In der Debatte über Konsequenzen aus dem Organspendeskanal lehnt der Ärztliche Direktor der Berliner Charité, Ulrich Frei, eine zusätzliche staatliche Kontrolle bei der Vergabe von Spenderorganen ab. Das Bundesgesundheitsministerium sei bereits in der Kommission Organtransplantation bei der Bundesärztekammer vertreten, sagte Frei am Donnerstag im RBB-Inforadio. Der Berliner Grünen-Politiker Heiko Thomas drängte jedoch auf ein Eingreifen des Staates.
Hintergrund sind die Skandale um Organspenden an den Uni-Kliniken Göttingen und Regensburg. Die Staatsanwaltschaften ermitteln, ob im Zusammenhang mit Transplantationen Akten manipuliert wurden, um bestimmten Patienten bevorzugt Spenderorgane zu verschaffen. Am Dienstag war zudem bekannt geworden, dass zahlreiche Organe über sogenannte beschleunigte Vermittlungsverfahren an den offiziellen Wartelisten vorbei vergeben werden.
Die letzte Entscheidung über eine Transplantation müsse bei den Ärzten liegen, forderte Frei. „In der Medizin ist am Ende immer ein Individuum betroffen. Und da wird ein staatlicher Stempel auf einer Leber auch nicht dazu führen, dass die Dinge einfacher werden“, argumentierte der Direktor. Er plädiere allerdings dafür, dass die Entscheidung über die Vergabe von Spenderorganen nachvollziehbarer werde.
Grünen-Gesundheitsexperte Heiko Thomas widersprach. Frei irre, wenn er sich gegen zusätzliche staatliche Kontrollen ausspreche, sagte der Abgeordnete und fügte hinzu: „Die Organspende-Skandale zeigen, dass die Ökonomisierung des Gesundheitswesens an die Grenze gestoßen ist.“ Es müsse sichergestellt werden, „dass wirtschaftliche Interessen nicht systematisch entscheidungsleitend sein dürfen.“ Deswegen sei ein Eingreifen des Staates notwendig.
Umfrage: Mehrheit befürchtet „viel Missbrauch“ bei Organvergabe
Die Mehrheit der Deutschen geht einer Umfrage zufolge von „viel Missbrauch“ bei der Vergabe aus. Diese Meinung haben 64 Prozent der Bundesbürger, wie das Emnid-Institut im Auftrag von N24 ermittelte. Lediglich 28 Prozent glauben demnach, dass es bei der Organvergabe „eher fair“ zugeht.
Die persönliche Bereitschaft zur Organspende ist trotz dieses Misstrauens recht hoch: 61 Prozent würden ihre Organe spenden, 34 Prozent würden dies verweigern. Bei jungen Deutschen ist die Bereitschaft zur Organspende höher: So würden 77 Prozent der unter 29-Jährigen ihre Organe spenden – bei den über 50-Jährigen wären dazu nur 57 Prozent bereit.
Tatsächlich ist die Zahl der Spender allerdings sehr niedrig: In Deutschland kommen auf eine Million Einwohner etwa 15 tatsächliche Spender. International liegt die Bundesrepublik damit im unteren Drittel.
dapd/dpa/bee


