Die Verstrickung des populären Gangsta-Rappers Bushido mit Teilen einer arabischen Großfamilie schlägt auch einen Tag nach der Veröffentlichung hohe Wellen. Die Generalvollmacht für ein Mitglied der Familie gilt als äußerster Vertrauensbeweis zwischen den beiden Männern, die sich schon jahrelang kennen. Bushido erwähnt in seiner Autobiografie, dass die Familie ihm half, aus einem Knebelvertrag mit seiner ersten Plattenfirma – Aggro Berlin – herauszukommen. Einige Familienmitglieder sind den Ermittlern seit Jahren bekannt.
Der palästinensische Vater von insgesamt neun Kindern kam Anfang der 70er-Jahre nach Berlin und holte die Familie später nach. Die fünf jüngeren Brüder kamen in Berlin auf die Welt. Die Familie stammt aus einem Flüchtlingslager im Libanon, das Land war damals durch den Bürgerkrieg verwüstet. Die staatenlosen Palästinenser aus den Flüchtlingsdörfern erhielten in ganz Europa politisches Asyl.
Sechs Großfamilien „polizeilich relevant“
Die Familie, deren Nähe Bushido so intensiv sucht, gilt als eine der bekanntesten 20 bis 30 Großfamilien, von denen man in Berlin weiß. Die allermeisten davon leben friedlich in der Stadt. Sechs libanesisch-kurdische Familien gelten als besonders „polizeilich relevant“, wie es in der Amtssprache heißt, da besonders viele bekannte Straftäter zu ihren Mitgliedern zählen. Die regionalen Schwerpunkte der Großfamilien liegen vor allem im Westteil der Stadt: Neukölln-Nord, Kreuzberg Süd-Ost, Schöneberg-Nord, Wedding und Moabit – ausgerechnet jene Stadtteile von Berlin, die als sozial schwach gelten.
Die Berliner Kriminalpolizei hat bereits wegen des Verdachts auf zahlreiche Delikte gegen Mitglieder der Familie ermittelt, unter anderem wegen Drogen- und Menschenhandels, Erpressung und Zuhälterei. Das Magazin „Stern“ zitiert einen Berliner Oberstaatsanwalt mit den Worten, die männlichen Mitglieder der Familie agierten „im Milieu der organisierten Kriminalität“. Angehörige der Familie kontrollierten bereits große Teile der Prostitutionsszene der Kurfürstenstraße. Zudem drängten sie in das Rotlicht-Milieu an der Oranienburger Straße. Auch sollen die führenden Mitglieder eine Diskothek nahe der Oberbaumbrücke in Friedrichshain betreiben.
Ermittler des Landeskriminalamtes hatten seit vielen Jahren Hinweise auf die Verstrickung des populären Sängers in die Geschäfte der berüchtigten arabischen Großfamilie. „Es gab Berichte aus der Szene, wonach Bushido sich schon zu Beginn seiner Kariere verpflichtet haben soll, einen nicht unerheblichen Teil seiner Einkünfte an den Clan abzugeben – gewissermaßen als Schutzgeld“, berichtet ein Beamter des Landeskriminalamtes. „Diese Herrschaften haben ihm gewissermaßen seinen Weg geebnet und ihn aufgebaut, weil sie nicht nur brutal gegen Konkurrenten vorgehen, sondern auch einen guten Riecher in Sachen Geschäfte haben.“
Kontakte zu den Hells Angels
Der Familie wird nachgesagt, in allen Bereichen der organisierten Kriminalität aktiv zu sein – Ermittler sprechen von Drogen- und Waffenhandel, Schutzgelderpressung, Prostitution. Ein ähnliches Verhalten sagt man auch den Hells Angels nach, und offenbar gab es auch zwischen diesen und Teilen der Familie geschäftliche Verbindungen. Nach Informationen der Berliner Morgenpost sollen im Auftrag des Clans Kontakte zu den Hells Angels unter der Führung des türkischen Ex-Boxers Kadir P. aufgenommen worden sein. Ziel war es damals, eine Maschinenpistole für einen Anschlag auf den Promi-Bodyguard Michael Kuhr beschaffen zu lassen. Kuhr hatte die Verantwortung für das Poker-Turnier am Potsdamer Platz im Jahr 2010, als eine zunächst unbekannte Gruppe von Tätern einen Überfall verübte und Beute machte. Später wurde ein Mitglied der Familie als Kopf der Bande verurteilt, Kuhr hatte ausgesagt und sich offenbar so den Groll des Clans zugezogen.
Die Polizei erfuhr allerdings rechtzeitig von den Anschlagsplänen gegen Kuhr und machte einen ungewöhnlichen Schachzug: Im Beisein des potenziellen Opfers wurden die mutmaßlichen Verantwortlichen des geplanten Mordanschlags zur Mordkommission einbestellt. Auch Führungsbeamte der Spezialeinheiten der Berliner Polizei waren anwesend. Den Familienmitgliedern wurde mitgeteilt, dass man von ihren Plänen wüsste. Den Arabern wurde in Aussicht gestellt, was die Polizei als nächsten und übernächsten Schritt einleiten würde, wenn es keine Ruhe in der Szene gebe.
„Verbrechen, Gewalt und Angst“
Der Clan-Chef bestritt den geplanten Anschlag und sprach von einem guten Verhältnis zu dem Sicherheitsunternehmer Kuhr. Dass eine Maschinenpistole dabei im Spiel gewesen sei, spreche dagegen nicht für brüderliche Freundschaft, heißt es dazu bei der Berliner Polizei. Auch nicht der Umstand, dass der mit der Tat beauftragte Mann bereits das Umfeld der Privatanschrift Kuhrs ausgekundschaftet haben soll.
Die Berliner Polizei hat sich in der Vergangenheit gegen die zum Teil „nicht zu ertragende Arroganz“ der Clan-Mitglieder zur Wehr gesetzt. So war einer von ihnen immer wieder ohne Führerschein mit seinem Auto unterwegs gewesen, heißt es. Daraus entstand ein Haftbefehl, der wegen der „zu erwartenden Gefährlichkeit“ nachts in Wilmersdorf von schwerbewaffneten und vermummten Beamten des Mobilen Einsatzkommandos (MEK) vollstreckt wurde.
Angehörige der Familie gehören zahlreichen szenekundigen Polizeiführern nach zu den Machthabern der organisierten Kriminalität in Berlin. „Sie stehen für Verbrechen, Gewalt und Angst“, so ein frustrierter Beamter, der laut eigenen Angaben nur „den Kopf schütteln kann über das Versagen der Gesellschaft“, nicht gegen die Verfilmung des Lebens Bushidos Amok zu laufen. „Schlimm genug, dass es in seinen Texten um Gewalt geht. Dass eine Sprache verwendet und gesellschaftlich geduldet wird, die man den eigenen Kindern verbietet“, sagt der Beamte. Nun habe sich auch gezeigt, was der Mann wirklich sei: „Nichts weiter als ein Mafiamitglied.“



