Paulo Coelho möchte eine rauchen. Das Bedürfnis nach Nikotin und einem Moment der Ruhe vor seiner Rede treibt den 64 Jahre alten Schriftsteller durch den Hangar des ehemaligen Flughafens Berlin-Tempelhof. Die Teilnehmer des Technologiefestivals Campus Party Europe, die an diesem Mittwochvormittag in den Tischreihen vor ihren Computern sitzen, nehmen den kleinen Mann mit dem weißen Zopf kaum war. An den bunten Containern, die als Schutz vor Sonne und Wind als temporäre Zwischenwand unter das Vordach des Flughafens gebaut wurden, läuft er schnell vorbei. Einige Fotografen eilen herbei, heften sich an seine Fersen und folgen ihm nach draußen auf das alte Rollfeld. Im Schatten eines Berliner Feuerwehrautos und am Zaun zum Tempelhofer Feld stoppt Coelho schließlich und steckt sich eine Zigarette an. Pause.

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Als der Autor eine gute Viertelstunde später unter lautem Jubel die Bühne betritt, blicken Sabrine und Carsten nicht einmal auf. Die beiden Studenten sitzen etwa 50 Meter entfernt von der Hauptbühne im Hangar an einer langen Reihe aus weißen Tischen und Stühlen und haben ihre Laptops vor sich. Carsten arbeitet am HTML-Code einer mobilen Website, die er gerade entworfen hat. Sabrine verfeinert Kleinigkeiten an einem 3D-Modell, schiebt kleine Punkte und Kreuze hin und her. „Ich studiere eigentlich Lehramt und bin hier nur Begleitung“, sagt die 24-Jährige aus Siegen, „deswegen kenne ich den Informatiker auf der Bühne gar nicht.“

Fünf Millionen Follower

Nun ist der berühmte Schriftsteller Paulo Coelho zwar internetaffin wie kaum ein anderer Autor, doch mit Informatik hat er wenig zu tun. Der Brasilianer ist einer der prominentesten Redner auf der Campus Party und wird vor seinem Auftritt als Social-Media-Wunder angepriesen. „Paulo Coelho hat acht Millionen Fans bei Facebook“, sagt die junge Dame neben dem Schriftsteller – „mittlerweile mehr als neun!“, verbessert er sie. Auch beim Kurznachrichtendienst Twitter folgen ihm mehr als fünf Millionen Nutzer. Auf der Bühne ruft er den Hunderten Zuhörern zu: „Ihr seid die Avantgarde“. Dann preist er die Kultur des „Teilens“, des „Sharings“. Als er 1999 begann, seine Bücher als digitale Kopien auf einer Website zum kostenlosen Download anzubieten, seien die offiziellen Buchverkäufe sogar noch gestiegen. Er sagt: „The more you share the more you receive.“ Je mehr du teilst, desto mehr bekommst du zurück.

Das ist auch der Antrieb von Dorothea Liesenberg, die aus Illmenau in Thüringen nach Berlin zur Campus Party gekommen ist. Ideenaustausch, neue Leute kennenlernen, interessante Sachen lernen – das hat die 22-Jährige in den kommenden Tagen vor. Die erste Nacht sei jedenfalls schon mal ein kleines Abenteuer gewesen. Gegen 23 Uhr, während der Eröffnungsrede von Wirtschaftsminister Philipp Rösler, habe es plötzlich begonnen aus Eimern zu schütten. Später in der Nacht sei auch noch ein Gewitter dazugekommen: „Dann wurden eine Stunde lang die großen Rolltore vor den Hangars mit den Zelten hin und her geschoben. Wenn es zu stark regnete, gingen sie zu, war es trocken, gingen sie wieder auf, weil es sonst viel zu warm gewesen wäre in der Zeltstadt“, erzählt Dorothea. Während des Gewitters seien viele nach draußen gegangen, um das Unwetter zu fotografieren; während der ganzen Nacht sei sie sicherlich 20-mal aufgewacht. Als die Studentin der angewandten Medienwissenschaften schließlich um 7.30 Uhr aus ihrem Zelt gekrabbelt sei, habe eine bemerkenswerte Stille im Hangar geherrscht. Keine flirrenden Computerbildschirme, kein aufgeregtes Umherlaufen. Dafür eine kalte Dusche auf dem Rollfeld.

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Hätte sie genau hingesehen, hätte sie unter einem der Tische Marcelino Coll Rovira entdeckt. Der 20-jährige Spanier ist mit vier Freunden und fünf Computern in 30 Stunden von Barcelona nach Berlin gefahren und am Dienstag völlig übernächtigt angekommen. Trotzdem baute die Gruppe am Abend noch ihre Ausrüstung auf und begann zu spielen. „Gegen 5 Uhr heute Morgen wurde ich dann müde“, meint Marcelino und kratzt sich an seinem pechschwarzen Hut. Das Equipment aus Rechner, Bildschirm, Ventilator zum Kühlen der Technik, Tastatur, Gaming-Maus und externer Festplatte wollte er aber nicht einfach stehen lassen und schon gar nicht mit in sein Zelt schleppen. „Da habe ich meine Isomatte genommen, sie unter dem Tisch ausgebreitet und mich im Schlafsack unter meine Sachen gelegt.“

José Domingo Parra ist ebenso Spanier wie die Campus Party an sich und ein großer Teil der rund 10.000 Teilnehmer. Und weil er aus Spanien kleine, praktische Tütensuppen kennt, und bei der Arbeit am Computer die ständige Zufuhr neuer Elektrolyte sehr wichtig sei, hat er aus seiner Heimatstadt Valencia 50 Dosen mit löslicher Suppe und einige Wasserkocher mitgebracht. „20 Stück davon habe ich schon verkauft, die Leute stehen drauf“, ist sich José sicher. Für vier Euro wechselt das Pappdöschen mit chinesischer Schrift den Besitzer, das heiße Wasser zum Aufgießen ist bei José gratis. Ob der Veranstalter mit dem Suppenhandel einverstanden ist – geschenkt. Immerhin ist José erfahrener Campusero, die Veranstaltung in Berlin ist seine neunte Campus Party.