Die Roboterarme tanzen. In ihrem Glaskasten heben, drehen, und prüfen sie die glitzernden Bauteile auf den Tausendstelmillimetergenau. Auch wenn viele Mitarbeiter an diesem Vormittag zum Warnstreik für höhere Löhne auf der Straße sind, steht die Produktion der Camtronic genannten neuartigen Nockenwellen nicht still im Berliner Mercedes-Benz-Werk.

Diese Komponente für die neue Motorengeneration haben die Ingenieure in Mariendorf selbst entwickelt. Ständig müssen die Berliner ihre Angebote für die weltweiten Abnehmer im Daimler-Konzern verbessern. Nur so lassen sich hohe Produktionskosten an einem Standort wie Berlin einspielen.

„Wir produzieren hier nur Komponenten, die technisches Potenzial haben“, sagt Werksleiter Hansgeorg Niefer, „wo seit 30 Jahren alles gleich ist, da steigen wir aus“.

Das Berliner Werk mit seinen 2600 Mitarbeitern ist die älteste noch produzierende Fabrik im schwäbischen Weltkonzern. 1902 wurde es gegründet, noch vor dem als Daimler-Stammwerk geltenden Werk in Sindelfingen. Seit 1994 fungiert Berlin als zweites Motorenwerk des Konzerns, das unter anderem pro Jahr mehr als 150.000 der neuen V6-Dieselmotoren produziert.

Diese Position sichert den Standort auch dagegen ab, irgendwann wegen des Auslaufens einer Modellreihe erheblich an Aufträgen zu verlieren. „Es ist kaum ein Fahrzeug ohne Teile aus Berlin unterwegs“, sagt Niefer selbstbewusst.

Kaufkraft von 80 Millionen Euro pro Jahr durch Löhne

Ausgerechnet am Tag des Warnstreiks, mit dem IG Metall in Berlin, Brandenburg und Sachsen für die 100.000 Beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie 5,5 Prozent höhere Löhne durchsetzen will, waren am Freitag Wirtschaftssenatorin Corneila Yzer (CDU) und CDU-Fraktionschef Florian Graf ins Mercedes-Werk gekommen. Für Yzer war die Visite Teil ihrer Kampagne für die Industrie. „Es muss noch bekannter werden, welche Unternehmen es eigentlich gibt in unserer Stadt und was sie leisten“, sagte die Senatorin.

Die Werksleitung versäumte nicht, die Politikerin auf die immense Bedeutung der Fabrik hinzuweisen. Allein die Löhne für die Belegschaft bringe der Region eine Kaufkraft von 80 Millionen Euro im Jahr, Lohnsteuer fallen 16 Millionen an, Gewerbesteuer vier Millionen Euro.

Fast 90 Prozent der Belegschaft sind Facharbeiter und wenn sich gute Leute bewerben dann haben auch Neueinsteiger eine Chance auf einen festen Job. Die 84 aktuellen Azubis werden alle übernommen, sofern sie nicht vorziehen, sich an einer Hochschule weiter zu qualifizieren.

Denn immer mehr verschmelzen in den Fabrikhallen die Mechanik und die Computerwelt. Allein ein halbes Jahr mussten die Techniker arbeiten, um die Maschine zur Qualitätskontrolle der neuen Camtronic-Teile richtig einzustellen.

Bei aller Automation in den Fabrikhallen gibt es immer noch viele Handgriffe, die Roboter einfach nicht so gut beherrschen wie der Mensch. In der Motorenmontage im Bau 70 kommt alle 67 Sekunden ein Dieselmotor vom Band, werden im elektronischen Prüfstand von Kameras untersucht und erst gestartet, wenn sie in den Mercedes-Werken in den USA oder Südafrika in den neuen Autos vom Band gefahren werden.

Management hält Mitarbeiter bei Laune

250 Leute arbeiten hier im Zwei-Schichtsystem von sechs bis 22.25 Uhr. Vor allem Kabel, Dichtungen und Kunststoffteile schrauben sie an oder klemmen sie an die richtige Stelle. „Biegeschlaff“ nennt das der Ingenieur. Damit kommt der Roboter nicht zurecht.

Dass die Belegschaft jetzt extrem zornig wäre an einem solchen Warnstreik-Tag ist nicht auszumachen. Die Leute hier sind ordentlich bezahlt, in einigen Produktionsbereichen werden trotz der aktuellen Schwächephase bei den Daimler-Absatzzahlen Sonderschichten gefahren. Die Mercedes-Leute gingen eher aus Solidarität mit demonstrieren, heißt es im Werk.

Denn das Management bietet den Mitarbeitern allerlei, um sie bei Laune und gesund zu halten. Work-Life-Balance ist dieses Jahr das große Thema des betrieblichen Gesundheitsmanagements, ohne die käme kein qualifiziertes Personal mehr. Ans Werk angeschlossen ist ein Gesundheitszentrum, das vom Fitnesstraining vor der Frühschicht bis zur Reha alles bietet. Die Betriebs-Kita mit großem Garten und zweisprachigem Personal bietet 60 Krippen- und Kitaplätze.

Der Arbeitgeber Mercedes hat nach Aussage der Werksleitung noch keine Probleme, Fachkräfte zu finden, die er vor allem aus dem Berliner Umland rekrutiert. Für die Manager ist der Faktor Personal entscheidend. Denn alle Wettbewerber könnten sich die gleichen Maschinen anschaffen wie Daimler sie vorrangig bei deutschen Maschinenbauern kauft. Dieses Verzahnen verschiedener Fachrichtungen sei das, wo Deutschland immer noch Weltmarktvorteile habe, sagte Niefer: „Da müssen wir ans Gold in den Köpfen unserer Mitarbeiter ran.“

Die mit dem edlen Metall in den Köpfen kamen am Freitagmittag zurück von der Kundgebung, zogen die roten Kittel aus und gingen wieder an die Arbeit.