Ukraine

Berliner Arzt Harms zweifelt an Genesung Timoschenkos

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Florian Kain

Foto: Massimo Rodari

Lutz Harms von der Charité hat die Politikerin behandelt. Er zweifelt im Interview mit Morgenpost Online daran, dass sie wieder gesund wird.

Professor Lutz Harms, Neurologe an der Charité, hat die inhaftierte ukrainische Oppositionsführerin Julia Timoschenko im Mai und Juni im Gefängnis in Charkow betreut. Über ihren Gesundheitszustand, seine Arbeit in der Ukraine und wie Timoschenko die Fußball-Europameisterschaft wahrnimmt, sprach Florian Kain mit Lutz Harms.

Morgenpost Online: Herr Professor Harms, Sie waren gerade wieder in der Ukraine bei Julia Timoschenko. Wie geht es Ihrer Patientin?

Lutz Harms: Ich erinnere mich noch gut daran, wie kritisch es um Julia Timoschenko stand, als wir sie nach ihrem dreiwöchigen Hungerstreik im Mai aus dem Gefängnis ins Krankenhaus begleiteten. Es hat Wochen gedauert, bis wir Stück für Stück ihre Ernährung wieder aufgebaut hatten. Wir mussten dabei ganz behutsam vorgehen und konnten ihr zunächst nichts als verdünnte Säfte und Wasser verabreichen. Man kann sagen, dass sie inzwischen wieder ganz gut zu Kräften gekommen ist. Aber mit der eigentlichen Therapie ihres Bandscheibenleidens stehen wir noch am Anfang. Schauen Sie, es war zunächst ja gar nicht möglich, Frau Timoschenko überhaupt Medikamente zu verabreichen. Ihr Körper hätte dies nicht vertragen. Mittlerweile wurde mit einem sehr komplexen Behandlungsprogramm begonnen, einem Mix aus Medikamentengaben, Physiotherapie und Bewegungstherapie – so weit es die Umstände in dem Eisenbahnerkrankenhaus in Charkow erlauben.

Morgenpost Online: Am Montag soll der Prozess gegen Julia Timoschenko wieder aufgenommen werden. Ist sie überhaupt prozessfähig?

Lutz Harms: Aus ärztlicher Sicht war Julia Timoschenko während meiner Anwesenheit nicht in der Lage, an einem Prozess teilzunehmen. Ihre Schmerzen müssen mit Medikamenten betäubt werden. Sie war nicht fähig, längere Zeit auf einem Stuhl zu sitzen. Auch der sitzende Transport in den Gerichtssaal wäre ein Problem gewesen. Dazu kommt der Stress, den das Ganze auslöst. Belastungen wie diese sind bei einem chronischen Schmerzsyndrom sehr kontraproduktiv.

Morgenpost Online: Wenn Frau Timoschenkos Bandscheibenleiden chronisch ist, wäre sie nach dieser Logik aber nie wieder prozessfähig.

Lutz Harms: Die Schmerzen sind zumindest etwas besser als zu Beginn der Therapie. Wir hoffen auf weitere Behandlungserfolge.

Morgenpost Online: Sind solche Erfolge in Charkow überhaupt möglich? Sie hatten sich ja dafür eingesetzt, dass die Patientin verlegt wird.

Lutz Harms: Bis jetzt hat sich da nichts getan. Aber wir empfehlen weiter, Frau Timoschenko nach Kiew zu überweisen. Noch besser wäre es, sie unter Hausarrest zu stellen. Es gehört zu den Hauptproblemen bei dieser Therapie, dass Frau Timoschenko dieses große Misstrauen gegenüber den Behörden und also auch gegenüber den Ärzten hat, mit denen wir zusammenarbeiten. Sie lehnt aus diesem Grund wichtige diagnostische Maßnahmen ab. Sie lässt sich noch nicht mal Blut abnehmen, weil sie die Sorge hat, dass die Ergebnisse am Ende in der Öffentlichkeit landen.

Morgenpost Online: Können Sie das nachvollziehen?

Lutz Harms: Ja. Und zwar spätestens seit jenem Abend, als ich in Charkow in meinem Hotelzimmer auf dem Bett lag und beim Zappen durchs Programm plötzlich Fernsehaufnahmen meiner vertraulichen Behandlungspläne sah. Da war ich wirklich nur noch fassungslos. Am nächsten Tag ist die Situation dann eskaliert, weil die Patientin es abgelehnt hat, sich weiter im Krankenhaus behandeln zu lassen. Es war sehr mühsam, sie davon zu überzeugen, dass ich sie nicht betrogen hatte, sondern selber Opfer war.

Morgenpost Online: Fühlen Sie sich in der Ukraine willkommen?

Lutz Harms: Sicherlich bei den Ärzten, die in der Klinik vor Ort sind und auch eine schwierige Arbeit zu leisten haben. Ich habe den Eindruck, die Kollegen fühlen sich durch unsere Anwesenheit etwas entlastet.

Morgenpost Online: Welche Bedingungen müssen erfüllt sein, damit Julia Timoschenko jemals wieder richtig gesund werden kann?

Lutz Harms: Zunächst einmal eine entspannte Atmosphäre. Davon kann nicht die Rede sein, so lange Wachpersonal und Kameras im Krankenzimmer sind. Ich gehe prinzipiell davon aus, dass sich ihr Zustand dennoch verbessern kann. Aber es ist nicht auszuschließen, dass bestimmte Störungen für immer bleiben. Wenn ein Nerv lange Zeit komprimiert ist, kann er am Ende zerstört sein. Das lässt sich zwar mit einer modernen Rehabilitationstherapie kompensieren. Allerdings muss zunächst die Bewegungsfähigkeit wiederhergestellt werden. Frau Timoschenko kann ein Bein bislang kaum bewegen. Zusätzlich benötigt werden eine ausgeklügelte Schmerz- und Entspannungstherapie, also ein interdisziplinärer Behandlungsansatz. Nur dann gibt es eine Chance. Letztlich ist auch nicht auszuschließen, dass doch noch eine Operation oder andere invasive Maßnahmen notwendig werden könnten.

Morgenpost Online: Schmerztherapie, das klingt nach Voltaren-Einreibungen.

Lutz Harms: Die reichen hier nicht mehr aus. Wenn ein Bandscheibenvorfall so chronifiziert ist, dann kann man ihn mit Salbe nicht mehr beherrschen, da bedarf es moderner Therapien. Wir erstellen dafür die Pläne, sind aber auf die Mithilfe der ukrainischen Physiotherapeuten angewiesen, die etwa die nötigen Massagen nach unseren Verordnungen durchführen.

Morgenpost Online: Wie wichtig ist die persönliche Ansprache?

Lutz Harms: Sehr wichtig. Zum Glück spreche ich ja etwas Russisch. Aber wenn es ins Detail geht, benötigen wir einen Dolmetscher. Wirklich vertrauensvoll ist die Atmosphäre leider nie, da ja immer eine andere „Patientin“ und eine Dame des Wachpersonals mit im Raum sind. Besser wäre es auch, wenn Julia Timoschenko wieder in die Sonne und ins Grüne schauen könnte. Die Fensterscheiben sind mit milchglasartiger Folie verklebt.

Morgenpost Online: Ist das Psychoterror?

Lutz Harms: Jedenfalls ist die ständige Überwachung nicht gesundheitsförderlich. Sie ist schon sehr gut abgesichert.

Morgenpost Online: Wie nimmt Frau Timoschenko die Europameisterschaft wahr?

Lutz Harms: Sie freut sich über die Spiele, und nicht nur, weil sie die Europameisterschaft ja selber ins Land geholt hat. Sie ist an allem interessiert, was in der Ukraine passiert und liebt ihr Land sehr. Ich bin beeindruckt, welch starke Persönlichkeit sie ist und wie sie mit dieser Situation umgeht.

Morgenpost Online: Hoffen Sie noch darauf, dass Ihre Patientin begnadigt wird?

Lutz Harms: Ich hoffe weiter, dass man sie freispricht und sich die Anschuldigungen als haltlos erweisen.

Morgenpost Online: Hatten Sie jemals einen berühmteren Patienten?

Lutz Harms: Hier in Berlin haben wir natürlich oft bekannte Patienten. Aber es ist wirklich eine besondere Erfahrung, jemanden sozusagen unter den Augen der gesamten Weltöffentlichkeit zu behandeln.