Teilzeit beansprucht und das mit der Familie begründet. Und in vielen deutschen Unternehmen hat auch der Vater, der länger als zwei Monate in Elternzeit geht, ein Rechtfertigungsproblem.

Väter müssen einfordern

Auch Jörn Hübner musste sich vor ein paar Jahren manchmal anhören, warum denn nicht die Frau das mit den Kindern regeln würde. Aber Hübner, der von dem vielen Wirbel um „neue Väter“ wenig hält, meint auch: „Der Kulturwandel in den Betrieben muss von Vätern eingefordert werden.“ Hübner sieht auch die Arbeitnehmer selbst in der Pflicht, Forderungen zu stellen und im Zweifel auch ein wenig Gegenwind auszuhalten. Was auf der anderen Seite aber leichter wird. „In meiner Abteilung sind wir vier Väter – alle haben Elternzeit genommen“, sagt Hübner.

Das Elterngeld, Ursula von der Leyens umstrittener Geldregen für die Mittelschicht, hat zwar nicht die Fruchtbarkeit der Deutschen erhöht. Aber mit der Einführung im Jahr 2007 kann die Politik für dieses Instrument der Familienpolitik beanspruchen: Es hat die Diskussion um Väter und ihre zeitgerechte Rolle in den Arbeitsalltag und in die Betriebe getragen. „Die Unternehmen stellten verblüfft fest: Mensch, da passiert ja was“, sagt der Väterunternehmer Baisch. Die Personalabteilungen haben ein neues Feld, dem sie sich widmen müssen.

Es zieht die Väter zum Nachwuchs, so lautet die allgemeine Aussage. Magazine und Fernsehsender sind längst voll von Vätern, die mit Töchtern und Söhnen unterwegs sind. Männer reden nicht nur viel über die große Sinnstiftung der Vaterrolle, sie schreiben auch gern Bücher darüber. Allerdings lässt sich das alles noch nicht besonders eindrucksvoll mit Statistiken belegen.

Schaut man auf die Zahlenwerke zum Elterngeld, so ergibt sich folgendes Bild: Von den rund 800.000 Empfängern pro Jahr – 2012 waren es exakt 808.715, im Jahr davor 814.487, ist nicht einmal jeder vierte ein Mann. Vergangenes Jahr betrug die Männerquote 22,8 Prozent. Besonders niedrig (15,3 Prozent) war sie im Saarland, besonders hoch in Bayern und in Sachsen (je 27 Prozent). Berlin folgt kurz hinter den Spitzenreitern mit 26,4 Prozent. Vergangenes Jahr wurde in der Hauptstadt an 40.706 Mütter und Väter Elterngeld gezahlt.

Zieht man Zahlen der Bundesagentur für Arbeit heran, dann wird deutlich, wie sehr Teilzeitarbeit eine Domäne der Frauen ist. Die letzten belastbaren Zahlen stammen aus dem Jahr 2011. Damals arbeiteten 5,7 Millionen Deutsche weniger Stunden als es der Tarifvertrag der jeweiligen Branche vorsieht.

Frauen stellen mit 4,7 Millionen das größte Kontingent der Teilzeitarbeiter – das sind mehr als 80 Prozent. Die knapp eine Million Teilzeitmänner sind eine kleine Minderheit. In Berlin arbeiten den letzten verfügbaren Zahlen zufolge 187.000 Frauen und 87.000 Männer in Teilzeit. Der Männeranteil liegt demnach mit rund 28 Prozent über dem Bundesdurchschnitt.

In den Zahlen gibt es eine Andeutung für eine Trendwende. Zum einen wächst die Zahl der Männer mit einem Teilzeitjob wesentlich rasanter als die der Frauen. Und: Während jede vierte Frau in Teilzeit gern länger arbeiten würde, sind es bei den Männern nur 17 Prozent. Das ließe sich, mit aller Vorsicht, so interpretieren, dass Teilzeit-Männer häufiger freiwillig im Job kürzertreten.

Für Thomas Lehmann, 53 Jahre alt und von Beruf Berater für Gewerbeimmobilien bei der Berliner Volksbank, endet die Arbeitswoche in seiner Bankfiliale bereits am Mittwoch. 2005 verkürzte er zunächst auf vier Tage pro Woche, seit kurzem sogar auf drei. „Ich kann das nur jedem empfehlen“, sagt Lehmann.

Wenn man fünf Tage pro Woche arbeite und dann Samstag und Sonntag entspannen wolle, sei das schwierig. „Mit Teilzeit funktioniert es nur, wenn die Kollegen mitspielen.“ Und wenn man es sich finanziell leisten kann. Und Lehmann sagt, dass es ja seine zweite Runde als Vater sei. „Ich bin einer dieser typischen späten Väter“, sagt Lehmann. „Beim zweiten Mal wollte ich einfach mehr für meine Kinder da sein.“ Drei und neun Jahre alt sind seine beiden Söhne, die er mit der zweiten Frau hat.

Seine Tochter aus erster Ehe ist schon 25, und als sie klein war, da lief das anders. 1988 kam sie zur Welt, ein Jahr später fiel die Mauer in Berlin. Es folgten die wilden frühen Jahre des Zusammenwachsens der beiden Stadthälften. „Da habe ich häufig auch am Wochenende gearbeitet. Es war viel los“, sagt Lehmann. Und damals war ihm auch die Karriere wichtiger als heute. „Wer heute 25 oder 30 ist, der hat vielleicht Angst, dass eine lange Väterzeit seinem Vorankommen schaden könnte“, sagt Lehmann.

Gehaltsverzicht für Vaterrolle

Die Väter GmbH von Volker Baisch hat im März dieses Jahres eine Trendstudie „Moderne Väter“ veröffentlicht. Demnach äußerte jeder zweite befragte Mann, dass er zugunsten der Familie geringe finanzielle Abstriche beim Gehalt hinnehmen würde. Sogar 56 Prozent gaben an, ihre Karriereambitionen zumindest zeitweise zurückstellen zu wollen.

Besonders häufig trifft das angeblich auf Männer zu, die nach 1980 geboren wurden. Das ist jene Alterskohorte, die nun ins Arbeitsleben drängt und das Siegel „Generation Y“ verpasst bekam: Junge Menschen, die für ein ausgewogenes Privatleben auf Arbeitszeit verzichten wollen.

Darauf müssen sich Arbeitgeber wie die Deutsche Bahn einstellen. Der Transportkonzern, wo Jörn Hübner arbeitet, muss ohnehin sehr um neue Mitarbeiter kämpfen. Berater Baisch bescheinigt der Bahn, dass ihr ernsthaft an einem Kulturwandel auch im Umgang mit Vätern gelegen sei. „Wenn es nicht glaubwürdig von der Unternehmensspitze vorgelebt wird, funktioniert es nicht“, sagt Baisch. Letztlich versuche er die Unternehmen davon zu überzeugen, beim Thema Familienfreundlichkeit Mutter und Vater ins Visier zu nehmen. Und natürlich dürfe Teilzeit nicht länger als Karriere-Sackgasse gelten.

Thomas Lehmann, der Bankberater der Berliner Volksbank, glaubt, dass von mehr Teilzeit ganz grundsätzlich Unternehmen profitieren würden. „Mein Terminkalender ist an den drei Tagen prallvoll, und ich bleibe auch länger, um alles zu erledigen.“ Wer freiwillig Teilzeit arbeitet, ist an den wenigen produktiver. „Das“, sagt Lehmann, „ist doch eine ermutigende Botschaft für Arbeitgeber.“