Die Geschichte begab sich so: Zwei Tage lang hatte Josef Eder in der Küche gestanden. Voller Eifer und Leidenschaft. Hatte alles selbst gemacht, was selbst zu machen geht. Hatte die Knödel akkurat geknödelt, das Blaukraut geschnitten, die Ente geradezu liebevoll darauf vorbereitet, zum Festessen zu werden.

Dann kam der Abend des 24. Dezember. Die ganze Familie saß am Tisch. Seine Frau Colleen, die Kinder Jade, Jeremy und Caroline und die Schwiegereltern. Stolz schaute Josef Eder auf sein Werk auf dem Tisch, das da in Schüsseln und auf Tellern dampfte. Und dann das. „Iiiihhhh! Das mag ich nicht“, hätten die Kinder gesagt. Und: „Kannst du Spaghetti machen, Mami?“

Ein traumatisches Erlebnis mit Ente und Kindern

Das sei das erste und letzte Mal gewesen, dass Josef Eder, 49 Jahre alter Koch und Küchendirektor der vier Hyatt Hotels in Deutschland, zu Weihnachten den Klassiker aufgetischt habe, wie er sagt. „Seitdem gibt es an Weihnachten, was die Kinder mögen“, sagt Josef Eder, während er mit seiner Frau an seinem dunkelbraunen Esstisch in Seeburg (Dallgow/Döberitz) sitzt. „Nach den zwei Tagen war ich vollkommen fertig mit der Welt.“

Auf dem Tisch vor den Eders stehen Croissants und kleine Zimtbrötchen – die allerdings „ein bisschen dunkel geraten sind, leider. Wir brauchen einen neuen Ofen“, sagt der Chefkoch und grinst. Und Josef Eder sagt das so charmant – man möchte ihm augenblicklich glauben, dass einzig und allein der Ofen an den höchst knusprigen Brötchen schuld ist.

Obwohl es doch auch gut tun kann, wenn man merkt, dass auch einem Josef Eder die Croissants zu dunkel geraten können. Das kann ja schon einschüchtern, zu einem Spitzenkoch auf Hausbesuch zu gehen. Hoffentlich bittet er nicht, schnell mal die Kartoffeln zu schälen und er merkt sofort, wie ungeschickt man selbst in der Küche ist. Ob es noch mehr einschüchtert, mit einem Spitzenkoch verheiratet zu sein? „Nein. Überhaupt nicht“, sagt seine Frau Colleen. „Josef macht sich nur immer darüber lustig, dass ich mit so kleinen und stumpfen Messern arbeiten würde. Aber seine sind mir viel zu groß und schwer.“

Josef Eder bereitet einen weißen Heilbutt zu

Colleen Eder ist Südafrikanerin. In ihrer Heimat hat sich das Paar kennengelernt. Als Josef Eder Mitte der 90er-Jahre im Park Hyatt in Südafrika kochte. Seit 16 Jahren sind die Beiden inzwischen verheiratet. Gemütlich sitzen sie an diesem Tag mit Blick aus der Küche in die Landschaft zusammen. Sie reden über richtige Messer, Südafrika, das Eingewöhnen in Berlin, die Hobbys der Kinder. Bis ihnen auffällt, dass es heute doch ums Kochen gehen soll.

Entschlossen springen Josef Eder und seine Frau auf. Los geht’s. Und wegen der geradezu traumatischen Erfahrung mit der Ente und den Kindern bereitet Josef Eder einen weißen Heilbutt zu. „Mit Balsamico-Linsen – die lieben meine Kinder nämlich“, sagt der Koch.

Obwohl man von Josef Eder doch eher etwas Deftiges erwartet hätte. Von ihm, dem Bayern, 1963 in Mühldorf am Inn geboren und schon früh eingesponnen in den „Landgasthof Eder“, der seinen Eltern gehörte und heute von einem seiner Brüder geführt wird. Aber nach dem Festtags-Fiasko versteht sich das natürlich von selbst.

Kein weiteres Nachfragen also, kein Bohren in der Wunde. Es gibt: Linsen für die Kinder. Und Karotten. Wichtig sei für ihn vor allem die regionale Herkunft seiner Zutaten, „Bio“ müsse nicht unbedingt sein. Josef Eder wäscht die Karotten, mehr nicht. „Geschält werden müssen sie nicht, wenn sie so frisch und gut sind“, sagt er. Die Karotten sollen glasiert werden. Dafür müssen sie mit ihrem eigenen Aroma „aufgepeppt“ werden, wie Josef Eder erzählt. Den Saft von ein paar Karotten reduziert er in der Pfanne. „Da bleibt der pure Karottengeschmack zurück.“ Darin schwenkt Josef Eder die nur kurz gedämpften Möhren.

Josef Eder arbeitete lange auch in Asien, kochte im Park Hyatt in Tokio oder im Grand Hyatt Singapur. „Seitdem bin ich ein totaler Fanatiker, was Zitronengras angeht“, sagt Josef Eder und schlägt welches mit dem Messerrücken breit. Dann hält er die duftende Fernöstlichkeit jedem Anwesenden unter die Nase, bevor er sie in einer Pfanne verschwinden lässt, die unter einem Bambus-Garkörbchen steht.

Da hinein hat Josef Eder zuvor Wasser gegeben. Dampfendes, köchelndes. Nach dem Zitronengras kommen noch Zimt, Sternanis, Wachholderbeeren, Lorbeerblätter, Chili, Zitrone und Ingwer dazu. Sofort riecht es danach in der Küche. Weihnachtlich lecker und gleichzeitig ätherisch gesund. „Ich kann nur jedem empfehlen, sich so einen ‚steaming basket’, also einen Garkorb aus Bambus anzuschaffen“, sagt Josef Eder. „Schonender und einfacher kann man Fisch oder auch Gemüse nicht zubereiten.“

In diesem Jahr gibt es keine Geschenke

In diesem Jahr werden die Eders an Weihnachten nicht zu Hause sein. Jedes zweite Jahr wird in Südafrika gefeiert. Ein Muss ist und bleibt aber der Kirchgang an Heiligabend. Geschenke bleiben aus. „Wenn wir über Weihnachten nach Südafrika düsen, gibt’s keine Geschenke“, sagt Josef Eder. „Der Wert der Geschenke wird den armen Leuten in den sehr armen Gegenden in Südafrika von den Kindern übergeben. Das war ihre Idee.“

Josef Eder ist kurz vor dem Ende seiner Zubereitung. Es ist schwer, mit seinen Arbeitsgängen Schritt zu halten. Elegant macht er das, von Hektik ist nichts zu bemerken. Und immer irgendwie um ihn herum ist: Colleen. Alles, was ihr Mann nicht mehr braucht, räumt sie weg, spült es ab. Bei ihnen läuft das Hand in Hand. Ob ihr Mann anstrengend sei, wenn er zu Hause kocht? „Nein, überhaupt nicht. Aber er macht sehr viel Dreck“, sagt Colleen Eder. Ihr Mann lacht, während er schnell noch einmal konzentriert die kurz gedünsteten Möhren in dem reduzierten Möhrenextrakt schwenkt, bevor sie auf dem Fisch drapiert werden.

Es gebe zwei Dinge, die könne sie besser als ihr Mann: „Huhn im Römertopf und Spaghetti“, sagt Colleen Eder. Das Anrichten allerdings lässt sich Josef Eder nicht nehmen. Wie ein Künstler mit Farbe auf Leinwand hantiert er dabei mit den Zutaten auf dem Teller, setzt noch je ein Spinatblatt auf den Fisch. „Ästhetik gehört für mich beim Essen dazu, es geht nicht ohne“, sagt Josef Eder. Weder bei Fisch mit Linsen für die Kinder – noch bei Spaghetti-Ersatz für eine Ente.