Rede-Wortlaut

„Goldene Narrenschelle“ für Thierse - die Laudatio

| Lesedauer: 8 Minuten
Peter Friedrich

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Wolfgang Thierse hat die „Goldene Narrenschelle“ erhalten. Die Rede dazu hielt Baden-Württembergs Europaminister Peter Friedrich (SPD).

Hochverehrte Narrenschar,

Das neue Jahr hatte kaum begonnen,
die ersten, unschuldigen Stunden verronnen,
der Neujahrsfrieden lag überm Land,
in Wohnzimmern noch der Christbaum stand.

Die Schwaben strömten in großer Schar,
zur ersten Kehrwoch im neuen Jahr,
Silvesterkracher aus dem Rinnstein fegten,
die letzten Gutzel auf den Teller legten.

Der Festtagsappetit war wieder gezügelt,
s’Geschenkpapier für Weihnachten wieder aufgebügelt.
Selbst dem böse Nachbarn, den man kaum kann ertragen,
wünscht man „e gut’s Neues“ in diesen Tagen.

In diesen Reigen der Harmonien,
platzt hinein, fern aus Berlin,
Wolfgang Thierse mit harten Bandagen,
gegen exilierte Schwaben.

Er habe nun lange genug geschwiegen,
nimmer lässt er sich verbiegen,
das Fass, das sei nun überg’laufen,
als er jüngst war Schrippen kaufen,
da bei ihm, gleich umme Ecke,
sagt doch einer zum Brötchen Wecke.

Potzblitz!

Und zum geliebten Pflaumenkuchen,
auch noch Datschi, man möchte grad fluchen.

Schuld an allen diesen Sachen,
seien Schwaben, die in Berlin sogar Kehrwoch machen.

Mein Gott Wolfgang! möchte man sagen,
was hast Du nur mit diesen Schwaben?
Hat des wirklich müssen sein,
dass Du drischst derart auf die Schwaben ein?

In Baden weiß doch jedes Kind,
dass d’Schwaben sehr sensibel sind,
was immer Du Dir denkst dabei,
des war e pure Narretei.

Sofort das Urteil man gleich fälle,
dem gebührt die Narrenschelle!

Aber halt, dies hier ist kein Prozess,
gegen den Schwabenexzess.
Normalerweise, als Konstanzer Jakobiner,
guillotiniere ich Erzschlawiner,
aber heute soll ich ja nicht mit Tyrannenfett die Guillotine schmieren,
sondern Wolfgang Dir lautieren.

Aus drei Gründen, die ich jetzt erhelle,
gebührt Dir, Wolfgang, die Narrenschelle.

Erstens:
Wolfgang, Du konntest es nicht wissen,
aber statt in ‚ne Schrippe hast Du in‘nen Fettnapf gebissen.
Denn des Weggle, oder auch der Weck,
isch fürs Narrentreiben von zentralem Zweck.

Er ist, glaub mir des isch nicht überhöht,
eine Frage kultureller Identität:
Nahezu in jedem Flecke,
gibt's en Fasnetsspruch über den Wecke.

Zum Beispiel - bei mir in Konstanz gibt’s den Vögele-Bäck.
Auf gut Berlinerisch: eine vom Herrn Vögele inhabergeführte Backstube.

Über den man an Fasnet Folgendes spricht,
des lernen bei uns d’Kinder sogar im Schulunterricht:

In der Hüetlin-Stroß am Eck - do wohnt der Vögele-Bäck,
hengt de Arsch zum Fenster raus,
ma mont es wär en Weck.

Es isch kon Weck, es isch kon Weck, es isch der Arsch vom Vögele-Bäck.
Kummt ä Mädle glaufe und will des Weckle kaufe -
Es isch kon Weck, es sich kon Weck, es isch de Arsch vom Vögele-Bäck.

Wolfgang Du siesch:
Nimmsch Du jetzt statt Weck die Schrippe,
wandersch Du vom Arsch zur Rippe.
Wir haben nix gegen Schrippe, aber an Fasnet gefährdet die,
bei den Narren die Anatomie.

Und in Berlin, lieber Wolfgang:
Ob Brötchen, Weckle oder Schrippen,
darum geht es dort doch itten.

Die wahre Frage, aber ich will da nicht drängeln,
ist doch, was sie in Berlin so alles versemmeln.
Und bei manchem Thema, ich weiß des klingt böse,
geht’s nur noch um Semmelbrösel.

Du siehst also:
Deine Wort, nur für sich genommen,
sind Grund genug, um d’Narrenschell zu bekommen.

Doch blieb es ja nicht dabei,
und des ist nun Grund Nummer zwei:

Deine Worte führten, es ist nicht übertrieben,
zu den Berliner Schwabenkriegen.

Jetzt treibt der Streit so manche Blüte,
schlägt braven Seelen aufs Gemüte.
Es wirft sich jeder in die Schlacht,
der schneller schwätzt, als er gedacht.

Grad die, die gerne keiner hört,
haben sich besonders laut empört.

Was wurd’ nicht alles lamentiert,
postuliert und proklamiert,
an Häuserwände dran geschmiert.

Wolfgang, Deine Wort wurden Inspiration,
für eine gigantische Konfusion.

Preußen, Schwaben, Badener und Bayern,
aus Brandenburg hat man vernommen,
es würden zu viele Berliner kommen.
Selbst eine Hesse fühlte sich diskriminiert,
weil er als Schwabe wurde deklariert.

Kurz und gut - wer so eine Diskussion tritt von der Stelle,
der verdient die Narrenschelle.

Nur ein Beispiel von den Sachen,
die uns Narren Freude machen:

Dirk Nebel, äh Niebel, meldet gleich,
wir kürzen den Finanzausgleich,
wer die Schwaben kritisiert,
der wird finanziell rasiert.

Ein Mann aus Ulm hat Dir gemailt,
so hat er sich des nicht vorgestellt.
Wenn wir schon den Laden zahlen,
müsst Ihr uns dafür auch gerne haben.

Diese Kritik, so sag ich jetzt,
isch ein wechselseitiger Minderwertigkeitskomplex.

Der Schwabe hat was, zeigt des aber net gern.
Der Berliner hat nix, aber des soll jeder sehen!

Berlin sei sexy weil so arm,
da ist vielleicht sogar was dran.

Aber nur weil wir es Geld zamme halte,
sind mir noch lang koi wüschte Gestalte!

Andere nahmen Deine Worte persönlich,
und schlagen jetzt zurück auf Dich,
Du wirst dafür kritisiert,
dass Dich Bart und Mähne ziert.

Schwaben, die sagen solche Stücke,
haben eine Bildungslücke:

Denn bei Gründung des Württemberger Staate,
stand Herzog Eberhard im Barte.
So hieß der wirklich, was uns zeigt, rein äußerlich,
stehen Dir Schwaben gut zu Gesicht.

Der Fritz Kuhn, der wollt mit Dir,
jetzt in Stuttgart zum Barbier.
Ausgerechnet die, die mit langen Locken,
im Bundestag damals strickten Socken,
die dortmols hören mussten und begreifen,
sie sollen erst Seife und dann das Wort ergreifen,
grad die wollen Dich jetzt zähmen,
in dem sie Kamm und Schere nehmen.

Lieber Wolfgang, lass des bleiben.
Der Prenzlauer Berg ist nicht bereit,
für so viel grüne Spießigkeit.

So sehr wurde übereinander hergezogen,
dass nicht nur Worte, sogar Spätzle flogen.

Aber der Fall ist für mich klar,
dieser Anschlag eine Finte war.

Niemals waren das echte Schwaben,
die mit Spätzle um sich warfen.
Denn bei Spätzle, Wecke, Essig und Brot,
gilt für Schwaben das 11. Gebot:

Nur nix verkomme lasse!

Um Frieden wieder in Berlin zu stiften,
hast Du wieder zum Wort gegriffen.

Aus der Morgenpost haben wir vernommen:
„Liebe Schwaben, Ihr seid willkommen.“
Ihr seid ja - eigentlich,
gar nicht so viel anders als ich.

Und des isch nun der dritte und letzte Grund:

Die Narrenschelle Dir gebührt,
weil Du eine tiefer Wahrheit berührt,
diese Wahrheit manchem stinkt,
und trotzdem völlig ungeschminkt:

Preußen und Schwaben, ich sag’s ganz schlicht,
unterscheiden sich in Wahrheit nicht.
Diese beiden, voller Stolz,
sind dupfengleich, aus selbem Holz.

Die ganzen Debatten, die Schrippen und Wecken,
weil sie sich lieben, tun sie sich necken!
Schwaben und Preußen haben so vieles gemeinsam,
da fühlsch Dich als Badener in Berlin fast schon einsam.

Was den Schwaben die Schwertgosch, ist dem Berliner sei Schnauze,
dem Schwaben der Ranzen, den Berlinern die Plauze.
Der Fernsehturm am Alex, ein Riesenmoloch,
in Stuttgart steht der Gleiche, in Degerloch.

Auch in der Küche, muss ich Euch sagen,
ähneln sich die Preußen und Schwaben.

Mit der Maultasch wollten die Schwaben den Herrgott bescheißen,
dass da Fleisch drin ist, lässt sich nicht beweißen,
und jetzt koste mal die Berliner Bouletten,
ob da Fleisch drin ist, da würd ich nicht drauf wetten.

Je länger ich schau, um so mehr tut sich zeigen,
die beiden Völker weniger trennt als sie sich gleichen.
Was dem Schwob sei Gütle sich dem Berliner die Datsche,
für den VfB und Hertha gibt’s in Freiburg e Klatsche.

Wenn der Berliner motzt, tut der Schwabe brodeln,
beide tun gerne in Baustellen buddeln.

Und auch hier ergänzen sie sich kongenial:
Für des gleiche Geld,
für das man in Berlin nicht in den Himmel kommt,
kommt man in Stuttgart nicht unter die Erde.

Große Schwäbisch-Alemannische Narrenschar,
jetzt liegt es vor uns, sonnenklar:
Ziehen Schwaben nach Berlin,
So kommen Brüder zu Brüdern hin.

In Berlin, am Prenzlauer Berg,
Wächst zusammen ,was zammen gehört.
Wolfgang Thierse, dass ist Dein Revier,
entdecke auch Du den Schwaben in Dir.

Dass Du laut aussprichst, was mancher nur denkt,
und dabei sich auch selber nix schenkt,
Dein Wort zur Schrippe, das beweist,
in Dir wohnt echter Narrengeist.

Dies macht Dich froh und auch erhaben,
kannst Frieden schließen jetzt mit Schwaben.
Dazu erhältst Du an dieser Stelle,
die große Goldene Narrenschelle.