Altersarmut

Wenn in Berlin die Rente nicht zum Leben reicht

Künftigen Rentnern droht Altersarmut. Doch viele Senioren in der Hauptstadt leben schon heute am Rand des Existenzminimums.

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Wenn Frau W. an früher denkt, kommen ihr die Tränen. Sie sieht raus auf ihren kleinen Balkon, auf dem gelbe und violette Blumen blühen. Wenn sie sich etwas wünschen könnte, sagt die 75-Jährige, dann wäre das Italien. „Da würde ich so gern mal wieder hin.“ Sie wischt sich die geröteten Augen. Frau W. wird wohl nie wieder Italien sehen. Seit einem dreiviertel Jahr wohnt sie in der Vivantes-Pflegeeinrichtung Haus Teichstraße in Reinickendorf. Sie möchte nicht, dass ihr Name in der Zeitung erscheint, „was sollen die Leute von mir denken?“. Frau W. ist ein Beispiel dafür, dass Menschen schon heute in Altersarmut leben.

Die Zuschussrente, wie Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) sie zur Verhinderung von Altersarmut will, steht weiter in der Kritik. Selbst Kanzlerin Angela Merkel äußerte sich laut „Bild“-Zeitung kritisch zu der Idee, kleine Renten langjähriger Beitragszahler, die auch privat vorgesorgt haben, aufzustocken. Beim Kabinettsfrühstück am Mittwoch habe sie gesagt: „Bis zum Wochenende habe ich noch gedacht, das ist eine gute Sache. Aber je besser ich die Zahlen kenne, desto stärker wachsen meine Zweifel.“

Arbeitstag bis 22 Uhr

Eine solche Zuschussrente würde Frau W. ohnehin nicht bekommen. 2008 war ihr Mann gestorben. Die beiden haben keine Kinder, hatten nur wenige Freunde, dazu war plötzlich das Geld knapp. „Von jetzt auf gleich stand ich vor dem Nichts.“ Frau W. verlor den Lebensmut. Ihr Mann und sie hatten jahrzehntelang einen kleinen Lottoladen, in dem sie Tabak und Zeitschriften verkauften. Morgens fuhr er mit dem Auto zum Geschäft, während sie das Mittagessen vorbereitete. Danach löste sie ihn ab. Weil sich die Ladenöffnungszeiten mit den Jahren immer weiter ausdehnten, dauerte ihr Arbeitstag irgendwann bis 22 Uhr, von montags bis sonnabends. Der Sonntag war reserviert für den Papierkram: Abrechnungen, Steuerbelege, Bestellungen. Im Sommer gönnten sie sich ausgedehnte Italienurlaube, ihr Mann habe schnelle Autos gemocht, erinnert sich Frau W. Sie kaufte sich ab und zu einen schönen Mantel oder Schmuck. An private Altersvorsorge dachten sie nicht. „Ich habe mich immer auf die Rente gefreut“, sagt sie heute. „Wir haben immer gesagt: Ach, wir sind jung und knusprig, jetzt ist jetzt und später ist später.“ Sie verfolgt die aktuelle Diskussion im Fernsehen. Die Politiker, findet sie, reden abstrakt. Alt und arm – „so sieht mein Leben aus“.

Nach Studien der Deutschen Rentenversicherung werden die jetzt Berufstätigen als Rentner mit noch weniger Geld auskommen müssen. 688 Euro sollen Arbeitnehmer, die 2500 Euro brutto im Monat verdienen und 35 Jahre in Vollzeit arbeiten, später bekommen. Zu viel zum Sterben und zu wenig zum Leben.

Ihr Mann hinterließ Frau W. Schulden. Sie musste Privatinsolvenz anmelden, 2011 zog sie ins Seniorenheim in der Teichstraße. Frau W. rechnet vor: Aus eigener Rente und Witwenrente bekommt sie knapp 1000 Euro, die direkt an Vivantes fließen. Ihr Einzelzimmer kostet etwa 2200 Euro im Monat, die Pflegekasse – Frau W. hat Pflegestufe I – übernimmt davon etwa 1000 Euro. Genau genommen reicht die Rente von Frau W. nicht, um hier zu wohnen. Obwohl das Haus Teichstraße keine Luxusresidenz, sondern ein ganz normales Pflegeheim ist.

Vom Sozialamt bekommt Frau W. 100 Euro Taschengeld im Monat. Beinahe die Hälfte davon geht für Zuzahlungen in der Apotheke und Telefonkosten drauf. Das meiste Geld gibt sie für ihren Nymphensittich Otto aus. „Ich kaufe ihm gern Knabberkram, das mag er so gerne.“ Der grau-gelbe Vogel ist schon 17 Jahre alt. Er ist der Grund, warum Frau W. noch am Leben ist. Sie habe schwarze Gedanken gehabt, erzählt sie. „Aber dann dachte ich: Ich kann den Otto doch nicht allein lassen!“ Also kämpft sie sich durch.

Angst vor der Mieterhöhung

Auch Ingeborg Eiring kämpft. Sie ist 81 Jahre alt, „ledig, unverheiratet, keine Kinder“. Sie hat Pflegestufe II und lebt allein in einer 1,5-Zimmer-Wohnung in Friedrichshain. Frau Eiring rechnet vor: „Ich bekomme im Monat etwas über 1000 Euro Rente.“ Davon bezahlt sie 422 Euro Warmmiete, Strom, Telefon. Dann bleiben etwa 300 Euro. „Das reicht gerade so, ich bin bescheiden“, sagt sie. „Ich spare beim Essen und kaufe nur Schnäppchen.“ Doch bald droht selbst diese Rechnung nicht mehr aufzugehen: Der Vermieter will die Miete erhöhen – „von sechs auf zwölf Euro! Das kann ich mir nicht leisten“, sagt sie. Ingeborg Eiring, Jahrgang 1930, musste die Schule im Krieg abbrechen, danach arbeitete sie als Haushaltshilfe und in Büros. „1948 war ich mal kurz arbeitslos“, sagt sie, „ansonsten habe ich mein Leben lang gearbeitet“. Für eine private Vorsorge sei nie genug Geld da gewesen. „Ich habe ja trotz Job kaum was verdient.“ Sie kann sich schlecht bewegen, 2005 hatte sie einen Oberschenkelhalsbruch, dazu kamen ein Bandscheibenvorfall und eine chronische Bronchitis. Sie braucht einen Rollator und den ambulanten Pflegedienst des Unionhilfswerks, der drei Mal am Tag jemanden vorbeischickt, um ihr beim Anziehen, Waschen und mehr zu helfen. Das Haus verlässt sie kaum noch, dabei träumt sie von einem Besuch im Theater oder in der Komischen Oper, wo sie früher oft war. „Ich fühle mich ein bisschen einsam“, sagt sie.

Besuch kommt selten, stattdessen guckt Frau Eiring fern und ärgert sich über Wiederholungen, die sie alle schon kennt. Sie löst Kreuzworträtsel und plant die nächsten Anschaffungen. „Wenn ich nächstes Jahr noch am Leben bin, kaufe ich Geranien für den Balkonkasten.“ In diesem Jahr vielleicht noch eine neue Hose, „ich möchte ja ordentlich aussehen“. Doch auf solche Dinge muss sie sparen. Gegen ihre Rückenschmerzen würde sie gerne mal alternative Heilmethoden probieren. „Aber das müsste ich ja selbst zahlen, und das werde ich mir nie leisten können“, sagt sie.

Auch Frau W. hat gelernt, bescheiden zu sein. Ab und zu geht sie „einholen“, im Supermarkt nebenan. Dann gönnt sie sich manchmal ein Pfund Weintrauben, oder ein Stück Camembert. „Essen und Trinken erhält Leib und Seele“, sagt sie. Demnächst hat Frau W. Geburtstag. Sie macht sich schon große Sorgen deshalb. Nicht wegen des Alters, sondern weil sie den Bewohnerinnen ihres Stockwerks etwas ausgeben möchte. Dazu kommt, dass neulich im Haus das Gerücht aufkam, Frau W. müsse bald umziehen, weil sie sich ihr Zimmer nicht mehr leisten könne. Pflegeleiterin Susi Schulz konnte der alten Dame die Angst nehmen: „Machen Sie sich keine Sorgen“, sagte sie. Für den Geburtstag organisiere sie ein paar Flaschen Sekt. Und das mit dem Umziehen sei Quatsch, Frau W. bleibe hier und basta.