Nachruf

Berliner Wolfgang Menge schrieb Fernsehgeschichte

Kaum ein deutscher Autor prägte das deutsche Fernsehen so sehr wie Wolfgang Menge. Jetzt starb er im Alter von 88 Jahren in Berlin.

Es gibt nicht viele, über die man sagen kann, dass sie das deutsche Fernsehen erfunden haben. Wolfgang Menge war einer von ihnen. Und dass seine Zeit, seine große Fernseh-Zeit, eigentlich schon lange vorbei war, ist nie sein Problem gewesen, sondern das des deutschen Fernsehprogramms, also vor allem das Problem der Zuschauer. Denn manchmal stimmt er einfach, der Satz, den Menge zum Nörgel-Mantra seiner genialen Figurenschöpfung, dem „Ekel Alfred“ gemacht hat: „Früher war alles besser.“ Jedenfalls sah es auf der Mattscheibe so aus. Und das lag an Fernsehmachern wie ihm.

Wolfgang Menge war aber auch das: ein großer Berliner. Obwohl er in der Hauptstadt geboren, aber in Hamburg-Blankenese aufgewachsen ist und seine großen Erfolge beim WDR gefeiert hat. Als er geheiratet hatte, zog er mit seiner Frau erst nach Lüneburg und dann nach Berlin. Weil sie ebenfalls von hier kam. Und weil Menge damals schon vom Schreiben lebte. Das konnte man auch zu Hause, am Schreibtisch, in Berlin. Einen seiner Filme, „Die Dubrow-Krise“, eine Ost-West-Posse, benannte er nach der Straße, in der er damals wohnte, der Dubrowstraße in Zehlendorf. Hier, in seiner Stadt, ist er nun im Alter von 88 Jahren gestorben.

Auch wenn Berlin in Menges Hoch-Zeit abgeschnitten war vom Rest der Republik, lieferte er dem Fernsehen einige seiner wichtigsten, aber auch seiner provokantesten Inputs. Damals, das war in den 60er- und 70er-Jahren, als in Deutschland das Medium Fernsehen seinen großen Entwicklungsschub erlebte und Menge zusammen mit nur wenigen anderen wie dem TV-Krimipionier Jürgen Roland als Obersprengmeister für die große Genre- und Formenexplosion der deutschen TV-Geschichte sorgte. Kaum ein Format, kaum ein TV-Genre, das damals nicht maßgeblich von Menge mitentwickelt und von ihm auch selbst zu Marksteinen der Fernsehgeschichte inszeniert wurde.

Fiktives Live-Publikum

Die Umwälzungen in der Medienlandschaft jener Jahre, die Menges frühe große Zeit kennzeichnen, waren gigantisch und mit dem Medienwandel unserer Tage durchaus vergleichbar. Ausgestattet mit heute lächerlich wirkenden Produktionsbudgets machte das Fernsehen jener Zeit innerhalb weniger Jahre dem Kino zwei Drittel seines Publikums abspenstig. Die Zahl der TV-Haushalte vervielfachte sich. Und dieses Medien-Bonanza brauchte Treibstoff. Menge gehörte zu den großen Lieferanten.

Das ist jetzt glatt die Hälfte von Wolfgang Menges Leben her, das am Mittwoch zu Ende gegangen ist. Und es gibt kaum einen Lebensbogen, der Aufstieg und Niedergang eines Mediums so weit überspannt, wie man das für Wolfgang Menge und das deutsche Fernsehen sagen kann. Einmal Leitmedium und zurück – wer Menge in den letzten Jahren persönlich erlebte, sah ihm das Leiden am Abstieg dieses Kulturgutes, das wir Fernsehen nennen, deutlich an.

Es konnte Menge dabei auch überhaupt nicht trösten, das sich einfach nur eine von ihm selbst schon vor Jahrzehnten gemachte Prophezeiung über die Entwicklung des Fernsehens tatsächlich erfüllt. Eine Prophezeiung, die er selbstverständlich als TV-Stoff realisiert hatte. „Millionenspiel“ (1970) hieß sein Film, in dem ein TV-Sender als Profiteur niedrigster Instinkte agiert, weil er die „reale“ Jagd einer Bande von Kopfgeldjägern auf einen zu diesem Zweck engagierten Gangster (der Bandenchef ganz groß gespielt von Dieter Hallervorden) vor den Augen eines fiktiven Live-Publikums zeigt.

Menges damals revolutionäres Spiel mit einer realistisch inszenierten Fiktion war auf eine Art erfolgreicher, als es den Machern lieb sein konnte. Nach der Sendung meldeten sich Dutzende Freiwillige, die sich tatsächlich eine Millionen D-Mark damit verdienen wollten, vor Live-Kameras um ihr Leben gejagt zu werden. Auch für den Part der Kopfgeldjäger meldeten sich noch während der Sendung zahlreiche Zuschauer unter einer fiktiv eingeblendeten Telefonnummer, in der irrigen Auffassung, die Show sei real.

Die als Horrorvision zukünftiger Fernsehunterhaltung gedachte Fiktion war damals also bereits schon viel näher an der gefühlten Realität mancher Zuschauer, als man es sich hätte vorstellen können. Ein treffsicherer Zugriff im Vorgriff.

Menges vielleicht folgenreichste TV-Leistung

Ähnliches könnte man über Menges vielleicht folgenreichste TV-Leistung sagen: Seine Konzeption und Moderation der TV-Talksshow „3nach9“ (Radio Bremen, Erstsendung November 1974), Mutter aller deutschen Talkshows. Die Mischung aus präziser Nonchalance und selbstironischer Fahrigkeit, die seine Moderation kennzeichnete, stand an der Wiege dieses Formats ebenso passend, wie sie die Trivialisierung vorausahnen ließ, in der sich heutzutage diese Sendeform verliert.

Menges immer wieder originell variiertes Konzept, aus der Vorwegnahme zukünftiger Entwicklungen fiktiven, aber immer auch auf eine Art journalistischen TV-Stoff zu destillieren, beeindruckte beispielhaft bei seinem Fernsehspiel „Smog“, einer WDR-Produktion (1973), mit der die Folgen einer Umweltkatastrophe lange vor der Ökobewegung thematisiert wurden. Ebenfalls eine sich selbst erfüllende Prophezeiung, jedenfalls was die Entlarvung der politischen Verhältnisse jener Zeit anging, und das in mehrerlei Hinsicht und sogar schon vor der Ausstrahlung.

Der Essener SPD-Oberbürgermeister revoltierte damals gegen den „reißerisch aufgemachten Science-Fiction-Film“. Der Hauptgeschäftsführer der Essener Industrie- und Handelskammer polemisierte gegen den „abenteuerlichen Missgriff“. CDU-Landtagsabgeordnete forderten in einer Anfrage an die Landesregierung Maßnahmen gegen den „schweren Rückschlag“ für die „Attraktivierung des Ruhrreviers“. Das alles wohlgemerkt bereits vor dem Sendetermin.

Röntgenblick in Herz und Seele

Seinen unbestechlichen Röntgenblick in Herz und Seele seiner Zeitgenossen bewies Menge aber bei keinem Projekt so vollendet wie bei der TV-Serie „Ein Herz und eine Seele“ (Erstausstrahlung Januar 1973). Die Hauptfigur, sein „Ekel Alfred“, wurde zur sprichwörtlichen und zeitlosen Metapher für den kleindeutschen Spießer, der bigott seine Familie so terrorisiert, wie er es mit der ganzen Welt tun würde, wenn man ihn denn ließe.

Wer diese Figur einmal im Fernsehen gesehen hat, wird sie nicht mehr los - weil er ihr im eigenen Alltag immer wieder begegnet. Es ist ein über die Jahrzehnte hinweg gültiger, mit allen Intarsien des sarkastisch durchgezeichneten deutschen Volkscharakters versehener Archetyp. Der Zeithintergrund – das Aufeinanderprallen rückwärtsgewandter Nachkriegsmentalität eines gescheiterten Kleinbürgers („Alfred“) und der neuen Zeit in Gestalt 68-protestbewegter Nachkommen – war treffsicher verarbeitet, auch was seinen Ewigkeitsbestand in der deutschen Volksseele angeht.

Für damalige Verhältnisse sehr modern war übrigens die Art, in der „Ein Herz und eine Seele“ produziert wurde, mit dem Ehrgeiz zu fast journalistischer Aktualität. Tagesaktuelle Ereignisse wurden kurzfristig in die Dialoge eingearbeitet, da die einzelnen Folgen erst am Tag ihrer Ausstrahlung kurzfristig vor einem Studiopublikum aufgenommen wurden.

Mitunter brach sich das wirkliche Leben auf noch ganze andere Art im Leben von Menges Fernsehfamilie Tetzlaff Bahn. So musste in der Folge „Rosenmontagszug“, die auch tatsächlich an einem Rosenmontag produziert wurde, sehr kurzfristig umdisponiert werden und die damalige Regieassistentin Ilse Hofmann eine Nebenrolle übernehmen. Die eigentlich vorgesehene Schauspielerin war nämlich saisonbedingt nicht spielfähig. Sie war betrunken.

Synonym für Kleinbürgerlichkeit

Der Erfolg der Serie lag dabei weniger im unmittelbaren Zuspruch der Zuschauer bei der Erstausstrahlung. Eine regelrechte Fangemeinde entwickelte sich erst Jahre später, und nach einer Reihe von Wiederholungen wurde die Serie Kult. Aber Menges „Alfred Tetzlaff“-Charakter fand sofort als Synonym für kleinbürgerlich-reaktionäres Gebaren und Gerede unmittelbar Eingang in die Alltagssprache, wurde also sprichwörtlich. So verglich zum Beispiel der damalige Postminister Horst Ehmke im Februar 1974 in einer Bundestagsdebatte den CDU-Politiker Alfred Dregger mit Alfred Tetzlaff.

In den letzten Jahren aber verstummte Wolfgang Menge regelrecht. Es war, als ob seine hyperrealistischen TV-Fiktionen mit allen ihren dunklen Vorahnungen ihn regelrecht eingeholt, überholt hätten. Aber was hätte einer machen sollen, dessen weit in die Medienzukunft zielenden Visionen schon zu seinen Lebzeiten zur Realität – eben auch seiner eigenen – wurden?

Wolfgang Menge, geboren 1924 in Berlin, der Vater Kaufmann, seine Mutter eine rumänische Jüdin, war am Ende des Krieges Anfang 20. Er gehörte zu einer Generation, die man um ihre Erfahrungen nicht beneiden mag. Aber vielleicht brauchte es solche Erfahrungen, um zu dieser unbeugsamen Entschiedenheit zu finden.

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