Flughafen Tegel, Gate B 21. Dahinter beginnt für Anja Schiebold und Robert Gutkowski die Erholung. Einmal im Jahr macht das Paar mit Tochter Emma (5) eine große Reise. Frankreich, Belgien und Italien waren in den vergangenen Jahren die Ziele, heute geht es noch weiter weg: nach New York. Die Berliner wollen sich die Stadt angucken, dann soll es die Ostküste entlang gehen. Der Koffer mit der Camping-Ausrüstung ist bereits eingecheckt. Drei-Mann-Zelt, Wasserkocher, Laternen – alles für den perfekten Roadtrip.
Deutschland ist liebstes Ziel der Berliner
Mit ihrem Reiseziel liegt die kleine Familie voll im Trend. 15 Prozent der Berliner verbringen ihren Sommerurlaub außerhalb Europas, in den USA, Afrika oder Fernost. Damit sind diese Fernziele in diesem Jahr ebenso beliebt wie Spanien. Das hat eine repräsentative Umfrage der Berliner Sparkasse ergeben. Hinter Spanien folgen die Türkei (neun Prozent), Italien und Österreich (sechs Prozent) und – trotz Krise – Griechenland (vier Prozent). Des Berliners liebstes Reiseziel ist allerdings weiterhin Deutschland, 37 Prozent der Hauptstädter urlauben in diesem Sommer zwischen Ostsee und Allgäu. Damit bleiben die Berliner in noch höherem Maße der Heimat treu als die Urlauber im Rest der Republik (33 Prozent). Zwar sind es vor allem die Berliner über 50 Jahre, die bevorzugt im Heimatland bleiben (42 Prozent). Doch auch unter den 18- bis 29-Jährigen urlaubt jeder Dritte in Deutschland.
Jeder zweite bleibt zu Hause
Auch Anja Schiebold und Robert Gutkowski gehören übrigens trotz USA-Reise zu den begeisterten Deutschland-Urlaubern. „Wir machen oft Urlaub an der Ostsee oder in Mecklenburg, weil meine Eltern dort wohnen“, sagt die Musiklehrerin Anja Schiebold.
Die meisten Berliner folgen jedoch einem ganz anderen Trend: Sie bleiben zu Hause. Nur 47 Prozent, und damit nicht einmal jeder Zweite, haben laut Sparkassen-Umfrage zwischen Juni und September eine Urlaubsreise geplant. Vergangenes Jahr waren es noch 52 Prozent.
Schuld an der getrübten Reiselust ist offenbar die Euro-Krise. Nicht nur Griechenland ist zum unkalkulierbaren Reiseziel geworden, auch Spanien und Italien rutschen zusehends tiefer in die Krise hinein. Angesichts dieser Umstände sparen viele Berliner ihr Geld anscheinend lieber, anstatt es für Urlaub auszugeben.
Krise beeinflusst Reiseverhalten
Die Marktforscher der Info GmbH wollten im Auftrag der Berliner Sparkasse also wissen: „Beeinflusst die Euro-Krise Ihr Reiseverhalten?“ Fast ein Viertel, insgesamt 23 Prozent, bejahten dies. Dabei sagte jeder Zehnte, dass er nun weniger verreisen wolle als im vergangenen Jahr. Sechs Prozent verkürzen die Reisezeiten, neun Prozent wollen vor Ort weniger Geld ausgeben. Andere verzichten für den Urlaub auf Anschaffungen (sechs Prozent). Nur zwei Prozent der Befragten gaben an, trotz der Krise mehr Geld als 2011 für den Urlaub auszugeben.
Fernbuslinien innerhalb Deutschlands
Jörg Sipli, Chef der BEX Fernbuslinien, hat jahrelange Erfahrung mit dem Reiseverhalten der Hauptstädter. Und er weiß: „Berliner sind sehr preissensibel.“ In Städten mit höheren Einkommen wie Stuttgart oder Frankfurt würde sein Angebot hingegen nicht auf so großen Zuspruch treffen, ist sich der Unternehmer sicher. Sipli hat seine Firma den Berliner Bedingungen angepasst, er und sein Kooperationspartner, die Firma Berlin Linien Bus, steuern viele Urlaubsziele in Deutschland an und bieten damit oft eine preisgünstige Alternative zu anderen Reisemöglichkeiten. „Von knapp einer Million Fahrten im Jahr enden rund 700.000 innerhalb der deutschen Grenze. Die meisten Reisenden haben kleine Feriendörfer zum Ziel, zum Beispiel auf Rügen oder den Darß, die im Hochsommer sehr gut besucht werden“, sagt Sipli. Aber das Geschäft ist natürlich wetterabhängig. Grundsätzlich gilt für ihn: „Neben den Ostsee-Zielen sind auch Reiseziele in Richtung Bayern sehr beliebt, etwa die Fränkische Schweiz, das Fichtelgebirge und natürlich Nürnberg, München oder Bayreuth.“ Trotz der Konkurrenz von Billigfliegern stünden aber auch Kopenhagen, Amsterdam, London und Paris hoch im Kurs.
1270 Euro für den Urlaub
Der Unternehmer setzt auf Kunden wie Michaela Becker. Die Tourismus-Studentin schreibt an der Hochschule für Wirtschaft und Recht (HWR) in Lichtenberg gerade an ihrer Abschlussarbeit, und muss – wie ihre Kommilitonen – auf das Geld achten. Die 29-Jährige will versuchen, in diesem Sommer mit wenigen Hundert Euro auszukommen, sie fährt deswegen nur jeweils eine Woche weg. „Ich fahre mit Bus und Bahn in den Süden nach Konstanz. Und später dann noch für ein paar Tage in den Norden, nach Warnemünde“, sagt Michaela Becker.
Damit bleibt die Studentin ungefähr in dem Schnitt, den die Sparkassen-Umfrage ergeben hat: Demnach geben die Berliner in der Altersgruppe von 18 bis 29 Jahren im Schnitt 898 Euro für ihren Urlaub aus. Anders die Generation 50 plus, die häufig einen hohen Wohlstand hat. Bei den Berliner Pensionären und Rentnern sind im Schnitt 1390 Euro in der Sommerurlaubskasse. Das liegt mehr als 100 Euro über dem Wert für alle Berliner von 1270 Euro. So erklärt sich vermutlich auch, dass vor allem die 18- bis 29-Jährigen trotz Krise in den Urlaub fahren, 51 Prozent von ihnen haben auch in diesem Jahr Urlaubspläne gemacht. Zum Vergleich: Von den Berlinern, die älter als 30 Jahre sind, verzichten in diesem Jahr sogar 54 Prozent auf den Sommerurlaub.
Mix verschiedener Zahlungsmittel
Zumindest was die Zahlungsmittel im Urlaub angeht, lassen sich die Berliner aber nicht verunsichern: Die Zusammensetzung ihrer Urlaubskasse bleibt praktisch unverändert. 2011 wie in diesem Jahr wollen 75 Prozent der Reisenden Bargeld mitnehmen. 40 Prozent stecken die EC-Karte ein, 29 Prozent eine Kreditkarte. Alle anderen möglichen Bezahlformen – Prepaid-Karten oder Traveller-Schecks – spielen praktisch keine Rolle. Olaf Schulz, der Direktor der Berliner Sparkasse, rät dennoch, sich für alle Szenarien zu wappnen – schließlich hatte es in Griechenland bereits Pläne gegeben, die Banken zu schließen, falls die Griechen panisch ihr Geld abheben sollten. „Bargeld gehört in jede Urlaubskasse, bei Reisen nach Griechenland ist es derzeit sicherlich angebracht, etwas mehr mitzunehmen“, sagt Schulz. Grundsätzlich rät er zu einem Mix verschiedener Zahlungsmittel wie Bargeld, Kreditkarte und Girocard. „Damit fährt man am sichersten“, sagt Olaf Schulz.
Kreuzfahrten immer beliebter
Vom Kostenbewusstsein der Berliner Reiselustigen kann auch Madeleine Riemann einiges berichten. Sie arbeitet in einem Reisebüro an der Friedrichstraße. Viele Badeurlauber, sagt Riemann, bevorzugten All-inclusive-Reisen. Und: „Generell haben die Frühbucher-Ermäßigungen den Last-Minute-Angeboten den Rang abgelaufen, da Veranstalter keine großzügigen Ermäßigungen gewähren“, so Riemann. Gut gebucht sind – wie immer – Spanien und die Türkei. Wegen seiner niedrigen Preise ist außerdem Bulgarien weiterhin im Aufwind. Zudem werden auch immer mehr Schiffsreisen nachgefragt. „Das vielfältige Angebot von Kreuzfahrten findet immer mehr Interessenten“, sagt Reisekauffrau Riemann. „Die Menschen schätzen die Kombination aus Erholung und Erleben.“
Zeit mit den Lieben verbringen
Der wichtigste Grund für die Berliner, überhaupt in den Urlaub zu fahren, ist allerdings die Möglichkeit, Zeit mit den Lieben zu verbringen. 70 Prozent der Berliner geben an, dass ihre liebste „Urlaubsaktivität“ ist, Zeit mit Familie, Partner oder Freunden zu verbringen. Erst dahinter kommt „aktiv sein“, also Wandern oder Schwimmen (67 Prozent). 62 Prozent der Berliner möchten im Urlaub andere Kulturen kennenlernen, fast jeder zweite möchte neue Leute treffen oder auch einfach nur „faulenzen“ (jeweils 45 Prozent). Und fast jeder Dritte – bei der 18- bis 29-Jährigens 59 Prozent – möchte im Sommerurlaub das Nachtleben genießen.
Annette Eißler kennt dieses Urlaubsverhalten von ihrer eigenen Familie: „Strandurlaub und Entspannen mögen unsere Kinder am liebsten“, sagt die Berliner Hausärztin, die mit ihrem Mann und den Kindern Nelli (9) und Felix (10) ebenfalls vom Flughafen Tegel in den USA-Urlaub startet. Ihr selbst geht es wie den meisten Berlinern, sie freut sich darauf, viel mit ihrer Familie zu erleben.
Berliner planen spontan
Und es gibt noch einen Punkt, in dem sich das Berliner Reiseverhalten von dem des Rests der Republik unterscheidet: In Berlin plant man den Sommerurlaub eher spontan. Das ergab eine Umfrage der „Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen“, die kurz vor der Internationalen Tourismus-Börse (ITB) 3500 Deutsche nach ihren Reiseplänen gefragt hatte. Dabei kam heraus, dass schon 57 Prozent feste Urlaubspläne hatten – in Berlin waren es zehn Prozent weniger.


